Die "böse Brut"
Von Spannungen beherrscht scheint das Verhältnis zwischen Polen und Deutschen seit dem Mittelalter. Dabei berichten die Geschichtsbücher viel öfter von friedlichem Zusammenleben als von Mord und Hass.1410 besiegte König Wladyslaw das Heer der Ordensritter bei Tannenberg. Begann damals die Phase deutsch-polnischer Konflikte?
Bismarcks "Germanisierung"
Bemerkenswert ist hier weniger der antideutsche Reflex; der ordnet sich ein in den polnisch-katholischen Widerstand als Antwort auf die um 1860 einsetzende Kulturkampf- und Eindeutschungspolitik des Kanzlers Bismarck: "Germanisierung" des Bodens, Ansiedlung von Deutschen, administratives Vorgehen gegen katholische Priester, Abschaffung des Polnischen als Unterrichtssprache - Bismarcks Verfahren war rigide, wenn auch selten von Gewalt begleitet und kaum auf eine Stufe zu stellen mit den wechselseitigen Vertreibungen von 1939 bis in die frühen 1950er Jahre.
Rückgriff aufs Mittelalter
Bemerkenswert an den Zeilen der Dichterin Konopnicka ist vielmehr der Rückgriff auf weit ältere polnisch-litauisch-deutsche Vergangenheit: auf die Zeit der Deutschordensritter ab 1226, als Konrad von Masowien den Orden ins Land bat, bis etwa zur Schlacht bei Tannenberg 1410. Schicksalhaft bestimmt im Gedicht die Vergangenheit die Gegenwart: Die "Brut" ist, schon ihrer Herkunft wegen, einmal böse und für immer.
Dynastisch-feudaler Konflikt: im Jahr 1410 schlug ein polnisch-litauisches Heer die Ordensritter bei Tannenberg. (Gemälde von Jan Matejko)
Ähnlich wie es Konopnicka bereits anklingen lässt, suchten seither zahlreiche polnische und auch deutsche Historiker tiefere Ursachen für das aktuell meist angespannte, oft feindselige polnisch-deutsche Verhältnis in den Mächtekonstellationen vor dem Beginn der Neuzeit, im späteren Mittelalter: "Die Kreuzritter" - dabei rasch als Übeltäter entlarvt - treten bis in die Gegenwart in allerlei Romanen, Filmen und Fernsehserien als raubgierige germanische Eindringlinge auf, quasi als Vorläufer von Wehrmacht und SS.
"Urknall" gegenseitiger Abneigung
Letztlich rein dynastische Territorialkonflikte - bei denen übrigens ebenso polnisch-litauische Söldner in den Heeren des Deutschen Ordens kämpften und umgekehrt wichtige überwiegend deutschsprachige Städte den polnischen König im Kampf gegen den Orden unterstützten - erscheinen wie der "Urknall" polnisch-deutscher Abneigung und polnisch-deutschen Missverstehens.
In der Seele verwurzelt
Der Nachteil solcher Auffassung liegt auf der Hand: Was derart weit zurückreicht, muss nun einmal tief in der Seele der betroffenen Völker wurzeln. Kein Weg führt dort hinaus, und man darf sich offenbar nicht wundern, wenn wechselseitige Ressentiments trotz gelegentlicher Entspannungsphasen immer wieder das Verhältnis dominieren...
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Infobox
Das moderne Polen ist mit seinen mehr als 38,5 Millionen Einwohnern der vielleicht wichtigste unter den zehn Staaten, die im Mai 2004 der Europäischen Union beigetreten sind. Seit der "Westverschiebung" nach dem Zweiten Weltkrieg und den damit verbundenen Vertreibungen ist Polen - im Vergleich zu anderen EU-Staaten - ethnisch außerordentlich homogen: Beinahe 97 Prozent der Einwohner sind rein polnischer Abstammung; es gibt vergleichsweise kleine Minderheiten aus Deutschen, Weißrussen und Ukrainern. Ungefähr neunzig Prozent der Bevölkerung gehören der römisch-katholischen Glaubensrichtung an.
Demokratische Traditionen sind in der polnischen Geschichte, sogar gemessen an westeuropäischen Maßstäben, ungewöhnlich alt: Bereits während des 14. Jahrhunderts entwickelte sich das Königreich Polen zu einer Adelsrepublik, in der eine schriftlich niedergelegte Verfassung die Macht des Monarchen beschränkte. Die Bezeichnung Sejm für die erste Kammer des polnischen Parlaments geht auf jene Zeit zurück. In der parlamentarischen Demokratie von heute hat der Staatspräsident eine relativ starke Position, was polnischer Verfassungstradition während des Zwanzigsten Jahrhunderts entspricht.
Demokratische Traditionen sind in der polnischen Geschichte, sogar gemessen an westeuropäischen Maßstäben, ungewöhnlich alt: Bereits während des 14. Jahrhunderts entwickelte sich das Königreich Polen zu einer Adelsrepublik, in der eine schriftlich niedergelegte Verfassung die Macht des Monarchen beschränkte. Die Bezeichnung Sejm für die erste Kammer des polnischen Parlaments geht auf jene Zeit zurück. In der parlamentarischen Demokratie von heute hat der Staatspräsident eine relativ starke Position, was polnischer Verfassungstradition während des Zwanzigsten Jahrhunderts entspricht.



