Umstrittene Wurzeln
Die "islas canarias", die Hundeinseln, gehörten zum geografischen Wissen der Antike, gerieten aber in Vergessenheit. Im 14. Jahrhundert stießen Spanier wieder auf die Kanaren und deren Bewohner.Schedel'sche Weltchronik von 1493: Bis zur erneuten Entdeckung der Kanaren 1312 war das Wissen um die bewohnten Inseln im Atlantik vergessen.
Erbitterter Widerstand schlägt ihm entgegen. Auf Dauer aber haben die eingeborenen Stämme den waffentechnisch überlegenen Eindringlingen wenig entgegenzusetzen. Zwei Jahre später können sich die Spanier endgültig als Herren Teneriffas betrachten.
Miniaturmodell der Konquista
Die Eroberung der Kanaren - sie ist ein Miniaturmodell für die spätere Konquista (Okkupation) Süd- und Mittelamerikas. In den Geschichtsbüchern erscheint sie allerdings nur als Randereignis der Europäischen Expansion. Den Guanchen fehlen eben Ruhm und Bekanntheit der Inkas, Mayas oder Azteken. Dabei ranken sich einige Legenden um das geheimnisvolle Urvolk.
Eine solche Legende besagt, die Guanchen seien Überlebende des untergegangenen Atlantis gewesen, eine andere spricht von ihnen als entflohene römische Sklaven. Wahrscheinlicher aber ist, dass sich um 500 v. Chr. Berberstämme aus Nordafrika auf den Kanaren ansiedelten. Einige Wissenschaftler untermauern diese Theorie mit der Tatsache, dass unverhältnismäßig viele Kanarier heute groß, blond und hellhäutig sind - Merkmale, die auch Berber in ihren gebirgigen Rückzugsgegenden haben.
Das Wissen des Ptolemäus
Wann die Guanchen das erste Mal in Kontakt mit anderen Völkern kamen, weiß niemand so genau: vielleicht schon im 5. Jahrhundert v. Chr., als phönizische Seefahrer Landungspunkte an der westafrikanischen Küste suchten. Zumindest Existenz und Lage der Kanaren waren Bestandteile des antiken Wissens: Spricht der römische Geograph Pomponius Mela im ersten vorchristlichen Jahrhundert noch allgemein von den Fortunata insulae - den "Inseln der Glückseligen", kennt sein Zunftgenosse Claudius Ptolemäus rund zweihundert Jahre später schon deren genauen geografischen Ort.
Die Pyramiden von Güimar sollen den Guanchen als religiöse Kultstätten gedient haben.
1312 stieß der genuesische Seefahrer Lancelotto Malocello auf die Kanaren. Malocello fand unter steinzeitlichen Bedingungen lebende Inselbewohner vor, die sich von Viehzucht und Ackerbau ernährten, keine Metallverarbeitung kannten, in Berghöhlen wohnten und Pyramiden als religiöse Kultstätten bauten. Das forderte christliche Bekehrungsversuche geradezu heraus.
1351 gründeten Missionare auf Gran Canaria den ersten Bischofssitz, um das Christentum auf den Kanaren zu etablieren - gewaltfrei. Allerdings durchkreuzte eine spanische Flotte alle friedlichen Absichten, als sie 1393 die Insel überfiel und mit der Beute - hauptsächlich gefangenen Einheimischen - Spaniens Gelüste nach dem Archipel weckte.
Gescheitertes Experiment
Die Guanchen setzten sich, wie hundert Jahre später auf Teneriffa, zur Wehr: In einem Anfall kollektiven Zorns sollen sie die wenigen spanischen Siedler erschlagen und die Patres in einen Vulkanschlot gestürzt haben. Das Experiment "friedliche Mission" war gescheitert. Nun folgte ein Vorgeschmack auf das, was über hundert Jahre später in Amerika passierte: 1402 begann Spanien mit der Konquista vor der eigenen Haustür.
La Laguna - Hauptstadt Teneriffas Mitte des 19. Jahrhunderts: Alfonso Fernandez de Lugo hatte die Stadt 1497 nach der Unterwerfung der Guanchen gegründet.
Hartes Los
Sklavenjagd und Ausbeutung erwarteten die Ureinwohner: Zu Tausenden schufteten sie auf unzähligen Zuckerrohrplantagen wie später Afrikaner in der Karibik. Das harte Los der Sklaven bewog Kritiker, sich am spanischen Hof zu beschweren - mit dem Ergebnis, dass es schon in den 1480er Jahren Diskussionen über die Rechte der Urbevölkerung gab. Aber erst 1537 stellte Papst Paul III. (1468 bis 1549) den Sklavenhandel unter Strafe - zu spät für die Guanchen: Der Untergang ihrer Kultur war nicht mehr aufzuhalten.
Wachstum trotz Ausrottung?
Was geschah mit den Guanchen selbst? Hier gehen die Meinungen auseinander. Fakt ist, dass zwischen 1600 und 1690, also ein bis zwei Jahrhunderte nach der endgültigen Unterwerfung, die Bevölkerungszahl von rund 40.000 auf über 100.000 stieg. Andererseits dürften, bedingt durch die Anziehungskraft Amerikas, kaum mehr als dreihundert reinspanische Familien auf den Inseln geblieben sein: Die Neue Welt, jenseits des Ozeans, bot einfach bessere Chancen.
Im Grunde liegt die Erklärung für das "geheimnisvolle" Bevölkerungswachstum nahe: Spanische Siedler, Angehörige der zahlenmäßig schwachen erobernden "Herrenrasse", zeugten Nachkommen mit Guanchenfrauen; das Mischen der Rassen setzte sich, offenbar höchst fruchtbar, über Generationen fort. Die Sache hatte nur einen Haken: Eigentümer von Land (und erbberechtigt) konnten nur Spanier sein, keinesfalls Eingeborene. "Reinheit der Rasse" war Basis gesellschaftlichen Ansehens und geschäftlicher Handlungsmöglichkeiten. So entstand, wahrscheinlich im 17. Jahrhundert, eine Legende.
La Gomera: Hier verständigen sich die Insulaner noch heute mit der Pfeifsprache El Silbo.
Während grausamer Kämpfe, hieß es, hätten Spaniens erste Konquistadoren die Guanchen bis auf wenige Ausnahmen vernichtet. Schuld seien die Guanchen freilich selbst gewesen, weil sie sich mit unglaublicher Zähigkeit wehrten. Die versklavte Restpopulation sei wenig später an eingeschleppten Krankheiten und am ungewohnten Leben zugrunde gegangen.
Kurz: Es gab nach der Eroberung (fast) keine Guanchen mehr, folglich kann es auch (fast) keine Guanchen-Mischlinge geben! Die Siedler auf den Kanaren sind "reinrassige" Spanier und Punkt. Ergebnis war der historisch wohl einmalige Fall, dass eine Volksgruppe, welche die Gene der angeblich Ausgerotteten unübersehbar in sich trägt, sich selbst des Genozids bezichtigt!
Genetische Überraschung
Es bedurfte des gesellschaftlichen und ideologischen Wandels nach dem Tod des spanischen Diktators Franco 1975, um das Problem wieder aufzurollen. Der Genozid-Vorwurf wog nun, auch im Kontext des Holocaust (die gleichnamige US-Fernsehserie wurde 1979 in Europa ausgestrahlt), derart schwer, dass sich Neuinterpretationen aufdrängten. Schützenhilfe leistete die Gentechnik, die herausfand, dass etwa vierzig Prozent der heutigen Bewohner nachweisbar mit der Urbevölkerung verwandt sind.
Erst seit einigen Jahrzehnten entdecken die Kanarier folglich ihre "wahre Geschichte" - und vermarkten sie mit Erfolg. Archäologen legen die Überreste der Pyramiden von Güimar frei. Linguisten erforschen die Guanchensprache, die nach der spanischen Eroberung verschwand und retten die Pfeifsprache El Silbo (siehe Infobox). Natürlich ist auch der landestypische Tanz, der canario, Erbstück von Ureinwohnern. Der "echte" Kanarier ist heute gern ein wenig Berber: Gelassen schaut er zu, wie hunderttausende Spanier an Teneriffas Stränden landen - besonders im Urlaubsmonat August.
Yvonne Schmidt/Michael Schmittbetz (aktualisiert 21.12.2011)
Dieser Artikel gehört zum Thema
| Kanaren | ![]() |
Infobox
"Inseln des ewigen Frühlings"...
heißen die Kanaren im Volksmund: die jährlichen Durchschnittstemperaturen liegen zwischen 17 und 25 Grad Celsius. Zu den Kanaren gehören die sieben Hauptinseln Lanzarote, Fuerteventura, Gran Canaria, La Gomera, La Palma, Teneriffa und El Hierro sowie sechs Nebeninseln.
Die Kanarischen Inseln sind vulkanischen Ursprungs und bedecken eine Fläche von 7.273 Quadratkilometern. Rund zwei Millionen Menschen leben hier. Prägend ist die vielfältige Pflanzenwelt: Etwa 2.200 Arten sollen auf den vulkanischen Böden wachsen. Mindestens fünfhundert von ihnen sind ausschließlich auf den Kanaren heimisch, beispielsweise die Kanarische Kiefer und der Drachenbaum.
Ebenso artenreich ist die Meeresfauna: Rochen, Engelshaie und Papageifische tummeln sich vor den Küsten. Die größte Vielfalt präsentieren jedoch die Vögel, von denen der Kanarienvogel der bekannteste ist.
Vier der dreizehn Nationalparks Spaniens befinden sich auf den Kanarischen Inseln - auch das ist eine Ursache, weshalb sich der Tourismus seit den 1960er Jahren zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor entwickelt hat: Jährlich besuchen knapp zehn Millionen Touristen die Inseln.
heißen die Kanaren im Volksmund: die jährlichen Durchschnittstemperaturen liegen zwischen 17 und 25 Grad Celsius. Zu den Kanaren gehören die sieben Hauptinseln Lanzarote, Fuerteventura, Gran Canaria, La Gomera, La Palma, Teneriffa und El Hierro sowie sechs Nebeninseln.
Die Kanarischen Inseln sind vulkanischen Ursprungs und bedecken eine Fläche von 7.273 Quadratkilometern. Rund zwei Millionen Menschen leben hier. Prägend ist die vielfältige Pflanzenwelt: Etwa 2.200 Arten sollen auf den vulkanischen Böden wachsen. Mindestens fünfhundert von ihnen sind ausschließlich auf den Kanaren heimisch, beispielsweise die Kanarische Kiefer und der Drachenbaum.
Ebenso artenreich ist die Meeresfauna: Rochen, Engelshaie und Papageifische tummeln sich vor den Küsten. Die größte Vielfalt präsentieren jedoch die Vögel, von denen der Kanarienvogel der bekannteste ist.
Vier der dreizehn Nationalparks Spaniens befinden sich auf den Kanarischen Inseln - auch das ist eine Ursache, weshalb sich der Tourismus seit den 1960er Jahren zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor entwickelt hat: Jährlich besuchen knapp zehn Millionen Touristen die Inseln.
Infobox
El Silbo
La Gomera ist die einzige Insel der Kanaren, auf der El Silbo noch gebräuchlich ist. Entstanden ist die Pfeifsprache aus der Notwendigkeit heraus, sich über die schlecht zugänglichen Schluchten der Vulkaninsel hinweg zu verständigen. Mithilfe von Pfiffen warnten sich die Guanchen schon vor spanischen Eroberern und vor Piratenüberfällen.
Noch im Spanischen Bürgerkrieg setzte man Silbadores, Pfeifer, zur Nachrichtenvermittlung an der Front ein. Die Pfiffe sind, je nach Windrichtung, bis zu zehn Kilometer weit zu hören. Seit 1982 gehört El Silbo zu den Weltkulturgütern der UNESCO. Um die Pfeifsprache zu bewahren, ist sie sogar Pflichtfach an den Schulen La Gomeras.
La Gomera ist die einzige Insel der Kanaren, auf der El Silbo noch gebräuchlich ist. Entstanden ist die Pfeifsprache aus der Notwendigkeit heraus, sich über die schlecht zugänglichen Schluchten der Vulkaninsel hinweg zu verständigen. Mithilfe von Pfiffen warnten sich die Guanchen schon vor spanischen Eroberern und vor Piratenüberfällen.
Noch im Spanischen Bürgerkrieg setzte man Silbadores, Pfeifer, zur Nachrichtenvermittlung an der Front ein. Die Pfiffe sind, je nach Windrichtung, bis zu zehn Kilometer weit zu hören. Seit 1982 gehört El Silbo zu den Weltkulturgütern der UNESCO. Um die Pfeifsprache zu bewahren, ist sie sogar Pflichtfach an den Schulen La Gomeras.



