Das deutsche Gebirge
Deutschland war geteilt, der Harz - in der Mitte des Landes - war es ebenso. Das Schicksal der Region wirkt wie ein verkleinertes Abbild des deutschen Schicksals im Ganzen.Caspar David Friedrich malte 1822 sein Harz-Bild mit dem einsamen Baum. Ob auch Heine hier vorüber kam?
Schwer zu sagen, doch dürfen wir freundliche Ironie vermuten: 1824 war Deutschsein die romantischste, harmloseste Sache der Welt: verschroben, zipfelmützig, verschlossen, hinter dem Walde.
Sprüchlein im Gipfelbuch
Gewiss kannte Heine Goethes Harzreise im Winter: Hexen, Teufel, all das nächtliche mystische Treiben, und bunt war es, verglichen mit der oft armseligen Realität in den Dörfern des Harzes. Deutschsein: genügsam Leben mit dem Unirdischen, dem Spekulativen; deutsch gebärdet sich der deutsche Spießer, der keuchend den Brocken erklimmt, dort "poetische" Sprüchlein ins Gipfelbuch schreibt, über die Heine sich mokiert.
Nein, das kann nicht alles gewesen sein! Der deutsche Brocken, der deutsche Harz, das deutscheste Gebirge - gestehen wir Heine auch hier ein paar prophetische Gaben zu!
Das Brockenplateau, 1850: So sah es der Zeichner des Neuruppiner Bilderbogens.
Nötig ist bloß ein Zeitsprung über hundertzwanzig Jahre. Von da an, ab dem Jahr 1943, bündelt sich deutsches Geschick in diesem Mittelgebirge auf dramatische Weise.
Endgültig ist es vorbei mit dem ruhigen Dasein abseits der großen Wege, als Sprengtrupps gewaltige Stollen in die Berge treiben: Jagdflugzeuge, Raketen sollen entstehen für das Nazireich. Zwangsarbeiter aus dem Osten und Häftlinge aus nahe gelegenen KZs decken den Bedarf an Arbeitskräften. Die Unschuld geht den Bergbach hinunter.
Himmlers Festung
Monate später, das Reich liegt in den letzten Zügen, ruft ein anderer Heinrich - Heinrich Himmler - den deutschen Harz zur Festung aus. Wehrmacht, Waffen-SS und Volkssturm leisten dem Vormarsch der 11. US-Armee von Norden her Widerstand.
Um die Städte Ilfeld und Ellrich tobt ein erbitterter Kampf. Bis Mitte Mai kämpfen Einheiten des Volkssturms weiter. Dass der Krieg vorüber ist, vergaß man ihnen zu sagen. Inzwischen hatte ein neues Kapitel begonnen.
Die "Demarkationslinie" zwischen den Besatzungszonen der Siegermächte verlief entlang historischer Ländergrenzen. Im Harz war es die Grenze zwischen Braunschweig und Preußen. Führten anfangs noch Wege hin- und herüber, herrschte ab Mai 1952 ein strengeres Regime: Gen Osten, im Anschluss an fünfhundert Meter Todeszone, erstreckte sich das fünf Kilometer breite Sperrgebiet; Sicherheitskräfte siedelten jeden um, der als politisch unzuverlässig galt.
Vom Hexentanzplatz grüßt der Teufel: Der hier fand dort nach der Wende seinen Platz.
Und von Bergeshöhn belauschten die verfeindeten Supermächte einander. Auf dem Brocken, der Erhebung mitten im Sperrgebiet, installierte der sowjetische Geheimdienst GRU seine Abhörtechnik. Das romantische Revier der Hexen und Teufel war jetzt "höchster Berg der Welt", wie der Volksmund in der DDR sagte: "keine Chance, hinaufzukommen."
Fast viereinhalb Jahrzehnte
Den Harz, das deutsche Gebirge, zerschnitt die deutsch-deutsche Grenze fast viereinhalb Jahrzehnte lang. Stacheldraht und Türme aus Holz zunächst, später DDR-Hightech, sprich: Betontürme und Selbstschussanlagen.
Im Oberharz, in Niedersachsen, ebenso im Unterharz, im Bezirk Magdeburg, akzeptierte die Mehrheit der Bewohner das Unnormale. Das Schicksal der vergleichsweise Wenigen, der Flüchtlinge und Grenzopfer, ist eine andere Geschichte. Sie wurden aus dem Bewusstsein verdrängt. Wo Menschen leben, ist Alltag, ist Anpassung die Regel.
Am 11. November 1989 hatte es mit alldem ein Ende: Deutsche und Deutsche versuchten, aufeinander zuzugehen. Länger hielt sich die Lauschbastion auf dem Brocken: Am 30. Mai 1994 erst verließ der letzte sowjetische Soldat den Gipfel. "Natur kennt keine Grenzen", verkündet die Zwei-Länder-Verwaltung des Nationalparks heute.
Sein eigenes Denkmal
Der einstige Kolonnenweg der DDR-Grenzer, früher knapp hinter dem Zaun, dient als Wanderpfad. Millionen kostete es, die Brockenkuppe zu renaturieren. Nun stehen wieder Touristen aus Ost und West dort oben. Ein Gipfelbuch gibt es nicht mehr, dafür Stempel in Wanderpässe. Weil der Brocken so deutsch ist, ist er sein eigenes Denkmal geworden.
Michael Schmittbetz (08.02.2008)
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Jünger als gedacht
Der Brocken ist mit 1.142 Meter der höchste Berg im Harz. Bislang gingen Experten davon aus, dass der Berg vor rund 330 Millionen Jahren entstand. Nun haben Forscher der Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen in Dresden das Gestein auf dem Brocken erneut untersucht.
Das Ergebnis: Der Brocken ist rund 40 Millionen Jahre jünger als bisher angenommen. "Die Entstehung des Brockengranits ist mit der Entstehung und dem beginnenden Zerfall des Superkontinents Pangäa in Zusammenhang zu bringen", erklärt Senckenberg-Forscher Prof. Dr. Ulf Linnemann, "und nicht etwa mit gebirgsbildenden Prozessen, wie dies bei Graniten in den Alpen oder dem Himalaya häufig der Fall war." Demnach ist der Brocken erst 293 Millionen Jahre alt.
Der Brocken ist mit 1.142 Meter der höchste Berg im Harz. Bislang gingen Experten davon aus, dass der Berg vor rund 330 Millionen Jahren entstand. Nun haben Forscher der Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen in Dresden das Gestein auf dem Brocken erneut untersucht.
Das Ergebnis: Der Brocken ist rund 40 Millionen Jahre jünger als bisher angenommen. "Die Entstehung des Brockengranits ist mit der Entstehung und dem beginnenden Zerfall des Superkontinents Pangäa in Zusammenhang zu bringen", erklärt Senckenberg-Forscher Prof. Dr. Ulf Linnemann, "und nicht etwa mit gebirgsbildenden Prozessen, wie dies bei Graniten in den Alpen oder dem Himalaya häufig der Fall war." Demnach ist der Brocken erst 293 Millionen Jahre alt.
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Der Harz
Seinen Namen verdankt der Harz den Haruden - einem germanischen Volksstamm, der hier in grauer Vorzeit siedelte. Besser zu datieren ist die Entstehung vieler Harzorte mit der Endung "-rode": Sie gehen auf die Mitte des 9. Jahrhunderts zurück. Woher deren Gründer kamen, ist dennoch unbekannt.
Auch damals schon war der Harz etwa 110 Kilometer lang und 30 bis 40 Kilometer breit. Das Mittelgebirge gliedert sich in den niedrigeren Unterharz im Südosten, mit Gipfelhöhen bis zu 400 Metern, sowie den Oberharz im Nordosten, dessen Höhenzüge bis zu 800 Meter erreichen. Höchste Erhebung ist der Brocken, mit 1.142 Metern.
Der Harz ist ein Schollengebirge, das nach Westen und Nordosten steil abfällt und nach Süden allmählich abflacht. Das Gebirge wird von mehreren tiefen Tälern durchschnitten. Rund um das Gebirge liegt das ausgedehnte Harzvorland.
Berühmt ist der Nationalpark Harz, der 2006 als erster länderübergreifender Nationalpark Deutschlands aus den beiden Nationalparks Harz (Niedersachsen) und Hochharz (Sachsen-Anhalt) zusammenwuchs. Die Harzer Schmalspurbahn, eine beliebte Touristenattraktion, erschließt den Unterharz und verbindet Wernigerode, Nordhausen, Quedlinburg und den Brocken miteinander.
Typisch ist der Harzer Nebel, was mit der Höhenlage und der hohen Niederschlagsneigung zusammenhängt. Bekanntestes Getränk ist deshalb der Schierker Feuerstein, ein Kräuterlikör.
Seinen Namen verdankt der Harz den Haruden - einem germanischen Volksstamm, der hier in grauer Vorzeit siedelte. Besser zu datieren ist die Entstehung vieler Harzorte mit der Endung "-rode": Sie gehen auf die Mitte des 9. Jahrhunderts zurück. Woher deren Gründer kamen, ist dennoch unbekannt.
Auch damals schon war der Harz etwa 110 Kilometer lang und 30 bis 40 Kilometer breit. Das Mittelgebirge gliedert sich in den niedrigeren Unterharz im Südosten, mit Gipfelhöhen bis zu 400 Metern, sowie den Oberharz im Nordosten, dessen Höhenzüge bis zu 800 Meter erreichen. Höchste Erhebung ist der Brocken, mit 1.142 Metern.
Der Harz ist ein Schollengebirge, das nach Westen und Nordosten steil abfällt und nach Süden allmählich abflacht. Das Gebirge wird von mehreren tiefen Tälern durchschnitten. Rund um das Gebirge liegt das ausgedehnte Harzvorland.
Berühmt ist der Nationalpark Harz, der 2006 als erster länderübergreifender Nationalpark Deutschlands aus den beiden Nationalparks Harz (Niedersachsen) und Hochharz (Sachsen-Anhalt) zusammenwuchs. Die Harzer Schmalspurbahn, eine beliebte Touristenattraktion, erschließt den Unterharz und verbindet Wernigerode, Nordhausen, Quedlinburg und den Brocken miteinander.
Typisch ist der Harzer Nebel, was mit der Höhenlage und der hohen Niederschlagsneigung zusammenhängt. Bekanntestes Getränk ist deshalb der Schierker Feuerstein, ein Kräuterlikör.
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Funkturm Brocken
Schon 1935 gelang unter Einsatz eines mobilen Senders die erste Fernsehübertragung vom Brocken. Seitdem wurde der Berg die Elektronik nicht mehr los. Zwischen 1936 und 1937 entstand der erste, mit Antenne 95 Meter hohe Fernsehturm. Lediglich der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939 verhinderte die regelmäßige Ausstrahlung von Programmen.
Ab 1961 baute der sowjetische Militärgeheimdienst GRU den Brockengipfel für Zwecke der "elektronischen Aufklärung" aus. Auf dem Gipfel standen bald zwei riesige Abhöranlagen nebeneinander: die GRU-Anlage unter dem Decknamen Jenissej, und später das Objekt Urian der Hauptabteilung III des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit.
Obwohl ab August 1961 für normale Besucher grundsätzlich unzugänglich, diente das Brockenplateau weiterhin als Plattform auch für nichtmilitärische Elektronik.
1973 bauten DDR-Techniker einen neuen, nun 123 Meter hohen Sendeturm. Dem Brocken verdankten Millionen Alt-Bundesbürger die Gelegenheit, DDR-Rundfunk und -Fernsehen, so sie denn wollten, zu empfangen. Auch heute ist der Brocken Elektronik-Standort: Besonders UKW-Hörfunk-, aber ebenso DVB-T-Fernsehsignale, werden vom Brocken aus übertragen.
Schon 1935 gelang unter Einsatz eines mobilen Senders die erste Fernsehübertragung vom Brocken. Seitdem wurde der Berg die Elektronik nicht mehr los. Zwischen 1936 und 1937 entstand der erste, mit Antenne 95 Meter hohe Fernsehturm. Lediglich der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939 verhinderte die regelmäßige Ausstrahlung von Programmen.
Ab 1961 baute der sowjetische Militärgeheimdienst GRU den Brockengipfel für Zwecke der "elektronischen Aufklärung" aus. Auf dem Gipfel standen bald zwei riesige Abhöranlagen nebeneinander: die GRU-Anlage unter dem Decknamen Jenissej, und später das Objekt Urian der Hauptabteilung III des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit.
Obwohl ab August 1961 für normale Besucher grundsätzlich unzugänglich, diente das Brockenplateau weiterhin als Plattform auch für nichtmilitärische Elektronik.
1973 bauten DDR-Techniker einen neuen, nun 123 Meter hohen Sendeturm. Dem Brocken verdankten Millionen Alt-Bundesbürger die Gelegenheit, DDR-Rundfunk und -Fernsehen, so sie denn wollten, zu empfangen. Auch heute ist der Brocken Elektronik-Standort: Besonders UKW-Hörfunk-, aber ebenso DVB-T-Fernsehsignale, werden vom Brocken aus übertragen.




