Stimme der Heimat
Frédéric Chopin beschrieb Paris als "die schönste aller Welten", trotzdem fühlte er sich seiner polnischen Heimat aufs Engste verbunden. Dafür sprechen viele der in Paris entstandenen Kompositionen.Der russische Adler greift an und schlägt Polen nieder, bis das einst mächtige Land 1795 von der Landkarte verschwindet. (Lithographie von 1863)
Von der Landkarte verschwunden
Chopins Auftritt ist mehr als nur ein angenehmer Programmpunkt am Nachmittag. Sowohl der Künstler als auch die polnischen Zuhörer fühlen sich durch die Musik mit ihrer Heimat verbunden. Die Musik lässt sie von einem freien und unabhängigen Polen träumen, gerade weil die Wirklichkeit eine andere ist: Der Staat Polen existiert nicht mehr.
Die drei europäischen Großmächte Russland, Österreich und Preußen hatten das einst mächtige Land zwischen 1772 und 1795 untereinander aufgeteilt. Erst Napoleon I., der Polen zum Verbündeten Frankreichs und zum Unterstützer seiner Weltherrschaftspläne machte, schuf mit dem Herzogtum Warschau wieder ein nationales Staatsgebilde. Das Königreich hingegen, das der Wiener Kongress nach Napoleons Niederlage 1815 auf einem Bruchteil des ehemaligen Gebiets installierte, stand unter russischer Herrschaft und verlor nach und nach jede Eigenständigkeit.
Kampf um Freiheit
Im November 1830 begannen die Polen, für ihre Freiheit zu kämpfen. Rebellen vertrieben den Vizekönig, den Bruder des russischen Zaren Nikolaus I., und übernahmen die Kontrolle über Warschau. Führende Politiker und hohe Offiziere unterstützten die Revolte, im Januar 1831 setzte der Sejm - das polnische Parlament - den Zaren als König von Polen ab. Doch Russland schickte Truppen und schlug die Erhebung nieder. Das Königreich wurde als Weichselland ins Zarenreich integriert.
Frédéric Chopin (1810 bis 1849): In Paris schrieb der Komponist die polnische Kultur fort. (Bild: Maria Wodzińska, 1835)
Nach dem Scheitern des Aufstands wanderten viele Polen nach Frankreich aus. Paris wurde Zentrum der polnischen Emigration. Auch der 21jährige Frédéric Chopin ließ sich 1831 dort nieder. Seinen Landsleuten war Chopin bereits als Komponist bekannt. Schon mit sieben Jahren hatte der 1810 geborene Frédéric Polonaisen verfasst. Dem Wunderknaben fiel es leicht, gängige Muster spielerisch nachzuahmen und in Eigenes zu verwandeln. Reaktionen auf Chopins Kompositionen ließen nicht lange auf sich warten: Das Warschauer Tageblatt nahm 1817 den neuen Stern am Horizont der Musik mit patriotischem Überschwang zur Kenntnis und sah ihn als Beweis, "dass auch in unserem Lande Genies entstehen."
"Die schönste aller Welten"
Besonders für den nationalen Geist seiner Werke erntete Chopin Bewunderung. In seinen Jugendjahren verarbeitete er die Polonaise zum klingenden Protest gegen die russische Fremdherrschaft und zum musikalischen Modell für eine Vielzahl von patriotischen und revolutionären Liedern. Auch während der Pariser Zeit griff der Komponist die Themen der heimatlichen Tänze Polonaise und Mazurka immer wieder auf. Obwohl der kulturelle Reichtum Frankreichs ihn beeindruckte und er Paris als "die schönste aller Welten" beschrieb, fühlte sich Chopin zeitlebens seiner polnischen Heimat und Kultur aufs Engste verbunden. Dafür sprechen viele der in Paris entstandenen Kompositionen, die eben mehr als nur Reihen von Noten waren: Mit der Musik wurde zugleich Politik betrieben!
Revolutionäre Lieder
Denn: Für das Volk, dem der Staat genommen war, hatte Kultur die Bedeutung eines Bindemittels. Schriftsteller, Maler und Komponisten bezogen sich bewusst auf nationale Themen, um ihren Anteil am Überleben Polens als Kulturnation zu leisten und das nationale Bewusstsein zu stärken. So auch Frédéric Chopin. Inspiriert von polnischer Folklore, kreierte der Komponist seine eigene musikalische Sprache. Im Exil schrieb Chopin die polnische Kultur fort, die durch Russifizierungs- und Germanisierungsbestrebungen in der alten Heimat bedroht war.
Durch Chopins Spiel entbrannte in den Pariser Salons des 19. Jahrhunderts eine Begeisterung für alles Polnische. Wer mittanzte, zeigte Solidarität mit dem polnischen Volk.
Auf diese Weise trug der Komponist maßgeblich dazu bei, dass in den Pariser Salons eine Begeisterung für alles Polnische entbrannte. Vor allem die Gesellschaftstänze Mazurka, Krakowiak und die Polonaise eroberten von dort aus das europäische Parkett. Wer den Krakowiak tanzte, zeigte zugleich seine Solidarität mit dem polnischen Volk.
Botschafter Polens
Keinem gelang es so gut wie Chopin, außerhalb der polnischen Grenzen eine derartige Wirkung zu erzielen. Während viele polnische Komponisten, die sich der nationalen Sache verpflichtet fühlten, für die Außenwelt mehr oder weniger unverständlich blieben, erlangte Chopins Werk europaweit Bedeutung - und über seine Zeit hinaus: Bis heute prägt der Komponist die Identität Polens mit. Zur Rückkehr ins Land seiner Geburt konnte sich der geachtete Künstler allerdings nie durchringen, obwohl er darunter litt, "wie ein Zaungast auf die Ereignisse in meiner Heimat schauen zu müssen." Frédéric Chopin, der zeitlebens kränkelte, starb mit nur 39 Jahren 1849 in Paris.
Kathleen Postel (07.01.2011)
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Infobox
Die Mazurka...
ist ein polnischer Volkstanz, der in der Provinz Masowien nahe Warschau seinen Ursprung hat. Seit dem 17. Jahrhundert tauchten die typischen Rhythmen im Dreivierteltakt, bei denen die zweite Zählzeit betont wird, in Kompositionen auf. Von Masowien aus verbreitete sich die Mazurka über weite Teile Polens und entwickelte sich zum Nationaltanz. Später fand man auch außerhalb des Landes Gefallen an der Mazurka: Der Komponist Michael Oginski (1765 bis 1833) stellte in seinen Briefen fest, dass der Mazur - wie der Tanz auch genannt wurde - ab Anfang des 19. Jahrhunderts europaweit beliebt war.
Die Mazurka stammt aus der Gruppe der Trippeltänze, in denen das Drehen des Tanzpaares überwiegt. Die einfachen, standardisierten Grundschritte waren es auch, die in den Tanzsälen Europas getanzt wurden. Parallel dazu entwickelten sich komplexere Schrittfolgen, die als schwer erlernbar galten und sich daher im Modetanz nicht durchsetzten. Dafür hielt die künstlerische Mazurka Einzug in Ballette und Opern.
Die Mazurkamusik wurde maßgeblich durch polnische Komponisten beeinflusst. Kompositionen im Stil der Mazurka nahmen derartig zu, dass der Warschauer Musikkritiker Józef Sikorski (1813 bis 1896) mit Bedauern feststellte: "Drei Viertel der bei uns erscheinenden Kompositionen sind Mazurs."
ist ein polnischer Volkstanz, der in der Provinz Masowien nahe Warschau seinen Ursprung hat. Seit dem 17. Jahrhundert tauchten die typischen Rhythmen im Dreivierteltakt, bei denen die zweite Zählzeit betont wird, in Kompositionen auf. Von Masowien aus verbreitete sich die Mazurka über weite Teile Polens und entwickelte sich zum Nationaltanz. Später fand man auch außerhalb des Landes Gefallen an der Mazurka: Der Komponist Michael Oginski (1765 bis 1833) stellte in seinen Briefen fest, dass der Mazur - wie der Tanz auch genannt wurde - ab Anfang des 19. Jahrhunderts europaweit beliebt war.
Die Mazurka stammt aus der Gruppe der Trippeltänze, in denen das Drehen des Tanzpaares überwiegt. Die einfachen, standardisierten Grundschritte waren es auch, die in den Tanzsälen Europas getanzt wurden. Parallel dazu entwickelten sich komplexere Schrittfolgen, die als schwer erlernbar galten und sich daher im Modetanz nicht durchsetzten. Dafür hielt die künstlerische Mazurka Einzug in Ballette und Opern.
Die Mazurkamusik wurde maßgeblich durch polnische Komponisten beeinflusst. Kompositionen im Stil der Mazurka nahmen derartig zu, dass der Warschauer Musikkritiker Józef Sikorski (1813 bis 1896) mit Bedauern feststellte: "Drei Viertel der bei uns erscheinenden Kompositionen sind Mazurs."
Infobox
Die Polonaise...
ist ein typisch polnischer Schreittanz im Dreivierteltakt, der sich nach 1700 durchsetzte. Eine erste nähere Beschreibung des Tanzes liefert ein Bericht über den Hofball Augusts des Starken von 1709: "Ihro Majestät führten mit der Königin unter einer herrlichen Music den Ball ein, dabey pohlnisch getanzt wurde, und Paar und Paar Dames und Cavaliers dem Könige nachfolgeten."
Die Entwicklung der Polonaise, des "polnischen Tanzes", hat sich mehr im Ausland, vor allem in Deutschland und Skandinavien, als in Polen selber vollzogen. In der Glanzzeit des sächsischen Hofes erreichte die Polonaise den Status eines wichtigen Gesellschaftstanzes der besseren Kreise Europas. Erst im 18. Jahrhundert kehrte die Polonaise nach Polen zurück.
Nach dem Verlust der nationalen Unabhängigkeit wurde die Polonaise als eine Huldigung an Polen getanzt und hatte symbolische Funktion. Bis heute ist die Polonaise ein beliebter Tanz. Das hierbei am häufigsten verwendete Musikstück ist die Fächerpolonaise von Carl Michael Ziehrer (1843 bis 1922).
ist ein typisch polnischer Schreittanz im Dreivierteltakt, der sich nach 1700 durchsetzte. Eine erste nähere Beschreibung des Tanzes liefert ein Bericht über den Hofball Augusts des Starken von 1709: "Ihro Majestät führten mit der Königin unter einer herrlichen Music den Ball ein, dabey pohlnisch getanzt wurde, und Paar und Paar Dames und Cavaliers dem Könige nachfolgeten."
Die Entwicklung der Polonaise, des "polnischen Tanzes", hat sich mehr im Ausland, vor allem in Deutschland und Skandinavien, als in Polen selber vollzogen. In der Glanzzeit des sächsischen Hofes erreichte die Polonaise den Status eines wichtigen Gesellschaftstanzes der besseren Kreise Europas. Erst im 18. Jahrhundert kehrte die Polonaise nach Polen zurück.
Nach dem Verlust der nationalen Unabhängigkeit wurde die Polonaise als eine Huldigung an Polen getanzt und hatte symbolische Funktion. Bis heute ist die Polonaise ein beliebter Tanz. Das hierbei am häufigsten verwendete Musikstück ist die Fächerpolonaise von Carl Michael Ziehrer (1843 bis 1922).




