Volkslieder gegen Panzer
Musik und Gesang haben eine lange Tradition im Baltikum und trugen einst zur Identitätsfindung der drei Länder bei. Die Macht der Musik zeigte sich auch Ende der 1980er Jahre im Kampf um die Unabhängigkeit.Estland, Lettland und Litauen haben viel gemeinsam, und doch wahrt jedes der drei Länder seine Individualität.
Schlagwort "Kulturnation"
Hier lohnt ein Blick in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts: In ganz Europa entwickelten sich damals nationalistische Bewegungen. Nationaltheater schossen wie Pilze aus dem Boden, Literaturzirkel widmeten sich dem nationalen Volksgut. Das allgemeine Interesse galt dem Schlagwort "Kulturnation". Auch in Estland und Lettland waren Intellektuelle in dieser Zeit des "ersten nationalen Erwachens" auf der Suche nach Identität.
Hymnen und Liederfeste
Die Russifizierung des Baltikums durch die Besatzer - Sprache, Schul- und Rechtssystem waren fest in der Hand des Russischen Reichs - wirkte dabei als Katalysator: Je mehr die baltischen Völker nämlich um ihre Kulturen fürchten mussten, umso mehr besannen sie sich darauf. Volkslieder schufen da eine Basis, die alle Klassen einte: Das erste nationale estnische Sängerfest gab es 1869 in Tartu - damals Dorpat -, 1873 folgte Lettland und 1924 schließlich Litauen mit einem nationalen Liederfest. In Estland und Lettland entstanden Nationalhymnen, die, von Chören vorgetragen, zum festen Bestandteil der alle vier bis fünf Jahre organisierten Veranstaltungen gehörten.
"Zweites nationales Erwachen"
Nach den Wirren des Ersten Weltkriegs und der russischen Revolutionen, in denen oft Mitglieder ein und derselben Familie gegeneinander kämpften, verstärkte sich das politische Streben nach nationaler Einheit. Während des "zweiten nationalen Erwachens" riefen 1918 nacheinander Estland, Litauen und Lettland ihre Unabhängigkeit aus und machten sich zu selbstständigen Republiken. In heftigen Kämpfen verdrängte man die Rote Armee aus dem Baltikum.
Doch die Freiheit währte nicht lange: 1940 besetzten sowjetische Truppen die baltischen Staaten, das Stalin-Regime etablierte die Estnische, Lettische und Litauische Sowjetrepublik. Später, im Zuge des Angriffs auf die Sowjetunion, folgte dann die Deutsche Wehrmacht als Besatzungsmacht. 1944 kehrte die Rote Armee zurück.
Nach sowjetischen Vorgaben
Was nun kam, waren fast fünfzig Jahre der Unterdrückung von Esten, Letten und Litauern, gekennzeichnet durch intensive Russifizierung, Massendeportationen von Einheimischen und Ansiedlung von Russen im baltischen Raum. Auch das Volksgut wurde in diesem Sinne umgewidmet: Nach wie vor gab es zwar nationale Liederfeste - allerdings nach sowjetischen Vorgaben: Nationalhymnen, außer der sowjetischen, waren verboten; das glückliche Leben im sowjetischen Baltikum sollte nunmehr besungen werden.
Sowjetische Briefmarke zum Sängerfest 1965: Statt baltischer Hymnen erklangen dort sowjetische Lieder.
Doch trotz aller Beschränkungen boten gerade diese Liederfeste - von jeher Massenveranstaltungen - Möglichkeiten des Protests. Die Auswahl der volkssprachlichen Lieder, aber auch Änderungen im Detail, ergaben einen patriotischen Code, der für russischsprachige Zuhörer fast nicht zu entschlüsseln war: "Das ganze Jahr sammelte ich Lieder,/ Auf den Jani-Tag wartend,/ Nun ist der Jani-Tag gekommen,/ Nun werden die Lieder gesungen." Das Jani-Fest der Sommersonnenwende lässt, als Symbol der Veränderung und des Neuanfangs, auch auf die Nation bezogene Interpretationen zu.
Zeitungen und Meinungen
Offener Widerstand regte sich jedoch erst in der Amtszeit Michail Gorbatschows, also ab 1985. Nationale Zeitungen und freiere Meinungsäußerung waren eine Folge der Lockerung des Pressegesetzes. Auch Kontakte zu ihren europäischen Nachbarstaaten durften Letten, Esten und Litauer wieder aufnehmen.
Die veränderten politischen Bedingungen mündeten schließlich ins "dritte nationale Erwachen": Der Plan zur Erschließung eines Phosphorvorkommens in Nordestland - dies hätte massive Umweltzerstörung und erneute Zuwanderung von russischen Arbeitern bedeutet -, führte am 23. August 1987 in Tallinn, Riga und Vilnius zu gewaltfreien Protesten. Die Demonstranten forderten mehr Rechte für ihre Völker, einen Immigrationsstopp und kulturelle Unabhängigkeit.
Singende Revolution
Volksfronten - Vereinigungen national gesinnter Bürger - erstanden in allen baltischen Ländern. Im September 1988 organisierte die estnische Volksfront in Tallinn das Sängerfest Das estnische Lied, zu dem rund dreihunderttausend Teilnehmer erschienen. Diese Massenveranstaltung war der Beginn der als "Singende Revolution" bekannt gewordenen Unabhängigkeitsbewegung.
Friedlicher Protest 1989: Gewaltlos treten Esten, Letten und Litauer für ihre erneute Unabhängigkeit ein. Zwei Jahre später ist das Ziel erreicht.
(Bild: Figuura; Creative Commons)
(Bild: Figuura; Creative Commons)
Im Frühjahr 1990 proklamierte Litauen seine Unabhängigkeit, Lettland setzte eine Übergangsregierung ein und Estland kündigte seine Unabhängigkeit an. Die Sowjetregierung versuchte, durch gezielte Angriffe die Widerstandsbewegung zu destabilisieren: durch eine Wirtschaftsblockade gegen Litauen und den Vilniusser Blutsonntag am Fernsehzentrum in in der litauischen Hauptstadt: Sowjetische Luftlande- und Panzereinheiten marschierten auf die Medienanstalt zu. Ihnen stellten sich zahlreiche unbewaffnete Zivilisten entgegen, vierzehn Menschen wurden getötet.
Zum Einlenken gezwungen, musste die Sowjetunion schließlich im September 1991 die Unabhängigkeit Estlands, Lettlands und Litauens anerkennen. Bis heute sind die Beziehungen zwischen den baltischen Staaten und Russland gespannt; Grenzverträge bestehen bisher nur mit Lettland und Litauen. Den im Mai 2005 unterzeichneten Vertrag mit Estland zog Russland schon im Juni desselben Jahres wieder zurück.
Das Lied siegt
Konsequente Gewaltlosigkeit und die Zusammenarbeit von Esten, Letten und Litauern brachten ihnen die Freiheit: "Das Lied und die von ihm herangebildete Geisteskraft waren die einzigen Waffen der Letten während der Barrikadenkämpfe in den Rigaer Straßen im Januar 1991", sagt Mārā Zālīte, eine der Vordenkerinnen der Singenden Revolution - "und das Lied trug den Sieg davon."
Hedda Hillermann (02.02.2011)
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Steckbrief Litauen
Der südlichste Staat des Baltikums ist Litauen, in der Landessprache Lietuva genannt. Litauen ist das größte baltische Land, mit einer Fläche von rund 65.300 Quadratkilometern, und das bevölkerungsreichste: 3,6 Millionen Menschen leben dort, allein etwa 543.000 in Litauens Hauptstadt Vilnius. Über 80 Prozent der Einwohner Litauens sind Litauer; Russen und Polen stellen rund acht und sechs Prozent der Bewohner.
Geografisch liegt Litauen im Mittelpunkt Europas und bildet einen Korridor zwischen Skandinavien, Russland, Polen und Westeuropa. Die Nationalhymne Litauen, unser Vaterland veröffentlichte der Journalist Vincas Kudirka (1858 bis 1899) in der von ihm herausgegebenen nationalen Zeitung Varpas im Jahr 1898, während der Zeit des "ersten nationalen Erwachens".
Der südlichste Staat des Baltikums ist Litauen, in der Landessprache Lietuva genannt. Litauen ist das größte baltische Land, mit einer Fläche von rund 65.300 Quadratkilometern, und das bevölkerungsreichste: 3,6 Millionen Menschen leben dort, allein etwa 543.000 in Litauens Hauptstadt Vilnius. Über 80 Prozent der Einwohner Litauens sind Litauer; Russen und Polen stellen rund acht und sechs Prozent der Bewohner.
Geografisch liegt Litauen im Mittelpunkt Europas und bildet einen Korridor zwischen Skandinavien, Russland, Polen und Westeuropa. Die Nationalhymne Litauen, unser Vaterland veröffentlichte der Journalist Vincas Kudirka (1858 bis 1899) in der von ihm herausgegebenen nationalen Zeitung Varpas im Jahr 1898, während der Zeit des "ersten nationalen Erwachens".
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Steckbrief Lettland
Lettland, auf Lettisch Latvija, liegt in der Mitte der drei baltischen Staaten. Seine Fläche beträgt 64.590 Quadratkilometer. Von den etwas mehr als 2,2 Millionen Einwohnern leben rund 745.000 in der Hauptstadt Riga. Nur etwa 57 Prozent der Bürger Lettlands sind allerdings Letten, fast 30 Prozent der Bevölkerung sind Russen.
Die lettische Nationalhymne Gott, segne Lettland schrieb und komponierte Kārlis Baumanis um 1870, im Zuge des "ersten nationalen Erwachens". Er verwendete als erster das Wort Latvija (Lettland). Der Verein der Letten zu Riga widmete sich der Suche nach einem nationalen Volksepos: Andrejs Pumpurs (1841 bis 1902) verfasste 1888 das Epos Bärentöter. Es verherrlicht die nationale Vergangenheit und beschreibt die moralische Überlegenheit der Letten gegenüber ihren Unterdrückern mit der Hoffnung auf Befreiung.
Lettland, auf Lettisch Latvija, liegt in der Mitte der drei baltischen Staaten. Seine Fläche beträgt 64.590 Quadratkilometer. Von den etwas mehr als 2,2 Millionen Einwohnern leben rund 745.000 in der Hauptstadt Riga. Nur etwa 57 Prozent der Bürger Lettlands sind allerdings Letten, fast 30 Prozent der Bevölkerung sind Russen.
Die lettische Nationalhymne Gott, segne Lettland schrieb und komponierte Kārlis Baumanis um 1870, im Zuge des "ersten nationalen Erwachens". Er verwendete als erster das Wort Latvija (Lettland). Der Verein der Letten zu Riga widmete sich der Suche nach einem nationalen Volksepos: Andrejs Pumpurs (1841 bis 1902) verfasste 1888 das Epos Bärentöter. Es verherrlicht die nationale Vergangenheit und beschreibt die moralische Überlegenheit der Letten gegenüber ihren Unterdrückern mit der Hoffnung auf Befreiung.
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Steckbrief Estland
Der kleinste Staat des Baltikums, mit einer Fläche von nur 45.226 Quadratkilometern, ist Estland, im Estnischen Eesti genannt. Estnisch ist die einzige Sprache des baltischen Raumes, die nicht indo-europäischen Ursprungs sondern mit dem Finnischen verwandt ist. Zu Estland gehören rund 1.521 Inseln und 1.240 Kilometer Ostseeküste. Die Hauptstadt Tallinn hat rund 400.000 Einwohner. 67 Prozent der etwa 1,3 Millionen Bürger Estlands sind Esten, ein Viertel sind Russen.
Die Dichterin Lydia Koidula (eigentlich Lydia Emilie Florentine Janssen, 1843 bis 1886) vollzog mit dem Gedicht Mein Vaterland ist meine Liebe einen großen Schritt hin zur Bildung nationalen estnischen Bewusstseins: 1869 vertonte der Komponist Alexander Kunileid (1845 bis 1875) dieses Gedicht für das erste estnische Sängerfest in Dorpat (heute Tartu).
Der kleinste Staat des Baltikums, mit einer Fläche von nur 45.226 Quadratkilometern, ist Estland, im Estnischen Eesti genannt. Estnisch ist die einzige Sprache des baltischen Raumes, die nicht indo-europäischen Ursprungs sondern mit dem Finnischen verwandt ist. Zu Estland gehören rund 1.521 Inseln und 1.240 Kilometer Ostseeküste. Die Hauptstadt Tallinn hat rund 400.000 Einwohner. 67 Prozent der etwa 1,3 Millionen Bürger Estlands sind Esten, ein Viertel sind Russen.
Die Dichterin Lydia Koidula (eigentlich Lydia Emilie Florentine Janssen, 1843 bis 1886) vollzog mit dem Gedicht Mein Vaterland ist meine Liebe einen großen Schritt hin zur Bildung nationalen estnischen Bewusstseins: 1869 vertonte der Komponist Alexander Kunileid (1845 bis 1875) dieses Gedicht für das erste estnische Sängerfest in Dorpat (heute Tartu).
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Gesungene Gedichte
Dainas, kurze - meist vierzeilige - Gedichte aus Lettland, bilden, neben den längeren litauischen Dainos und den uralten estnischen Runo-Gesängen, die Grundlage für die Entwicklung baltischer Volkslieder. Die Dainas haben drei Hauptthemen: das Dasein des Menschen im allgemeinen - Leben, Geburt und Sterben; traditionelle Feste im Jahreslauf; und alles Kosmisch-Mythologische - Götter, Teufel und die Elemente.
Mit dem "ersten nationalen Erwachen" begann auch die Sammlung der mündlich überlieferten Dainas. Zwischen 1894 und 1915 veröffentlichte der Dichter Krišjānis Barons (1835 bis 1923) die Latvju Dainas: sechs Bände mit insgesamt 217.996 Volksliedern. 1925 nahm das Archiv für lettische Folklore seine Arbeit auf; dessen erste Leiterin, Anna Bērzkalne, führte Barons Werk fort. In den ersten zwei Jahren des Sammelns kamen 219.000 Dainas zusammen, in den folgenden 18 Jahren noch weitere 556.350.
Auch die sowjetischen Besatzer unterstützten die Sammlung der lettischen Volkslieder, wohl um zu demonstrieren, dass die kulturelle Identität der einzelnen Sowjetvölker nicht ausgelöscht werde. Heute sind rund 1,2 Millionen Dainas und etwa 30.000 Melodien bekannt.
Dainas, kurze - meist vierzeilige - Gedichte aus Lettland, bilden, neben den längeren litauischen Dainos und den uralten estnischen Runo-Gesängen, die Grundlage für die Entwicklung baltischer Volkslieder. Die Dainas haben drei Hauptthemen: das Dasein des Menschen im allgemeinen - Leben, Geburt und Sterben; traditionelle Feste im Jahreslauf; und alles Kosmisch-Mythologische - Götter, Teufel und die Elemente.
Mit dem "ersten nationalen Erwachen" begann auch die Sammlung der mündlich überlieferten Dainas. Zwischen 1894 und 1915 veröffentlichte der Dichter Krišjānis Barons (1835 bis 1923) die Latvju Dainas: sechs Bände mit insgesamt 217.996 Volksliedern. 1925 nahm das Archiv für lettische Folklore seine Arbeit auf; dessen erste Leiterin, Anna Bērzkalne, führte Barons Werk fort. In den ersten zwei Jahren des Sammelns kamen 219.000 Dainas zusammen, in den folgenden 18 Jahren noch weitere 556.350.
Auch die sowjetischen Besatzer unterstützten die Sammlung der lettischen Volkslieder, wohl um zu demonstrieren, dass die kulturelle Identität der einzelnen Sowjetvölker nicht ausgelöscht werde. Heute sind rund 1,2 Millionen Dainas und etwa 30.000 Melodien bekannt.



