Nähe und Distanz
Einst tauschten Europa und China neugierig Kultur und Wissen aus. Aber Vorurteile und Machtgehabe vernichteten bald die zart geknüpften Bande; imperiale Ambitionen und Profitgier machten die Völker zu Feinden.So stellte man sich im Mittelalter das Reich der Mitte vor: Illustration aus Marco Polos Reisebericht. (Aus: Manuscrit français, um 1410)
Hervorragende Quelle
Wenn Marco Polo auch nicht der erste Europäer war, der im 13. Jahrhundert seinen Fuß auf asiatischen Boden setzte, gilt der angebliche Berater des Kublai Khan noch immer als gute Quelle. Und das, obwohl manch einer sogar daran zweifelt, dass er jemals einen Chinesen zu Gesicht bekam. Das Land, das Marco Polo beschrieb, war groß, dicht besiedelt und kultiviert.
Nichts also mit der These, der mittelalterliche Mensch hätte niemals über den Rand der "Erdscheibe" hinausgeblickt und nichts von der Existenz des fernen Kontinents und seiner Bewohner gewusst. Bereits vom Volk der Serer haben antike Geschichtsschreiber erzählt: Sie wussten, es handelt mit teurer Seide - hatten aber noch nie einen "Serer" gesehen. Frühmittelalterliche Berichte sprechen vom sagenumwobenen Cathay - das auch Kolumbus Jahrhunderte später finden wollte -, doch Detailkenntnisse über Land, Einwohner und Kultur fehlten meist.
Dynastien von Kaisern
Daran hat sich nicht viel geändert: China war und ist, damals wie heute, ein riesiger Staat, seine Bevölkerung ist mit 1,3 Milliarden die größte der Welt: ein Land mit zahlreichen Regionen, Kulturkreisen und Menschen. Da gibt es nicht den Chinesen, die chinesische Kultur, das China.
Zhao Zheng, brutaler Herrscher der Qin-Dynastie (221 bis 207 v. Chr.), einte das Land erstmals und errichtete mit Zwangsarbeitern die Große Mauer gegen ständige Überfälle diverser Nomadenvölker. Fortan nannte er sich Qin Shi Huangdi - "Erster Gottkaiser Qin" - und residierte in der Hauptstadt Beijing. Dynastien von Kaisern lösten sich in der Folgezeit ab: Zerfall und Absplitterungen verhinderten ein dauerhaft einheitliches Staatsgebilde.
Fremde Zeichen, fremdes Verhalten
China und seine Einwohner bieten daher viele Möglichkeiten der Interpretation: Wie ist es nun also, wenn der Westen auf China trifft? Vorurteile, Zerrbilder und mangelnde Information haben einen offenen Austausch oft genug verhindert.
Schwierig sind chinesische Sprache und Schrift für den Europäer zu erlernen und zu verstehen: Fremde Zeichen erwarten ihn, und eine Sprache fernab jeder Grammatik und Zeitformen. Dafür hat jedes Wort zigfache Bedeutung - je nach Betonung. Kaum ist es dem Europäer möglich, die Vielzahl an Verhaltensregeln zu durchschauen: Wenn ein Chinese Tee angeboten bekommt, sagt er Nein - auch wenn er fast verdurstet. Er weiß, sein Gegenüber wird erneut fragen, denn erste Ablehnung ist Usus.
Der Jesuitenpater Matteo Ricci (rechts im Bild) trug viel zum Austausch der Kulturen bei. (Aus: China monumentis illustrata, um 1667)
Diverse Religionen und philosophische Lehren haben in China ebenso ihre Wiege wie vielfältige Kulturausprägungen: Dreitausend Jahre ist das alles gewachsen. Dem wurde von jeher Anerkennung gezollt. Gottfried Wilhelm Leibniz war nicht der Einzige, der ins Schwärmen verfiel: "Die höchste Kultur und die höchste technische Zivilisation der Menschheit haben sich heute gleichsam gesammelt an zwei äußersten Enden unseres Kontinents, in Europa und in Tschina."
Ein Gedankenaustausch sollte beide Pole stärken: Der Kaiser von China studierte zu jenem Zeitpunkt bereits mit seinen Beamten, den Mandarinen, westliche Mathematik. Europa müsse, so Leibniz, ebenfalls lernen, wolle es nicht ins Hintertreffen geraten. Chinesische Moral und Vortrefflichkeit wurden zu obersten Lernzielen erklärt - Austausch der Religionen sollte es bewerkstelligen: gegenseitige Mission also. Tatsächlich waren die Jesuiten, welche im 16. Jahrhundert zur Missionierung des asiatischen Landes aufbrachen, des Lobes voll: Im Konfuzianismus erkannten sie "nur wenige Aussagen, die dem Lichte der Vernunft widersprächen".
Idealisierung Europas
Doch scheinen derart Hymnen auch Strategie des Jesuiten Matteo Ricci zu sein, mit dem Ziel der Idealisierung des Konfuzianismus im römisch-katholischen Sinne und der gleichzeitigen Idealisierung Europas. Letztere beruhte, wie sich herausstellen sollte, auf faustdicker Lüge: Denn Ricci fabulierte von einem utopischen Europa ohne Kriege und Religionsspaltung...
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Kurze Landeskunde
Als viertgrößtes und bevölkerungsreichstes Land der Erde hat China 1,3 Milliarden Einwohner - mehr als Europa und die USA zusammen besitzen. Um der Überbevölkerung Herr zu werden, propagiert China die Ein-Kind-Politik; die Umsetzung allerdings wird nicht konsequent verfolgt.
Neben den Han-Chinesen, die neunzig Prozent der Bevölkerung ausmachen, gibt es 55 offiziell anerkannte Minderheiten. Noch lebt ein Großteil der Chinesen auf dem Land. Doch die Landbevölkerung zieht es vermehrt in die Städte, da sie sonst kaum Anteil am wirtschaftlichen Aufschwung hat. Seit mehr als fünf Jahrzehnten ist die Kommunistische Partei Chinas an der Macht und lenkt die Geschicke des Landes.
China gliedert sich in 18 Klimazonen. Ähnlich vielfältig ist die Geografie mit ihren Hochgebirgen und Schwemmebenen. Die wichtigsten Flüsse sind der Gelbe Fluss und der Jangtse. Klimawandel und Raubbau an der Natur führen allerdings immer wieder zu verheerenden Überschwemmungen.
Für internationales Aufsehen sorgen die territorialen Ansprüche Chinas auf Tibet und Taiwan, die politische Konflikte schüren. Außerdem wird die Todesstrafe kontrovers diskutiert: In keinem Land gibt es so viele Exekutionen wie in China.
Als viertgrößtes und bevölkerungsreichstes Land der Erde hat China 1,3 Milliarden Einwohner - mehr als Europa und die USA zusammen besitzen. Um der Überbevölkerung Herr zu werden, propagiert China die Ein-Kind-Politik; die Umsetzung allerdings wird nicht konsequent verfolgt.
Neben den Han-Chinesen, die neunzig Prozent der Bevölkerung ausmachen, gibt es 55 offiziell anerkannte Minderheiten. Noch lebt ein Großteil der Chinesen auf dem Land. Doch die Landbevölkerung zieht es vermehrt in die Städte, da sie sonst kaum Anteil am wirtschaftlichen Aufschwung hat. Seit mehr als fünf Jahrzehnten ist die Kommunistische Partei Chinas an der Macht und lenkt die Geschicke des Landes.
China gliedert sich in 18 Klimazonen. Ähnlich vielfältig ist die Geografie mit ihren Hochgebirgen und Schwemmebenen. Die wichtigsten Flüsse sind der Gelbe Fluss und der Jangtse. Klimawandel und Raubbau an der Natur führen allerdings immer wieder zu verheerenden Überschwemmungen.
Für internationales Aufsehen sorgen die territorialen Ansprüche Chinas auf Tibet und Taiwan, die politische Konflikte schüren. Außerdem wird die Todesstrafe kontrovers diskutiert: In keinem Land gibt es so viele Exekutionen wie in China.



