Die Widerspenstige
Gerade plätschert das Wasser noch sanft unterm Kiel, im nächsten Moment schwappen grünblaue Wogen über die Planke. Sogar trainierten Seglern fährt der Schreck in die Knochen, dermaßen plötzlich kann das passieren. Wer mit dem Segelboot oder im Kanu auf die offene Wasserfläche steuert, muss damit rechnen: Die Müritz, Deutschlands größtes Binnengewässer, lässt sich nicht von jedem bezwingen. Widerspenstig ist sie - und launisch.Staunende Siedler
Slawische Siedler, die den See im 7. und 8. Jahrhundert erreichten, nannten ihn respektvoll "kleines Meer". Wie ein unüberschaubares, schwer zu umgehendes Hindernis breitete sich die Müritz vor ihnen aus. Bis auf die Ostsee war den Neuangekommenen kein Gewässer solchen Ausmaßes bekannt. Deutsche Siedler, die von Südwesten her etwa zweihundert Jahre nach den Slawen Einzug hielten, grübelten bald über den Ursprung der eigenwilligen Wasserfläche nach.
Böse Holzfäller?
Das Ergebnis war eine Sage von Verletzung und Schuld: An der Stelle, so heißt es, wo jetzt der große See ist, schlummerten im grauen Altertum sieben kleinere Seen, welche nicht miteinander in Verbindung standen. Das wurde anders, als Holzfäller sich an den Uferwäldern vergriffen, darunter am heiligen Hain, in dem Germanen einst ihre Götter verehrten. Dort, wo der letzte gefällte Baum seine Wurzeln hatte, sprang eine Quelle auf und ließ den Wasserspiegel steigen - bis sich die sieben friedlichen Seen zur gewaltigen Müritz vereinten. Dass diese Sage bis weit in die Neuzeit lebendig blieb, zeigt, wie tief das Schuldgefühl über frühe Eingriffe ins Landschaftsbild saß. Um 1860 schrieb ein gewisser Albert Niederhöffer die viel sagende Überlieferung auf.
Ein Körnchen Wahrheit?
Was dann - angeblich - kam, klingt logisch: Aus dem Harz der gefällten Bäume wurde ein riesiger Bernsteinklumpen, der an der tiefsten Stelle der Müritz verborgen liegt. Weil gierige Fischer den Schatz entwenden wollen, wacht eine Bernsteinnixe am Grunde des Sees. Und genau jenes Fabelwesen lässt Schiffer und Boot in den Fluten verschwinden: Die Müritz fordert jedes Jahr ihre Opfer...
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Ihre Entstehung verdankt die Müritz der Weichseleiszeit, die vor rund zwanzigtausend Jahren Mitteleuropa erfasste. Während einer ihrer Rückzugsphasen hinterließ die Kälteperiode riesige Eisblöcke, die sich von der Haupteismasse lösten. Bei einer späteren Ausdehnung lagerten sich Sedimente der Endmoräne über diesen Blöcken ab, die unter ihren Lasten einsanken. Einer dieser schweren Stempel prägte den Grund der Müritz, flach und beckenartig. Am Ende der Eiszeit vor rund zehntausend Jahren bildete sich dort ein Gletschertor, aus dem das Schmelzwasser des Eisblockes abfloss. Durch die Strömung verformten sich weiche Sanderflächen am Rande der Senke zu einer Rinne. So erhielt die Müritz ihre tiefere, eingeschnittene Westseite. Trifft hier ein böiger Westwind auf die Wasserfläche, entstehen Wellen, die sie sich über dem unebenen Untergrund häufig brechen. Sie erreichen die Seemitte mit kurzen, harten Kämmen, was sie besonders für Kleinboote gefährlich macht. Bei starkem Ostwind hingegen schieben sich die Wellen im flachen Wasser der östlichen Seeseite auf. Hier können sich ihre Kämme relativ ungehindert vereinen und bedrohlich an Höhe gewinnen.



