Der einsame Staat
In Lateinamerikas Kulturen sind Familienbeziehungen überlebenswichtig. Die Familie bestimmt, wo es langgeht - und sie hilft in der Not. Aber wehe dem, der zu keiner Familie gehört! Was für Personen gilt, kann auch für Nationen gelten. "Haiti, der Nachbar, den keiner will, ist wahrhaftig ein Land ohne Verwandte", meint Samuel Huntington, US-amerikanischer Politologe: Sprache und ethnische Wurzeln trennen Haiti vom lateinamerikanischen Subkontinent. Und mit dem reichen Norden Amerikas hat das "Armenhaus der Karibik" ohnehin nichts gemein. Haiti steht - und fällt - allein. Seit dem Erdbeben im Januar 2010 ist es am vorläufigen Tiefpunkt angelangt.Neun Zehntel sind Sklaven
Allerdings, nicht Erdbeben erschlagen Menschen, sondern Häuser. Sind letztere marode, sieht es schlimm aus für die Bewohner. Ein marodes Haus - das ist der haitianische Staat. Die Ursachen liegen tief in der Geschichte. Haitis Geschichte beginnt aus europäischer Sicht 1492, mit der Landung des Christoph Kolumbus. Der Entdecker berichtet von riesigen Wäldern. Hispaniola, das seine Ureinwohner Aytí nennen, wird erste spanische Kolonie in den Amerikas. Mitte des 17. Jahrhunderts kommen Bukanier, später Hugenotten, um dort zu siedeln. Schritt um Schritt wächst der französische Einfluss. 1697 nimmt Madrid die Dominanz Frankreichs im Westen Hispaniolas hin, von jetzt an heißt dieser Teil der Insel Saint Domingue und ist französische Kolonie. Neun Zehntel seiner Bevölkerung sind schwarze Sklaven. Der Sklavenhandel über die Atlantikroute hat Saint Domingue als Hauptanlaufpunkt.
Jeder gegen jeden
Fast ein Jahrhundert lang schwelgen die Herren der Kolonie im wirtschaftlichen Aufschwung: Vierzig Prozent des Zuckers und sechzig Prozent des Kaffees, den Europa konsumiert, stammen aus Saint Domingue. Über 400.000 Sklaven arbeiten auf den Plantagen. Es ist ein Pulverfass, in das 1789 der Funke von Freiheit und Gleichheit fällt. 1791 ruft der Voodoo-Priester Doutty Boukman zum Aufstand. Bald kämpft jeder gegen jeden: Mulatten gegen Weiße, Spanier gegen Franzosen, Negros gegen Mulatten, Ost gegen West, Stadt gegen Land. 1801 verkündet der ehemalige Sklave Toussaint L'Ouverture die erste Verfassung, die auch Unabhängigkeitserklärung ist. Jean Jaques Dessalins, Rebellenführer neben Toussaint, erklärt die einstige Kolonie zur freien Republik. Saint Domingue ist nun Haiti.
Könige, Kaiser, Gemetzel
Dank weltgeschichtlicher Zufälle kann sich der "erste freie Negerstaat", so die Selbstbezeichnung, gegen die vertriebenen Kolonialmächte behaupten: Napoleon, damals Herr über Kontinentaleuropa, doch nicht über die Meere, gibt Frankreichs überseeischen Besitz verloren. Spanien, von französischen Truppen besetzt, sind die Hände gebunden. In Haiti brechen derweil neue Konflikte aus: Rebellengeneräle machen sich zu Königen und Kaisern, ernennen Herzöge und Grafen, veranstalten Gemetzel, teilen das Territorium, erobern den spanisch-kreolischen Osten, verlieren ihn wieder. Ein Drittel der haitianischen Bevölkerung fällt den Schlächtereien zum Opfer. Blockiert und geächtet, fristet Haiti ein Dasein am Rand der Welt...
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Zahlen und Fakten
Die Einwohnerzahl Haitis wird gegenwärtig auf etwas über 9 Millionen geschätzt. Allein die Hauptstadt Port-au-Prince hatte 2006 etwa 1,27 Millionen Bewohner. Der überwiegende Teil lebte bereits vor dem Erdbeben in Slums. Angaben zu Geburts- und Todesfällen beruhen wegen des Fehlens amtlicher Registrierung durchweg auf Projektionen. Vermutet wird ein jährliches Bevölkerungswachstum von rund 1,8 Prozent. Zwischen 80 und 95 Prozent der Bevölkerung sind Schwarze.
28 Prozent des BIP von 5,435 Millionen US-Dollar (2007) stammen aus der Landwirtschaft. Außer Kaffee, Mango und Hirse muss Haiti fast alle Nahrungsmittel importieren. Einige wenige Industrieunternehmen erwirtschaften weitere 20 Prozent des BIP. 52 Prozent des BIP kommen im Wesentlichen aus Handelsgeschäften und aus dem Tourismus. Touristisch bedeutsam ist der Hafen von Labadee in Haitis Norden samt angrenzenden Stränden. Hier hat die US-amerikanisch-norwegische Reederei Royal Caribbean Cruises einen Teil des Landes gepachtet, der vom übrigen Haiti streng abgeschottet ist.
Die Staatsverschuldung Haitis betrug 2008 rund 2,5 Milliarden US-Dollar. Der überwiegende Teil der Schulden ist inzwischen erlassen. Das haitianische Militär ist entwaffnet. Die internationale Friedentruppe MINUSTAH (Mission des Nations Unies pour la stabilisation en Haïti) nimmt seit April 2004 Sicherungsaufgaben wahr.
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Wiederaufbau oder Exodus?
Leise Hoffnung und abgrundtiefer Pessimismus wechseln einander ab bei der Beurteilung der Situation Haitis. Optimistische Ansätze gehen aus von einem fundamentalen Neubeginn. Die Krise als Chance zu nutzen, das würde bedeuten, mit Hilfe der Weltgemeinschaft Haiti neu aufzubauen. Der britische Architekt Cameron Sinclair, Mitbegründer des Unternehmens Architecture for Humanity, fordert beispielsweise den Bau erdbebensicherer Häuser, die an traditionelle Siedlungsformen der Haitianer anknüpfen.
Andere Experten glauben, dass Haiti als menschliches Siedlungsgebiet und als Nation nicht zu retten sei. Ihr Plan zielt auf einen kontrollierten Exodus der Bevölkerung Richtung Lateinamerika und USA. Auch dabei wäre Solidarität gefragt - von den Ländern, die Haitianer aufnehmen sollen.
Pragmatisch und effektiv unterstützt gegenwärtig das ebenfalls arme Kuba die Erdbebenopfer auf haitianischem Gebiet. Über vierhundert kubanische Ärzte trafen dort bereits wenige Tage nach der Katastrophe ein. Die Brigade Henry Reeve, benannt nach einem britischen Teilnehmer des kubanischen Befreiungskrieges, soll langfristig auf Haiti bleiben.



