Kolberg
Kolberg liegt an der Ostseeküste in Hinterpommern, rund 150 Kilometer nordöstlich von Stettin. Die Stadt steht symbolisch für Pommerns Schicksal - zwei blutige Kriege und ein Propagandafilm.Heinrich George und Kristina Söderbaum - als Protagonisten des Durchhaltefilms Kolberg.
Eine pommersche Stadt
In La Rochelle, vor abgekämpften, müden Soldaten, wird es auch uraufgeführt: das letzte große Produkt der Goebbelsschen Propagandamaschinerie. Den gleichen Film bekommen am selben Tag die Berliner zu sehen, im Tauentzien-Palast und im Ufa-Theater am Alexanderplatz. Sein Titel ist der Name einer pommerschen Stadt: Kolberg.
Geschlagenes Preußen
"Eine gewonnene Schlacht in der politischen Kriegführung", soll Hitler, laut Goebbels' Tagebuchnotizen, den Film genannt haben - als längst keine wirkliche Schlacht mehr zu gewinnen war. Das fast zwei Stunden lange Werk spielt ja auch in einem anderen Krieg, ziemlich genau 138 Jahre zuvor: Nach dem Desaster bei Jena und Auerstedt, am 14. Oktober 1806, lag Preußen am Boden. Napoleons Armeekorps strömten ins Land, besetzten Berlin, drangen weit vor gen Osten. Demoralisierte preußische Kommandanten streckten die Waffen: Magdeburg kapitulierte, Erfurt, Stettin. Erst das Eingreifen des Zaren Alexander ließ die Kämpfe, auch in Pommern, wiederaufflammen. Aber in Folge des blutigen Treffens bei Preußisch-Eylau, am 7. und 8. Februar 1807, gerieten Russen und Franzosen bald an den Rand der Erschöpfung.
Gneisenau und Nettelbeck
Inmitten der Wirren hält die preußische Festung Kolberg stand. Kopf der Verteidigung ist der Major - und spätere Feldmarschall - Neidhardt von Gneisenau. Ihm zur Seite steht Kolbergs "Bürgeradjutant" Joachim Christian Nettelbeck. Ganz im Gegensatz zur gültigen preußischen Militärdoktrin kämpfen Soldaten und Zivilisten gemeinsam gegen die Kolberg belagernden Franzosen. Ab 29. April machen Napoleons Truppen ernst: Ihre Kanonen setzen große Teile Kolbergs in Flammen. Monatelang, bis Anfang Juli, ziehen sich die Gefechte hin. Am 2. Juli 1807 lässt der französische Befehlshaber Loison zum entscheidungssuchenden Sturmangriff aufmarschieren. Der Titel eines Herzogs von Kolberg winkt, von Napoleons Gnaden. Doch anstelle der bereitstehenden Angriffswellen erscheinen Parlamentäre vor der Festung. In Tilsit, Resultat zähen Verhandelns zwischen Napoleon, Alexander und dem machtlosen preußischen König, ist ein Waffenstillstand beschlossen worden.
Als Gneisenau: Horst Caspar; in der Rolle des Nettelbeck: Heinrich George. (Bild: akg)
Diesen tatsächlichen Ausgang der Geschichte verschweigt Goebbels' Film, verschweigt, dass die Stadt endlich doch den Franzosen übergeben werden musste. Was der Film sonst verschweigt, sind wichtige Details: etwa, wie eine Schiffsladung Kanonen und Gewehre aus England dem tapferen Widerstand der Hafenstadt den Rücken stärkte. Stattdessen sehen die Kinobesucher von 1945 - im zerbombten Berlin und im eingeschlossenen La Rochelle - zerstrittene Franzosen, denen vor Gneisenaus Hartnäckigkeit die Luft ausgeht.
Starke psychologische Folgen
Der Film Kolberg - vergeblicher Versuch, in letzter Minute eines verlorenen Krieges einen Nationalmythos zu schaffen - erreichte das Millionenpublikum nicht mehr, für das er mit enormem Aufwand produziert worden war. Sowjetische Truppen eroberten das reale Kolberg am 19. März 1945. "Kolberg haben wir nunmehr räumen müssen", vermerkt Goebbels unter jenem Datum in seinem Tagebuch. "Ich will dafür sorgen, dass die Räumung von Kolberg nicht im OKW-Bericht verzeichnet wird. Wir können das angesichts der starken psychologischen Folgen für den Film augenblicklich nicht gebrauchen."
Andere Sorgen
Gerade in diesem Augenblick gelangt das Elend der Flüchtlinge im Osten an seinen Höhepunkt. Die Leute haben andere Sorgen als einen Film. Pommern, bis zur Oder, hat für alle Zeit aufgehört, ein Teil Deutschlands zu sein.
Michael Schmittbetz (09.09.2005)
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Kein Aufwand wurde gescheut - für diesen "größten Film aller Zeiten". An Kolberg, dem Monumentalfilm, war nicht bloß die damalige deutsche Darsteller-Elite beteiligt. Während im Osten die Reserven ausgingen, spielten um fünftausend Mann zwischen Berlin und Potsdam Krieg - in historischen Uniformen. 8,5 Millionen Reichsmark kostete das Epos. In der Rolle des Nettelbeck brillierte Heinrich George, den Gneisenau gab Horst Caspar. Veit Harlan führte Regie.



