Schwarzer Drache
Qualmende Schornsteine, versäuerte Flüsse, marode Technik: Der rasante Aufstieg zur Wirtschaftsmacht hat China zum Umweltsünder gemacht - mit weltweiten Folgen.Expandierende Industrie: Vierzig Prozent das weltweiten Kohleabbaus fließt in die Wirtschaft Chinas.
Kathastrophale Ausmaße
Laut einer Statistik des Blacksmith-Instituts sterben die Einwohner hier rund zehn Jahre früher als im Landesdurchschnitt. Zustände, die der Vier-Millionen-Metropole im Jahr 2009 wieder die zweifelhafte Ehre bescherten, auf Platz zwei der zehn verdrecktesten Städte der Welt zu stehen.
Linfen ist kein Einzelfall: Umweltverschmutzung stellt sich als ein wachsendes Problem im Reich der Mitte dar. Schuld sei, erörtern die GEO-Autoren Florian Hanig und Tilmann Wörtz den Grund für die katastrophalen Ausmaße, Chinas Aufstieg zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht in nur drei Jahrzehnten - der habe das Land in großen Teilen verwüstet.
Umweltsünder China
Größte Dreckschleuder Chinas - und zugleich dessen ökonomischer Rückhalt - ist der Kohleabbau. Der Provinz Shanxi, in der auch Linfen liegt, kommt dabei eine Schlüsselrolle zu: Von hier stammen achtzig Prozent aller Koksexporte des Landes. Kohle ist das Lebenselixir Chinas, zwei Drittel des Stroms werden in Kohlekraftwerken gewonnen. Das Land absorbierte laut dem Wirtschaftsmagazin EMFIS bereits 2009 rund vierzig Prozent des weltweiten Kohleabbaus. Im Jahr 2011 stieg der Kohleverbrauch des Landes um rund neun Prozent.
Die Volksrepublik gilt als Umweltsünder: Mit Kohlendioxid-Emissionen von etwa 7,5 Milliarden Tonnen ist China für knapp ein Viertel der globalen CO2-Belastungen verantwortlich, so die Berechnungen des Ölkonzerns BP. Hält das industrielle Wachstum, das vielerorts auf maroden Anlagen mit veralteter Technologie basiert, unvermindert an, wird das Land auch zukünftig nur schwer von diesem Image loskommen.
Die Auswirkungen sind verheerend: Nur rund ein Prozent der 560 Millionen Städter atme Luft, die nach den Grenzwerten der Europäischen Union verträglich sei, so Florian Hanig und Tillmann Wörtz. Da die Luftverpestung nicht an der Landesgrenze Halt macht, stamme an manchen Tagen ein Viertel der schlechten Luft über Los Angeles aus China. Und saurer Regen, verursacht durch das Verbrennen von Kohle, falle auch in Korea und Japan.
Chemie und Trinkwasser
Doch nicht allein die Kohle gefährdet das ökologische Gleichgewicht. Chemieunfälle sind an der Tagesordnung, ebenso wie das unsachgemäße Entsorgen von industriellen Abwässern. In einem 2006 veröffentlichten Bericht gab die chinesische Umweltbehörde SEPA zu, dass neunzig Prozent aller Flüsse, die durch Städte fließen, nicht einmal minimalen Umweltstandards entsprächen und dass dreihundert Millionen Bauern keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser hätten.
Was das für die Gesundheit bedeutet, zeigt die rapide Zunahme von Lungenschäden, auszehrenden Durchfallerkrankungen und Krebs. Gemeinsam mit der Weltbank errechneten das chinesische Umwelt- und das Gesundheitsministerium, dass der Luftverschmutzung jedes Jahr etwa 650.000 Chinesen zum Opfer fallen - zusätzlich zu den 60.000, die an verunreinigtem Wasser sterben. Bis 2010 investierte man daraufhin umgerechnet rund 2,4 Milliarden Euro in die Wassersicherheit des Landes.
In die richtige Richtung
Erste Schritte Richtung Umweltschutz macht die Regierung wohl auch wegen ihrer Angst vor sozialen Unruhen. 2007 versprach Staatsoberhaupt Hu Jintao: "Wir werden ein System errichten, dass zum Energiesparen und zur Reduzierung von Abgasen verpflichtet." So sind Autohersteller verpflichtet, auf strikte Abgasnormen zu achten. Energiereduktionen bei Elektrogeräten sollen mehrere Kohlekraftwerke überflüssig machen. Und Fabriken, die keine Abgasfilter haben, sollen geschlossen werden.
All dies dient nicht nur dem sozialen Frieden. Umweltverschmutzung gefährdet auch die Entwicklung des Landes, belaufen sich die wirtschaftlichen Schäden doch mittlerweile auf zweihundert Milliarden Dollar - was in etwa dem jährlichen Wirtschaftswachstum entspricht. Der China Human Development Report kam schon 2002 zu dem Schluss, dass sich China für eine "grüne Reform" entscheiden müsse. Denn sonst drohe die Umweltzerstörung den erreichten Fortschritt zu behindern oder gar wieder zunichte zu machen.
Yvonne Schmidt (aktualisiert 25.05.2011)
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"Riesengroße Lücke"
Mit einem Bruttoinlandsprodukt von 5,879 Billionen Dollar lag China 2010 an zweiter Stelle im internationalen Vergleich der stärksten Wirtschaftsnationen. Spitzenreiter sind die USA; an dritter und vierter Stelle folgen Japan und Deutschland.
Setzt man das BIP allerdings ins Verhältnis zur Einwohnerzahl, rutscht China im internationalen Vergleich auf die hinteren Plätze. Laut Internationalem Währungsfond lag das chinesische BIP pro Kopf bei knapp 3.700 Dollar. Mehr als ein Zehntel der Chinesen lebt unterhalb der Armutsgrenze.
"Chinas Wirtschaftskraft ist auf dem Niveau eines Entwicklungslandes", sagt Yao Jian, Sprecher des Handelsministeriums in Peking. Die Qualität des Wirtschaftswachstums müsse weiter verbessert werden, so Yao: dies gelte für die Lebensqualität der Menschen, für Wissenschaft, Technologie und Umweltschutz.
Führend im Pro-Kopf-Vergleich der Einkommen sind Luxemburg, Norwegen, Katar und die Schweiz. Deutschland schafft es mit rund 41.000 Dollar pro Kopf auf Platz 16. China liegt, noch hinter Jordanien und Albanien, auf Platz 99. "Wir müssen noch eine riesengroße Lücke schließen", meint Yao Jian.
Mit einem Bruttoinlandsprodukt von 5,879 Billionen Dollar lag China 2010 an zweiter Stelle im internationalen Vergleich der stärksten Wirtschaftsnationen. Spitzenreiter sind die USA; an dritter und vierter Stelle folgen Japan und Deutschland.
Setzt man das BIP allerdings ins Verhältnis zur Einwohnerzahl, rutscht China im internationalen Vergleich auf die hinteren Plätze. Laut Internationalem Währungsfond lag das chinesische BIP pro Kopf bei knapp 3.700 Dollar. Mehr als ein Zehntel der Chinesen lebt unterhalb der Armutsgrenze.
"Chinas Wirtschaftskraft ist auf dem Niveau eines Entwicklungslandes", sagt Yao Jian, Sprecher des Handelsministeriums in Peking. Die Qualität des Wirtschaftswachstums müsse weiter verbessert werden, so Yao: dies gelte für die Lebensqualität der Menschen, für Wissenschaft, Technologie und Umweltschutz.
Führend im Pro-Kopf-Vergleich der Einkommen sind Luxemburg, Norwegen, Katar und die Schweiz. Deutschland schafft es mit rund 41.000 Dollar pro Kopf auf Platz 16. China liegt, noch hinter Jordanien und Albanien, auf Platz 99. "Wir müssen noch eine riesengroße Lücke schließen", meint Yao Jian.
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Opfer des Energiedursts
Nirgendwo auf der Welt leben Bergleute so gefährlich wie in China. Wegen schlechter Ausstattung, fehlender Ausbildung und veralteter Technik sterben pro Jahr rund achttausend chinesische Kumpel in Bergwerken.
Laut China Labour Bulletin, einer Menschenrechts- und Arbeitsrechtorganisation, sind es sogar zwanzigtausend. "Der Hintergrund für diesen endlosen Katalog von Katastrophen und Tod", schreibt die staatliche Zeitung Daily Mirror, "ist ein Land, das nach Energie dürstet, um den Appetit seines wirtschaftlichen Motors zu stillen."
Nirgendwo auf der Welt leben Bergleute so gefährlich wie in China. Wegen schlechter Ausstattung, fehlender Ausbildung und veralteter Technik sterben pro Jahr rund achttausend chinesische Kumpel in Bergwerken.
Laut China Labour Bulletin, einer Menschenrechts- und Arbeitsrechtorganisation, sind es sogar zwanzigtausend. "Der Hintergrund für diesen endlosen Katalog von Katastrophen und Tod", schreibt die staatliche Zeitung Daily Mirror, "ist ein Land, das nach Energie dürstet, um den Appetit seines wirtschaftlichen Motors zu stillen."



