Traumhafte Ghettos
Luxuriöse Inseln, ganz ohne Einheimische und Lokalkolorit: manch ein Urlauber mag das verlockend finden. Auf den bald Hundert reinen Touristeninseln der Malediven wird der (Alb-)Traum wahr.Meer, Strand und eine Art von Apartheid: Solche Touristeninseln bekommt kaum ein Einheimischer zu Gesicht.
Form der Ghettoisierung
Und in der Tat: Die Malediven haben mehr zu bieten als "nur" schneeweiße Strände und die schönsten Tauchreviere des Erdballs. Einzigartig auf der Welt ist auch die Aufteilung der Eilande in Touristen- und Einheimischeninseln. Von den knapp tausendzweihundert Inseln der Malediven, die im Indischen Ozean südwestlich von Indien und Sri Lanka liegen, sind rund zweihundert bewohnt. Gut und gerne achtzig sind ausschließlich Urlaubern vorbehalten.
Was zunächst banal klingt, ist folgenreich: Auf den Malediven werden Gäste und Insulaner nicht bloß durch Mauern der Ferienressorts getrennt, vielmehr bleiben ihre unterschiedlichen Welten durch die Fluten des Indischen Ozeans separiert. Dank solcher Form der Ghettoisierung bekommen die einen vom Dasein der anderen so gut wie nichts mit.
Reglementierter Tourismus
Die präsidiale Republik der Inselkette kontrolliert und reglementiert den Tourismus, aus dem sie satte Gewinne zieht. Nur ungern sieht man Rucksacktouristen, die sich dem abgeschotteten Leben der Pauschaltouristen nicht anpassen wollen. Wer Land und Leute kennen lernen möchte, der muss gute Gründe parat haben. Möglich ist das Betreten einer Einheimischensiedlung in der Regel nur im Rahmen geführter Touren durch ausgewählte Fischerdörfer. Ausnahmegenehmigungen sind selten und wenn, dann werden sie nur unter strengen Auflagen erteilt.
Den freundlichen Maledivern begegnet der Tourist nicht - er bleibt auf der unbewohnten Insel seiner Hotelanlage.
Es überrascht kaum, dass sich die wenigsten Touristen den schwierigen Prozeduren, die mit einem Antrag verbunden sind, unterziehen. Was aber würde der Reisende sehen, wenn er uneingeschränkten Zugang zu den Inseln der Einheimischen hätte? In erster Linie würde ihm Armut begegnen. Die Lebensbedingungen der Bevölkerung sind erschreckend. Die Malediven gehören zu den ärmsten Ländern der Welt, fast die Hälfte der Ortsansässigen lebt mit weniger als einem Dollar am Tag, also unter der von den Vereinten Nationen definierten Armutsgrenze.
Mangel an Nahrungsmitteln
Zudem sind Infrastruktur und Gesundheitswesen unzureichend: Knapp vierzig Prozent der Malediver haben keinen Zugang zu einem Krankenhaus. Wegen der kaum landwirtschaftlich zu nutzenden Inselböden mangelt es den Maledivern an allem - außer an Fisch. Fehlende Naturalien werden aus aller Herren Ländern importiert. Vieles gelangt ohne Umwege ausschließlich auf die Touristeninseln.
Die Regierung indes ist stets versucht, die Abschottung der Gäste als unumgängliche Notwendigkeit darzustellen. Die traditionsverhafteten Inseldörfer würden in ihrer Lebensart von Touristen gestört, weshalb der westliche Einfluss auf deren muslimische Kultur möglichst gering gehalten werden müsse. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.
Arbeiter aus Indien
Durch die strikte Isolation wird nicht nur der Konfrontation von Urlaubern und Inselvolk vorgebeugt, es wird vor allem verhindert, dass Einnahmen aus dem Tourismus auch der Bevölkerung zugute kommen. Nur wenige der annähernd 300.000 Malediver arbeiten in den Ferienressorts. Die meisten Hoteljobs sind mangels qualifizierter inländischer Arbeitskräfte von Ausländern aus Sri Lanka, Indien, Pakistan und Bangladesch besetzt.
Gutes im Fokus
Kritisch beäugt wird all das von den internationalen Medien kaum. Stattdessen würdigt man den umweltfreundlichen Tourismus der Malediven. Gewiss, man kann den Bebauungsvorschriften sowie den Entsalzungs- und Kläranlagen auf jeder Ressortinsel viel Gutes abgewinnen, aber letztlich verschleiert die Regierung damit auch die unschöne Realität auf den Nachbarinseln. Für Urlauber greifbar ist das Paradies mit seinen Stränden und der faszinierenden Unterwasserwelt, im für sie Unsichtbaren aber herrscht ein Despot, der elementare Rechte seines Volkes missachtet.
Politische Gefangene
Präsident Maumoon Abdul Gayoom, der den Inselstaat seit 1978 führt, genießt die Privilegien, die sein Amt begleiten und war bisher zu keiner Reform bereit. Opposition ist zwar per Gesetz erlaubt, gleichwohl kann die Maldivian Democratic Party nur von Sri Lanka aus agieren. "Wahlerfolge" Gayooms mit über neunzig Prozent der Stimmen sprechen ihre eigene Sprache.
2003 machte Amnesty International auf Menschenrechtsverletzungen aufmerksam: Folter und Festnahmen aufmüpfiger Demonstranten seien keine Seltenheit. Parallel dazu lässt der Präsident weit weg von den Luxushotels ehemalige Militärgebäude zu Gefängnissen ausbauen. Obwohl die Malediven weder eine reguläre Armee noch Feinde haben, liegen sie bei den Militärausgaben, gemessen am Bruttosozialprodukt, weltweit auf Platz zehn.
Verantwortungsvoll Reisen
Dennoch: Trotz des verheerenden Tsunamis im Dezember 2004 steigen die Besucherzahlen weiter. Zweifelsohne unterstützen die Touristen, ein Großteil davon Deutsche, mit ihren Ausgaben das totalitäre Regime. Sollte der Reisende deshalb von einem Urlaub auf den Malediven Abstand nehmen? Für einen verantwortungsvollen Tourismus setzt sich Tourism Concern ein, eine international operierende Nichtregierungsorganisation. Deren Sprecher ist sicher, dass bei Ausbleiben der Feriengäste zuallererst die Bevölkerung von wirtschaftlichen Einschnitten betroffen wäre.
Besserung in Sicht?
Neuere Entwicklungen auf den Malediven machen jedenfalls Hoffnung: Inzwischen sind Touristenbungalows auf Einheimischeninseln geplant. Reformpläne für Verwaltung und Gesetzgebung liegen in der Schublade. Im Oktober 2008 ging Dank der ersten freien Mehrparteienwahlen auf den Malediven die Herrschaft Gayooms zu Ende. Allerdings: "Maldives ... the sunny side of life" - um den Slogan des Fremdenverkehrsamts auch für die Insulaner wahr werden zu lassen, bedarf es mehr als bloßer Versprechungen.
Björn Radermacher (27.10.2006)
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Infobox
Der Klimawandel gefährdet die Malediven. Die Oberfläche des Staatsgebietes besteht schon heute zu über neunzig Prozent aus Wasser. Achtzig Prozent des Landgebietes liegen weniger als einen Meter über Normal Null.
Der ansteigende Meeresspiegel beunruhigt vor allem die Malediver selbst. An jeder Weltklimakonferenz nehmen Vertreter der Regierung teil, um sich für den Schutz der Erdatmosphäre einzusetzen. Jährlich importiert man rund einhunderttausend Tonnen Sand, damit das fragile ökologische Gleichgewicht auf den Korallenatollen möglichst unangetastet bleibt.
Die Insel der Hauptstadt Malé wurde gar künstlich vergrößert, da der enorme Bevölkerungszuwachs keine andere Lösung zuließ. Heute leben auf dem gut zwei Quadratkilometer großen Eiland über neunzigtausend Einwohner. Mehr als ein Drittel der Inselfläche ist nachträglich angefügt.
Der ansteigende Meeresspiegel beunruhigt vor allem die Malediver selbst. An jeder Weltklimakonferenz nehmen Vertreter der Regierung teil, um sich für den Schutz der Erdatmosphäre einzusetzen. Jährlich importiert man rund einhunderttausend Tonnen Sand, damit das fragile ökologische Gleichgewicht auf den Korallenatollen möglichst unangetastet bleibt.
Die Insel der Hauptstadt Malé wurde gar künstlich vergrößert, da der enorme Bevölkerungszuwachs keine andere Lösung zuließ. Heute leben auf dem gut zwei Quadratkilometer großen Eiland über neunzigtausend Einwohner. Mehr als ein Drittel der Inselfläche ist nachträglich angefügt.



