Erstaunlich und wunderschön: den Blick auf eine alte Kultur eröffnen Skulpturen des Hochreliefs von Angkor Wat.
Düstere Vergangenheit
Viele verschiedene Reize locken Fremde nach Kambodscha: Zum einen die oft noch unberührte Natur - mit Mangrovenwäldern, einsamen Stränden und seltenen Tierarten. Zum anderen reizt die Kultur dieses buddhistisch geprägten Landes: Ebenso beeindruckend wie die Tempelanlage von Angkor Wat sind kleine idyllische Dörfchen, in denen die traditionelle kambodschanische Lebensart weiter besteht. Und nicht zuletzt die Menschen, freundlich und aufgeschlossen, machen einen Besuch in Kambodscha lohnenswert. Doch bei allem Positiven wird man auch vielen Narben aus der Geschichte des Landes begegnen.Schatten der Geschichte
Alfred Biolek, Moderator und UN-Sonderbotschafter, beschreibt treffend die zwiespältigen Gefühle, die Kambodscha bei den Besuchern hervorruft: "Mein erster Eindruck war: große Überraschung, dass dieses Land voller Zuversicht und Energie ist. Von den Schatten der Vergangenheit merke ich zunächst nichts. Erst später, in Gesprächen mit Kambodschanern, tauchen diese Schatten auf: Fast jeder hat ein Familienmitglied, das von den Roten Khmer schikaniert oder sogar getötet wurde." Trotz aller Gastfreundlichkeit und Lebensfreude - die Schrecken der Vergangenheit leben auch heute noch in den Köpfen der Menschen fort. Und nicht nur dort: Auch auf Bildungssystem, Wirtschaft und Politik wirft die Geschichte ihre Schatten.
Wirtschaftliche Stabilität?
Der Weg des vom Regime der Roten Khmer gebeutelten Landes zu wirtschaftlicher Stabilität und Frieden ist steinig. Kambodscha wirkt zerrissen zwischen Aufbruchsstimmung und den vielen Lasten der Vergangenheit. Dieser Kontrast wird überaus deutlich in der Hauptstadt: Von den Roten Khmer zur Geisterstadt gemacht, ist Phnom Penh heute eine moderne 1,5-Millionen-Stadt und das bedeutendste Wirtschaftszentrum des Landes. Königspalast, Tempel und Museen sind beliebte touristische Attraktionen.
Bizarres Bild
Doch die Stadt ist von ihrer entsetzlichen Vergangenheit gezeichnet. Nach der Befreiung des Landes von der Schreckensherrschaft der Roten Khmer
Schwimmende Häuser am Tonle Sap: Hier leben die ärmsten Kambodschaner - unter schlechtesten hygienischen Bedingungen.
Unter dem Lebensminimum
Nach der Schreckensherrschaft der Roten Khmer und jahrzehntelangen Kriegszuständen gehört Kambodscha heute zu den ärmsten Ländern der Welt. Laut Weltbank droht der wirtschaftliche Zusammenbruch. Noch immer lebt der größte Teil der Bevölkerung auf dem Land, neben Slumbewohnern sind vor allem Bauern und Fischer von der Armut betroffen. 35 Prozent der 13 Millionen Einwohner leben unter der Armutsgrenze: Ein Arbeiter verdient im Durchschnitt nur ein Viertel dessen, was die Familie als Minimum zum Leben benötigt.
Verheerende Folgen
Die Folgen von fehlenden Verdienstmöglichkeiten und Armut zeigen sich in Prostitution, Kinderarbeit und -handel, Bestechung - und sogar dem Verkauf von Organen. Sowohl die Schrecken der Vergangenheit als auch die Perspektivlosigkeit der Gegenwart führen zu einer stetig fortschreitenden Brutalisierung der Gesellschaft: Niedrig ist die Hemmschwelle gegenüber kriminellen Taten, sei es Korruption auf höchster Ebene oder Taschendiebstahl...
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Infobox
Nach dem Ende der Schreckensherrschaft der Roten Khmer kam in den 1980er Jahren die Prostitution in Kambodscha auf. Die Stationierung von UN-Blauhelmsoldaten in den 1990ern führte zum sprunghaften Anstieg. Schätzungsweise einhunderttausend Prostituierte "arbeiten" in Kambodscha - ein Drittel ist jünger als 18 Jahre. Betroffen sind in der Regel fast nur Mädchen. Sie kommen aus armen ländlichen Regionen oder den Slums der Städte. Viele Familien verkaufen ihre Kinder an Händler, da ihnen sichere und bezahlte Jobs versprochen werden. Das Land Kambodscha nimmt nach Thailand in punkto Kinderprostitution bereits den zweiten Platz ein. Im Glauben, Sex mit Kindern verjünge und eine Ansteckung mit HIV sei unmöglich, verbreitet sich das Virus in sehr schnellem Tempo. Kinderprostitution ist in Kambodscha zwar strafbar, auf Menschenhandel stehen sogar zwanzig Jahre Gefängnis. Doch häufig verhindert Korruption die Verfolgung von sexuellen Straftaten - oft sind Beamte selbst involviert.


