1955 gegründet: Mirny ist das Zentrum der russischen Diamantenförderung.
Ungetrübte Bilanz
Die Reihe der Auszeichnungen und Rekorde ließe sich beliebig fortsetzen. Nicht einmal die gescheiterte Operation Kristall trübte die gute Bilanz. Die Produktionsanlagen wuchsen und mit ihnen die Krater, aus denen Diamanten zu Tage gefördert wurden: maß die größte Pipe (also Abbaugrube) 1977 noch 23 Meter Tiefe, erreichte sie zehn Jahre später schon fast ihren Maximaltiefpunkt von 464 Metern. Zugleich nahmen auch die gefundenen Rohlinge und ihre Erlöse auf dem Weltmarkt immer kolossalere Ausmaße an.
Moskauer Heimlichkeiten
Wie viel Geld Yakutalmaz tatsächlich erwirtschaftete, blieb ein Geheimnis, denn die Staatsführung in Moskau ließ sich bei dem Milliardengeschäft nicht in die Karten schauen. So durfte nicht einmal der Feinschliff der Diamanten vor Ort durchgeführt werden. Die Arbeiter von Mirny, Ajchal, Lensk und Udatschny blieben eben fürs Grobe zuständig. Wenn im Winter die Temperaturen in den Gruben auf minus sechzig Grad Celsius fielen und Gasmasken aufgesetzt werden mussten, weil der Dunst aus Lasterabgasen und Staub nicht mehr abzog, durften sie sich mit der Aussicht auf den jährlichen Sommerurlaub am Schwarzen Meer und auf ihre Rente ab 45 trösten.
Jakutsk im Jahr 2004: Die Hauptstadt der Region profitiert vom Diamantenerlös - Städte wie Mirny nicht.
Das Ende der Sowjetunion kam für die "Nördler" wie ein Schock: mit der Umwandlung des Staatsunternehmens Yakutalmaz zur Aktiengesellschaft Alrosa 1992 entfielen sämtliche Privilegien. Sogar die Subventionspreise für Lebensmittel, die über tausende Kilometer herantransportiert werden mussten, gehörten der Vergangenheit an. Für knapp vierzigtausend Bergarbeiter und ihre Familien ging es ab sofort ums nackte Überleben. Weil die Inflation alle Ersparnisse auffraß, konnten sie es sich nicht einmal mehr leisten, die Diamantenstädte wieder zu verlassen. Aus dem Heer der Freiwilligen wurden, wie der Journalist Jörg Eigendorf beklemmend formulierte, "Gefangene des Nordens".
Verfall und Glanz
Was vom sowjetischen Diamantenrausch übrig blieb, sind die gigantischen Gewinne: Fünfhundert Millionen Euro waren es allein 2006. Doch bei den Menschen in Udatschny, Mirny und den anderen Kommunen kommt von diesem Geld noch weniger an als früher. Die einstigen Musterstädte verfallen - fast so, als hätte es die Diamanten nie gegeben. Der Glanz der nordsibirischen Schätze färbt nur noch auf die makellosen Bilanzbücher der Alrosa ab und auf ihre gepflegten Auslandsvertretungen in Antwerpen, London, Dubai oder Hongkong.
Michael März (09.11.2007)
Seite
1
| 2
Dieser Artikel gehört zum Thema
| Sibirien | ![]() |



