"Lasst Euch nicht einschüchtern. Stimmt mit Nein" - Aufruf der Lissabon-Gegner zum ersten irischen Referendum im Juni 2008. (Bild: informatique, Lizenz: Creative Commons)
Ausgefaucht
53,4 und 67,1 - anhand dieser zwei Zahlen lässt sich Irlands Schicksal der letzten beiden Jahre beschreiben: 53,4 Prozent betrug der Anteil der Nein-Stimmen beim ersten Referendum zum Lissabonvertrag der Europäischen Union im Juni 2008. Die rund 862.000 irischen Nein-Wähler hatten den EU-Reformbemühungen damit fast den Todeshieb versetzt. Nach Korrekturen im Vertragswerk wurden die Iren dann aber erneut an die Urnen gebeten: Bei einer zweiten Abstimmung im Oktober 2009 stimmten 67,1 Prozent mit Ja. Ein bemerkenswerter Umschwung in lediglich 16 Monaten - was war passiert?Musterfall der Krise
Zum einen fanden wichtige Änderungen im Lissabonvertrag das Wohlwollen der Iren: Weder ihre militärische Neutralität noch das Abtreibungsverbot werden durch das Abkommen angetastet, auch der irische EU-Kommissar bleibt erhalten. Mindestens genauso entscheidend für den Umschwung zum Ja dürften aber wirtschaftliche Gründe gewesen sein: Irland ist von der Wirtschafts- und Finanzkrise besonders hart getroffen; das einstige Musterland ist zum Musterfall der Krise geworden.
Boom ohne Ansage
Blicken wir zurück: Als Irland 1973 der Europäischen Gemeinschaft beitrat, sahen selbst die kühnsten Optimisten den Aufschwung nicht voraus, der bald folgte. Der Boom ruhte vor allem auf zwei Säulen: Erstens flossen zwischen 1973 und 2002 EU-Gelder im Umfang von über 35 Milliarden Euro netto ins Land. Zweitens lockte Irland mit niedrigen Unternehmenssteuersätzen höchst erfolgreich ausländische Investoren an.
Keltischer Tiger
Zum Aufschwung trug auch die beachtliche Binnennachfrage bei: Gesetzlicher Mindestlohn seit April 2000 (derzeit 1.462 Euro im Monat), bestens ausgebildete und nachgefragte Arbeitnehmer sowie hohe Tarifabschlüsse machten die vormals darbenden Iren im Schnitt zu den beinahe reichsten Leuten des Kontinents: Das Pro-Kopf-Einkommen lag 2005 rund 31 Prozent höher als in Deutschland und EU-weit auf Rang 2 hinter Luxemburg. Einst Armenhaus der damaligen Europäischen Gemeinschaft, stand Irland dreißig Jahre später als großer Gewinner der Globalisierung da. In Anlehnung an erfolgreiche Staaten Südostasiens sprachen Experten vom Celtic Tiger, wenn sie ihre erstaunten Blicke auf das irische Wirtschaftswunder richteten.
Das International Finance Service Center in Dublin war einst Symbol für Irlands Wirtschaftskraft. 2009 musste die irische Regierung den Banken mit elf Milliarden Euro Unterstützung aushelfen.
Doch der keltische Tiger faucht nicht mehr: Irland bekommt die geballte Kraft der Wirtschaftskrise zu spüren. Probleme, die in anderen Ländern einzeln auftreten, häufen sich auf der Insel. So zeigt sich die Kehrseite der Globalisierung im Rückgang ausländischer Direktinvestitionen: Große Firmen wie Microsoft, Apple und Dell zogen weiter gen Osten, wo die Löhne niedriger sind. Auch dem Immobilienboom Anfang des Jahrtausends folgte ein Absturz. Um über dreihundert Prozent waren die Hauspreise gestiegen, heute stehen 300.000 Wohnungen leer. In der Computerbranche, im Baugewerbe und in anderen betroffenen Zweigen gehen massenweise Jobs verloren: Vor kurzem war fast ganz Irland in Lohn und Brot; zum Jahresende 2009 rechnen Experten mit einer Arbeitslosenquote von zwölf Prozent.
Pauls Warnung
Die geplatzte Immobilienblase trifft auch die Banken, die zunächst durch Kredite die Boomstimmung angeheizt hatten. Elf Milliarden Euro Finanzhilfe zahlte die irische Regierung bereits an die zwei größten Finanzhäuser des Landes. Und auf den Staat kommen noch mehr Aufwendungen zu, etwa erhöhte Sozialausgaben - die Neuverschuldung könnte 2009 über neun Prozent liegen und damit dreimal höher sein als die Vorgaben des EU-Stabilitätspakts. Paul Krugman, US-amerikanischer Ökonom und Nobelpreisinhaber, meinte im April 2009 gar, Irland sei Kandidat für eine Staatspleite.
"Hoffnung auf Geld"
Geht es Irland nun, da der Vertrag von Lissabon angenommen ist, besser? "Die Iren haben ganz einfach die Hoffnung auf Geld gewählt", meinte ein Internetuser in einem Forum. Mehr Jobs, mehr Investitionen, mehr Wohlstand durch Europa - das war die Botschaft der Lissabon-Befürworter. Und es dürfte allen klar gewesen sein: Bei einem erneuten Nein wäre die Reform der EU endgültig gescheitert. Entsprechend erleichtert äußerte sich die Politik nach dem Votum. Brian Cowen, Irlands Ministerpräsident, sprach von einem "guten Tag für Irland und für Europa" und von "einer Willenserklärung, im Herzen Europas zu bleiben".
Martin Götze/Michael Schmittbetz/Urte Paul (12.10.2009)
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Infobox
Die Republik Irland ist etwa 70.000 Quadratkilometer groß und bedeckt 83 Prozent der Insel Irland. Im Nordosten des Eilands liegt die Provinz Nordirland, die zum Vereinigten Königreich gehört. Das Landesinnere ist überwiegend eben, zum Meer hin wird die Landschaft hügelig. Wegen seiner vielen Wiesen heißt Irland auch die Grüne Insel oder Smaragdinsel.
Von Norden schlängelt sich der längste Fluss des Landes, der Shannon, gen Atlantik. Die höchste Erhebung ragt im Südwesten 1.041 Meter übers Meer und heißt Carrauntoohil. In der Republik Irland leben 4,4 Millionen Menschen (Stand: 2008). Mehr als 85 Prozent von ihnen sind katholisch. Ein Viertel der Iren lebt in und um die Hauptstadt Dublin. Erste Amtssprache ist, noch vor Englisch, Irisch. Die nächstgrößeren Städte nach Dublin sind Cork, Galway und Tallaght.
Jedes Jahr Mitte März feiern die Iren St. Patrick's Day: Straßentheater, Workshops, Musik, Whiskeyverkostungen im Pub - überall auf der Welt, wo es Iren gibt, gilt dieser Tag als Hauptereignis der Saison. Grün gekleidet, das dreiblättrige Kleeblatt (Shamrock) am Revers, ziehen Iren durch die Häuserschluchten von Dublin und New York, von Chicago und New Orleans... Sogar London und München veranstalten Paraden zum irischen Nationalfeiertag.
Von Norden schlängelt sich der längste Fluss des Landes, der Shannon, gen Atlantik. Die höchste Erhebung ragt im Südwesten 1.041 Meter übers Meer und heißt Carrauntoohil. In der Republik Irland leben 4,4 Millionen Menschen (Stand: 2008). Mehr als 85 Prozent von ihnen sind katholisch. Ein Viertel der Iren lebt in und um die Hauptstadt Dublin. Erste Amtssprache ist, noch vor Englisch, Irisch. Die nächstgrößeren Städte nach Dublin sind Cork, Galway und Tallaght.
Jedes Jahr Mitte März feiern die Iren St. Patrick's Day: Straßentheater, Workshops, Musik, Whiskeyverkostungen im Pub - überall auf der Welt, wo es Iren gibt, gilt dieser Tag als Hauptereignis der Saison. Grün gekleidet, das dreiblättrige Kleeblatt (Shamrock) am Revers, ziehen Iren durch die Häuserschluchten von Dublin und New York, von Chicago und New Orleans... Sogar London und München veranstalten Paraden zum irischen Nationalfeiertag.



