Vom Volk zur Nation
Den Überlebenden des Holocaust eine Heimstatt zu schaffen, gelang 1948 auf dem Boden Palästinas. Was die Akteure dachten und welche Ideen ihr Handeln bestimmten, ist auch heute noch eine spannende Frage.14. Mai 1948: David Ben Gurion bei der Proklamation des Staates Israel.
Die moderne Geschichte Israels beginnt allerdings nicht mit dem Holocaust. Sie beginnt auch nicht mit der Staatsgründung im Frühjahr 1948. Ihr Anfang fällt zusammen mit dem Entstehen des Zionismus gegen Ende des 19. Jahrhunderts.
Der Judenstaat
"Am 14. Mai 1948, einen Tag bevor die britische Mandatsherrschaft über Palästina zu Ende ging, verkündete der Provisorische Staatsrat im Stadtmuseum von Tel Aviv den Staat Israel", schreibt die Historikerin Angelika Timm. Tatsächlich steckt die geschichtsträchtige Szene, auf die Timm sich bezieht, voller Symbolik: Es ist 16 Uhr, kurz vor dem freitäglichen Sonnenuntergang und damit vor Beginn des Sabbat, als David Ben Gurion, einer der führenden zionistischen Politiker, die Unabhängigkeitserklärung verliest.
Über dem Kopf des Redners hängt das Porträt des Begründers der zionistischen Bewegung, Theodor Herzl - der Mann, der 1896 mit seinem Buch Der Judenstaat das ideelle Fundament der von Ben Gurion vollzogenen Staatsgründung legte.
Beides, Porträt wie Zeitpunkt, sind achtungsvolle Referenz, an Herzl ebenso wie an das Credo der Zionisten: die "jüdische Frage", das Problem des Antijudaismus, nunmehr in eigene Hände zu nehmen - statt auf das Erscheinen des rettenden Messias am Ende der Zeiten zu warten. Wie wollte Herzl, wie wollten die frühen Zionisten das in konkrete Politik umgesetzt wissen? Welches Ziel erstrebten ihre Nachfolger, zum Beispiel Ben Gurion, auf palästinensischem Boden?
Ende der 1920er Jahre: jüdische Siedler in Palästina. (Bild: Library of Congress)
"Der zionistische Ansatz war, dass die jüdische Nation die 'jüdische Frage' lösen muss, indem sie sich (wieder) einen Staat schafft, der ihr gehört", schreibt der Historiker Norman Finkelstein. Dabei habe der Zionismus jedoch niemals die politische Richtung des Judentums schlechthin dargestellt, betont Finkelstein: Der "Aufstieg nach Jerusalem" galt lange - mindestens bis zum Holocaust - nur einer Minderheit vorwiegend osteuropäischer Juden als gangbarer Weg aus Elend und Unterdrückung in ihren Heimatländern.
So wurde auch das zionistische Projekt, "die Zielvorstellung, dass Palästina einmal von einer jüdischen Mehrheit bevölkert sein sollte", wie Finkelstein es formuliert, nur von Teilen des Judentums unterstützt. Orthodoxe hingen weiter dem Messiasglauben an; Assimilierte fühlten oft sich eher den Nationen verpflichtet, in denen sie lebten.
Keine leere Region
Palästina, das erträumte Staatsterritorium der Zukunft, war zudem keine leere Region. "Es war", stellt Michael Krupp, protestantischer Theologe und Dozent an der Hebräischen Universität von Jerusalem, über die Periode um 1890 fest, "ein stark unterbevölkertes Gebiet, in dem dreißigtausend Juden zwischen einer halben Million Araber lebten" - trotz "Unterbevölkerung" (ein relativer Begriff) also vermutlich meist arabisches Land.
Europas Zionisten suchten in dieser schwierigen Ausgangssituation um Unterstützung der Großmächte nach, die in Palästina jeweils über beherrschenden Einfluss verfügten: gegenüber dem Osmanischen Reich bis 1917, gegenüber den Briten ab 1917, dem Jahr der britischen Eroberung Palästinas, bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs...
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Infobox
1882: erste Masseneinwanderung (Alija = "Aufstieg") europäischer Juden nach Palästina.
1897: Theodor Herzl beruft den ersten Zionistenkongress in Basel ein. Nun folgende Einwanderungswellen sind von den Ideen des Zionismus durchdrungen.
1917: Ende der osmanischen Herrschaft über Palästina.
2. November 1917: Der britische Außenminister Arthur Balfour verspricht in einem Brief an Baron Lionel Walter Rothschild die Unterstützung der Regierung Seiner Majestät für das zionistische Projekt.
1922: Der Völkerbund überträgt Großbritannien das Mandat über Palästina.
1924 bis 1939: starkes Wachstum der jüdischen Bevölkerung Palästinas durch Einwanderung.
1937: Teilungsplan der Peel-Kommission.
1937 bis 1948: zunehmende Intensität der Konflikte zwischen jüdischen Siedlern und Arabern.
14. Mai 1948: Proklamation des Staates Israel in Tel Aviv.
1948/49: israelisch-arabischer Krieg.
1897: Theodor Herzl beruft den ersten Zionistenkongress in Basel ein. Nun folgende Einwanderungswellen sind von den Ideen des Zionismus durchdrungen.
1917: Ende der osmanischen Herrschaft über Palästina.
2. November 1917: Der britische Außenminister Arthur Balfour verspricht in einem Brief an Baron Lionel Walter Rothschild die Unterstützung der Regierung Seiner Majestät für das zionistische Projekt.
1922: Der Völkerbund überträgt Großbritannien das Mandat über Palästina.
1924 bis 1939: starkes Wachstum der jüdischen Bevölkerung Palästinas durch Einwanderung.
1937: Teilungsplan der Peel-Kommission.
1937 bis 1948: zunehmende Intensität der Konflikte zwischen jüdischen Siedlern und Arabern.
14. Mai 1948: Proklamation des Staates Israel in Tel Aviv.
1948/49: israelisch-arabischer Krieg.



