Fluchtpunkt Frühlingsinsel
Deutsche auf Mallorca, und zwar in Mengen? Die gibt es nicht erst seit dem bundesrepublikanischen Wirtschaftswunder. Schon zu Beginn der 1930er Jahre wählten viele den Fluchtpunkt Frühlingsinsel.Sitz der Regionalregierung in Palma: Nicht jeder Aussteiger ist bei den balearischen Behörden gemeldet.
Flausen im Kopf
"Viele kommen mit Flausen im Kopf hierher", meint etwa Wolfram Seifert, dreißig Jahre lang Chef des deutschsprachigen Mallorca-Magazins: "Die meisten Aussteiger sind kaum länger hier als ein Jahr. Wer bleiben will, braucht eine Idee oder im Voraus einen Job." Und: "Ohne Sprachkenntnis ist man beruflich verloren." Zudem hat auch Mallorca die Krise ereilt: Die Konkurrenz ist hart. Um unter solchen Umständen zu bestehen, sind Netzwerke nötig. Das war, genau genommen, zu keiner Zeit anders.
Mehr Deutsche als heute
Überhaupt: andere Zeiten, andere Krisen, ähnliche Verhaltensweisen. Seit Menschen in beachtlicher Anzahl in die Ferne schweifen, nämlich seit den ersten Jahrzehnten des Zwanzigsten Jahrhunderts, entfaltet Mallorca Anziehungskraft. Dies gilt, wie Mallorcas jüngere Geschichte zeigt, auch für Reisende, die nicht freiwillig, vielmehr getrieben von wirtschaftlicher Not und politischer Verfolgung, ihrem Vaterland den Rücken kehrten.
Das Faible der Deutschen für die Insel ist jedenfalls älter als bundesrepublikanische Sehnsucht nach schneelosen Wintern, nach Fincas und Badebuchten - und wird belegt durch einen überraschenden Fakt: Zu Beginn der 1930er Jahre war der Anteil deutscher Residenten an der Gesamtbevölkerung erheblich größer als heute.
Krisen-Flüchtlinge
Allein in Palma, der Inselhauptstadt, lebten damals um die dreitausend Auswanderer, deren Geburtsort irgendwo zwischen Rügen und Bodensee lag. War es ursprünglich die Weltwirtschaftskrise, die etliche nach einer neuen Heimat am Rand Europas Ausschau halten ließ, wuchs die Zahl nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten auf inselweit über 37.000 Exilanten. Malerisches Ambiente und politische Toleranz der Mallorquiner hielten manchen Flüchtling dort fest, dem bescheidenste Lebensumstände erträglicher schienen als politische Unterdrückung zu Hause.
"Von Deutschen überlaufen"
Dabei rechnete nur eine Minderheit derjenigen, die Deutschland einst aus wirtschaftlichen Gründen verlassen hatten, zum Lager der Anti-Nationalsozialisten: So schrieb zum Beispiel der emigrierte Literat und Kunstmäzen Harry Graf Kessler 1933 an seine Schwester, dass "Mallorca von Deutschen überlaufen" sei.
Skeptisch beäugte der Graf, der lange John Heartfield unterstützte und mit Klaus Mann und Erich Kästner befreundet war, zahlreiche Residenten, die er zu Recht für Nazis hielt. Tatsächlich existierte in Palma seit 1932 eine starke Ortsgruppe der NSDAP, und tatsächlich zeigte der deutsche Konsul Hans Dede gemeinsam mit gesinnungstreuen Parteigenossen rege Aktivität.
Taufrische UFA-Filme
Hilfreich war dabei eine Infrastruktur, die alles übertraf, was es heute an Deutschem auf Mallorca zu bestaunen gibt: Ob deutsche Schule oder Schönheitssalon, Buchhändler, Konditor, Fleischer, oder Pensionen in deutscher Hand - kaum etwas Wünschbares fehlte. Deutsche Architekten projektierten Häuser in Palma und anderswo. Sogar auf ein eigenes Kino mussten die Inseldeutschen nicht verzichten, selbstverständlich taufrisch beliefert mit UFA-Filmen. Der historische Vorläufer des Mallorca-Magazins hieß Deutscher Herold und wurde, kurioserweise, von zwei jüdischen Redakteuren betrieben...
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Der "Menschenfänger"
Harry Graf Kessler (1868 bis 1937), prominenter Mallorca-Migrant und heute von der Öffentlichkeit fast vergessen, war als Kunstsammler, Diplomat, Mäzen, Museumsdirektor und Publizist ein Phänomen seiner Zeit. Schon die Herkunft Kesslers ist skandalumwittert, da Gerüchte und Indizien darauf hindeuten, dass er ein illegitimer Sohn des ersten deutschen Kaisers Wilhelm I. war.
In Frankreich, England und Deutschland erzogen - Kesslers Vater war deutscher Bankier, die Mutter Tochter eines irischen Baronets, er selbst als junger Mann Offizier im 3. Garde-Ulanen-Regiment in Potsdam -, sah Kessler sich zeitlebens als Europäer. Künstlerisch ist besonders Kesslers Weimarer Engagement als Museumsdirektor vor dem Ersten Weltkrieg bedeutend. Kultur- und gesellschaftspolitisch ragt sein späteres Eingreifen als Publizist in die politischen Debatten der Weimarer Republik heraus.
Während seiner diplomatischen Tätigkeit für die Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes im Ersten Weltkrieg entwickelte Kessler friedensorientierte Visionen, die auf einen über nationalen Interessen stehenden Welt-Staatenbund zielten. Der eigentliche literarische Nachlass Kesslers ist ein äußerst umfangreiches Tagebuch. Darin wird Kessler dem Ruf als "Menschenfänger" gerecht, den ihm die Nachwelt anheften sollte. Vor den Nazis emigrierte Kessler zunächst nach Paris, später, angesichts des finanziellen Ruins, nach Mallorca. Im südfranzösischen Lyon starb Kessler 1937 vollkommen verarmt in einem Spital.
Harry Graf Kessler (1868 bis 1937), prominenter Mallorca-Migrant und heute von der Öffentlichkeit fast vergessen, war als Kunstsammler, Diplomat, Mäzen, Museumsdirektor und Publizist ein Phänomen seiner Zeit. Schon die Herkunft Kesslers ist skandalumwittert, da Gerüchte und Indizien darauf hindeuten, dass er ein illegitimer Sohn des ersten deutschen Kaisers Wilhelm I. war.
In Frankreich, England und Deutschland erzogen - Kesslers Vater war deutscher Bankier, die Mutter Tochter eines irischen Baronets, er selbst als junger Mann Offizier im 3. Garde-Ulanen-Regiment in Potsdam -, sah Kessler sich zeitlebens als Europäer. Künstlerisch ist besonders Kesslers Weimarer Engagement als Museumsdirektor vor dem Ersten Weltkrieg bedeutend. Kultur- und gesellschaftspolitisch ragt sein späteres Eingreifen als Publizist in die politischen Debatten der Weimarer Republik heraus.
Während seiner diplomatischen Tätigkeit für die Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes im Ersten Weltkrieg entwickelte Kessler friedensorientierte Visionen, die auf einen über nationalen Interessen stehenden Welt-Staatenbund zielten. Der eigentliche literarische Nachlass Kesslers ist ein äußerst umfangreiches Tagebuch. Darin wird Kessler dem Ruf als "Menschenfänger" gerecht, den ihm die Nachwelt anheften sollte. Vor den Nazis emigrierte Kessler zunächst nach Paris, später, angesichts des finanziellen Ruins, nach Mallorca. Im südfranzösischen Lyon starb Kessler 1937 vollkommen verarmt in einem Spital.



