Alltag im Altaigebirge: Bei Schnee- und Sandsturm werden die Jurten sorgsam abgedichtet.
Stilles Land
Siehe da, Dschingis Khan ist wieder auf dem Vormarsch! Nicht mit wilden Reitern, Pfeil und Bogen, diesmal ganz zivilisiert: Wir sprechen von dem, laut Eigenwerbung, "ersten mongolischen Restaurant Deutschlands", in der Bornholmer Straße in Berlin. Der Blick auf die Speisekarte verrät: Zubereitet wird viel Lamm und Rind. Ist das mongolisch? Die Namen der Spezialitäten suggerieren es. Doch, mal ehrlich, könnte man uns hier nicht alles servieren? Was wissen wir denn über das Land tief in der asiatischen Steppe?Rote Helden
Zunächst einmal bezeichnet das Wort Mongolei sowohl einen Staat als auch eine Landschaft im Nordosten Zentralasiens. Die Innere Mongolei gehört zu China, die Äußere Mongolei erklärte sich 1911 unabhängig von seinem südlichen Nachbarn. Von der UdSSR unterstützt, gründeten revolutionäre Kräfte 1924 die Mongolische Volksrepublik - zweiter sozialistischer Staat der Welt. Seither heißt die Hauptstadt Ulaanbaatar, "Stadt der roten Helden".
Friedvolle Ruhe
Im Schatten des großen Vorbilds Sowjetunion dümpelte der Staat über Jahrzehnte friedlich vor sich hin: Volk und Regierung ließen sich weitgehend in Ruhe. Nur die russische Militärpräsenz - gegen das verfeindete China Maos - brachte gelegentliche Sorgen. Mit der Wende am Ende der 1990er Jahre beginnt der sowjetische Truppenabzug. Im Februar 1992 tritt eine Demokratische Verfassung in Kraft. Das Wirtschafts- und Beziehungsgeflecht jedoch bleibt erhalten. Die Mongolei - im Norden von Russland, das restliche Staatsgebiet von China eingegrenzt - schließt mit beiden Staaten partnerschaftliche Verträge.
Alemannische Spezialität
Gute Beziehungen zur Bundesrepublik setzen die traditionelle Kooperation mit der einstigen DDR fort. Besonders erfolgreich hat eine berühmte alemannische Spezialität den Weg nach Osten gefunden: Seit 1996 wird in Ulanbaataar Bier nach deutschem Reinheitsgebot hergestellt: Technik, Braumeister, Geschäftspartner von Khan Bräu, sogar die Theke im Gasthaus, das der Brauerei gleich angeschlossen ist, kommen aus Deutschland. Fern der Hauptstadt geht der Fortschritt einen eher gemächlichen Weg. Während in der Stadt mit dem einzigen internationalen Flughafen nicht mal eine Million Menschen leben, gelten alle anderen Ortschaften nach europäischen Maßstäben als Kleinstädte. Industrielle Bedeutung hat hier allenfalls noch der Abbau von Bodenschätzen. Den behindert jedoch die fehlende Infrastruktur.
Der Buddhismus, als verbreitete Religion, hat überall seine Spuren hinterlassen.
Rund die Hälfte der Bevölkerung lebt als Nomaden in der kargen Steppe - etwas mehr als eine Million Menschen, auf einer Fläche, die viereinhalb mal so groß ist wie die Bundesrepublik. Der Reichtum der Nomaden beziffert sich in Bodo, der Anzahl von Pferden, Kamelen, Rindern oder Schafen. Im Durchschnitt siedeln auf je zwei Quadratkilometern zwei Einwohner, mit 24 Nutztieren - und wahrscheinlich gibt es eine Jurte. Die Mongolen nennen ihre Behausung übrigens Ger. Häufig wohnen mehrere Generationen unter einem Dach. Können es sich die Bewohner leisten, nutzen sie die Annehmlichkeiten von Solarpanel oder Satellitenschüssel. Darüber hinaus hat sich an dem seit Jahrhunderten üblichen Leben wenig geändert.
Airag ins Herdfeuer
Im Einklang mit der Erde teilen die Nomaden ihre Nahrungsmittel mit der Natur. Einige Tropfen Airag schüttet der Hausherr ins Herdfeuer sowie in alle vier Himmelsrichtungen, bevor er die Trinkschalen füllt. Wird ein Tier getötet, werden die Geister des Himmels, der Berge und der Erde um Verzeihung gebeten. Oft sind ausländische Touristen erstaunt über den Umgang mit den Haustieren: Die Besitzer begegnen ihnen mit Achtung und Aufmerksamkeit. Geschichten und Riten drehen sich um sie - dennoch erhält sogar das Lieblingspferd keinen Namen. Es mag daran liegen, dass dieses Hirtenvolk eher wortkarg ist, worunter die Gastfreundschaft aber nie leidet. Sie scheinen nur nicht viel Aufhebens von sich selbst zu machen. Das gilt auch für das Image nach außen. So rückt dieses Land nur dann in die Informationskanäle unserer Nachrichtenwelt, wenn eine Kältewelle Zentralasien überzieht, oder wenn man sich fragt: Mongolisches Essen - was erwartet mich denn da?
Katja Bose (01.06.2004)
Infobox
Im Zentrum der Jurte steht der Herd. Dort werden Speisen und Tee zubereitet. Dem Verzehr dienen vor allem Fleisch und Milchprodukte, da sich nur knapp ein Prozent der Landesfläche für den Ackerbau eignet und die Vegetationsperiode lediglich vier Monate umfasst. Der Tee wird mit Wasser, Milch, Butter oder Hammelfett gekocht und leicht gesalzen getrunken. Das andere traditionelle Nationalgetränk ist Airag, vergorene Stutenmilch. Beides sind nahrhafte und äußerst vitaminreiche Flüssigkeiten für ein Leben in der - starken Temperaturschwankungen ausgesetzten - kontinentalen Klimazone.


