Viele Kolonien übernahmen von Mauritius das System der Schuldknechtschaft: Auf Trinidad in der Karibik entstand dieses Bild indischer Vertragsarbeiter. (um 1897)
De Plevitz' Petition
Das Schicksal der indischen Arbeiter kümmerte die französisch-kreolische Elite ebenso wenig wie die britische Kolonialverwaltung. Eine rühmliche Ausnahme war der Plantagenbesitzer Adolphe de Plevitz. In einem Pamphlet prangerte er 1871 die Repressionen gegen die Arbeiter an und reichte eine mit neuntausend indischen Unterschriften versehene Petition bei Gouverneur Arthur Hamilton-Gordon ein.
Gordon holte daraufhin eine Königliche Kommission nach Mauritius - deren umfangreicher Abschlussbericht von 1875 zeigte die ganze Bösartigkeit des Einwanderungssystems auf Mauritius auf. Obwohl daraufhin die Gesetze gelockert und viele Repressionen entschärft wurden, änderte sich für die Einwanderer wenig.
Neue Einwanderer
Jedoch hatte um diese Zeit bereits eine Entwicklung eingesetzt, die den Indo-Mauritiern schließlich den Aufstieg ermöglichte: Weil das Zuckergeschäft zurückging, verkauften viele Zuckerbarone Flächen an den Rändern ihrer Plantagen an ehemalige Schuldknechte. Landerwerb und Zugang zu Bildung ließen ab dem Ende des 19. Jahrhunderts eine neue Klasse sozial und ökonomisch besser gestellter Indo-Mauritier entstehen. Zulauf erhielt diese Gruppe durch neue Einwanderer. Aus Indien kamen nun aber nicht mehr ungeschulte Arbeiter, sondern Ärzte, Juristen und Geschäftsleute.
Port Louis heute: Fast siebzig Prozent der Mauritier haben indische Vorfahren. (Bild: Simisa, Lizenz: Creative Commons)
Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt: Ab den 1920er Jahren engagierte sich die indo-mauritische Oberschicht politisch. Nach Änderungen im Wahlgesetz 1947 durfte erstmals ein Großteil der Inder wählen; die politische Vormachtstellung der alten Eliten war damit gebrochen.
Indo-Mauritier kämpften nicht nur für bessere Bedingungen für die Arbeiterklasse, sie setzten sich auch an die Spitze der Unabhängigkeitsbewegung. Als Großbritannien seine Kolonie 1968 in die Unabhängigkeit entließ, wurde Seewoosagur Ramgoolam Premierminister - dessen Vorfahren waren einst aus der armen nordindischen Provinz Bihar nach Mauritius gekommen.
Der Weg in die Mitte
Ramgoolam war es auch, der 1978 am Aapravasi Ghat eine Gedenkplatte enthüllte für die mehr als 450.000 Einwanderer, die an dieser Stelle als Schuldknechte die Insel betraten. Seit 2006 gehört das Gelände zum UNESCO-Weltkulturerbe - als Symbol einer der größten Völkerwanderungen der Geschichte: Weltweit betrug die Zahl der Menschen, die unter dem Schuldknechtsystem fern der Heimat und oft unter wenig freundlichen Bedingungen schufteten, rund zwei Millionen. Mehr als ein Jahrhundert dauerte der Weg der indischen Einwanderer von Aapravasi Ghat bis in die Mitte der mauritischen Gesellschaft. Für Besucher, die heute nach Mauritius kommen, sind es nur ein paar Schritte.
Urte Paul (19.02.2010)
Seite
1
| 2
Dieser Artikel gehört zum Thema
| Mauritius | ![]() |
Infobox
Paradise Lost
1968 erhielt Mauritius die Unabhängigkeit von Großbritannien. Ausgenommen davon waren die Inseln des Chagos-Archipels, die seit 1965 als Britisches Territorium im Indischen Ozean der Krone unterstehen. Deren rund zweitausend Einwohner ließ die britische Regierung 1971 zwangsumsiedeln. Das nun menschenleere Atoll Diego Garcia pachteten die USA.
Gemeinsam unterhalten die USA und Großbritannien dort seitdem eine Militärbasis. Die vertriebenen Chagossianer, die von Fischerei und Kokosnussanbau gelebt hatten, mussten sich auf Mauritius und auf den Seychellen durchschlagen. Arbeitslosigkeit, Armut und Alkohol bestimmten von da an das Leben vieler.
Seit mehr als einem Jahrzehnt kämpfen die Chagossianer und ihre Nachfahren - etwa fünftausend sind es mittlerweile - um das Recht, in ihre Heimat zurückzukehren. Ein britisches Gericht sprach ihnen im Jahr 2000 dieses Recht prinzipiell zu.
Königin Elisabeth II. verbannte die Chagossianer 2004 per Order-in-Council aus ihrer Heimat, was der High Court of Justice aber für rechtswidrig erklärte. Auch das höchste Berufungsgericht des Landes urteilte im Sinne der Inselbewohner; das House of Lords aber stellte sich 2008 hinter die britische Regierung. Nun geht der Fall vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.
Die Chagossianer, erläutert Martin Fletcher von der Londoner Tageszeitung Times, seien die ultimativen Opfer der Geopolitik. Im Kalten Krieg diente die Militärbasis Diego Garcia den Westmächten als Horchposten und als Stützpunkt, um Schiffsbewegungen der Sowjetunion zu überwachen. Während der Golfkriege und im Afghanistaneinsatz starteten von dort Langstreckenbomber und Versorgungsschiffe; seit 2007 entsteht auf Diego Garcia ein U-Boot-Hafen.
Egal wie Gerichte im Fall Chagos urteilen - dass die rechtmäßigen Inselbewohner in ihre Heimat zurückkehren werden, ist angesichts des Kriegs gegen den Terror und weltpolitischer Entwicklungen wie dem iranischen Atomprogramm alles andere als wahrscheinlich. 2010 wurde Diego Garcia weiter aufgerüstet, die Briten wollen mehr militärisches Personal dort stationieren. Mindestens bis 2036 soll das Chagos-Atoll militärisch genutzt werden.
1968 erhielt Mauritius die Unabhängigkeit von Großbritannien. Ausgenommen davon waren die Inseln des Chagos-Archipels, die seit 1965 als Britisches Territorium im Indischen Ozean der Krone unterstehen. Deren rund zweitausend Einwohner ließ die britische Regierung 1971 zwangsumsiedeln. Das nun menschenleere Atoll Diego Garcia pachteten die USA.
Gemeinsam unterhalten die USA und Großbritannien dort seitdem eine Militärbasis. Die vertriebenen Chagossianer, die von Fischerei und Kokosnussanbau gelebt hatten, mussten sich auf Mauritius und auf den Seychellen durchschlagen. Arbeitslosigkeit, Armut und Alkohol bestimmten von da an das Leben vieler.
Seit mehr als einem Jahrzehnt kämpfen die Chagossianer und ihre Nachfahren - etwa fünftausend sind es mittlerweile - um das Recht, in ihre Heimat zurückzukehren. Ein britisches Gericht sprach ihnen im Jahr 2000 dieses Recht prinzipiell zu.
Königin Elisabeth II. verbannte die Chagossianer 2004 per Order-in-Council aus ihrer Heimat, was der High Court of Justice aber für rechtswidrig erklärte. Auch das höchste Berufungsgericht des Landes urteilte im Sinne der Inselbewohner; das House of Lords aber stellte sich 2008 hinter die britische Regierung. Nun geht der Fall vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.
Die Chagossianer, erläutert Martin Fletcher von der Londoner Tageszeitung Times, seien die ultimativen Opfer der Geopolitik. Im Kalten Krieg diente die Militärbasis Diego Garcia den Westmächten als Horchposten und als Stützpunkt, um Schiffsbewegungen der Sowjetunion zu überwachen. Während der Golfkriege und im Afghanistaneinsatz starteten von dort Langstreckenbomber und Versorgungsschiffe; seit 2007 entsteht auf Diego Garcia ein U-Boot-Hafen.
Egal wie Gerichte im Fall Chagos urteilen - dass die rechtmäßigen Inselbewohner in ihre Heimat zurückkehren werden, ist angesichts des Kriegs gegen den Terror und weltpolitischer Entwicklungen wie dem iranischen Atomprogramm alles andere als wahrscheinlich. 2010 wurde Diego Garcia weiter aufgerüstet, die Briten wollen mehr militärisches Personal dort stationieren. Mindestens bis 2036 soll das Chagos-Atoll militärisch genutzt werden.



