Erwartung des Nichts
Seit Alters her übte Sizilien auf Reisende - vorzugsweise aus dem Norden - einen ganz eigenen Zauber aus: Wer das "Land, wo die Zitronen blühn" suchte, fand seine Sehnsucht auf Sizilien gestillt.Sizilien, aus Sicht eines Satelliten: vom Ätna (rechts) steigt Rauch auf. (Foto: NASA, http://visibleearth.nasa.gov)
Schicksalsergebene Lethargie
Das sizilianische Volk, erklärt Fürst Salina einem Vertreter der neuen italienischen Regierung kurz nach der nationalen Einigung 1861, habe zu lange unter Fremdherrschaft verharrt, als dass es nun, nach zweieinhalb Jahrtausenden Abhängigkeit, seine Lethargie abschütteln und sich zu irgendeinem Handeln durchringen könne.
Zu diesem Zeitpunkt konnte Sizilien in der Tat auf eine wechselvolle Geschichte zurückblicken: Karthager, Griechen, Römer, Araber, Normannen, Staufer, Spanier, Bourbonen - sie alle hatten die Insel, die größte des Mittelmeers, beherrscht.
Misswirtschaft statt Blüte
Seine strategisch günstige Lage war es, die Sizilien so begehrt machte: Am Schnittpunkt der Schifffahrtsrouten zwischen östlichem und westlichem Mittelmeer gelegen, ebenso in der Mitte zwischen Europa und Afrika, fungierte es stets als Scheide und Schwelle zugleich. Und über Jahrhunderte blühte die Insel, während der Antike Trinakria - "Land der drei Vorgebirge" - genannt, im wörtlichen Sinne: Durch ihre außerordentliche Fruchtbarkeit schien sie allen Mächten doppelt attraktiv.
Doch meinten es ihre fremden Herren nicht immer gut mit ihr. Sizilien sollte Rohstoffe, Weizen, Steuern liefern - weiter erstreckte sich das Interesse nur selten. Hinzu kamen Misswirtschaft, Korruption, Vernachlässigung - kurz: Die Sizilianer wurden einfach schlecht regiert. Die einheimische Adelskaste hingegen wusste sich stets den neuen Machthabern anzuempfehlen; sie überdauerte wohlbehalten alle Wechsel, ja profitierte sogar davon.
Feindseligkeit und Arroganz
1802 berichtete Johann Gottfried Seume, ein sächsischer Reisender, von einer Begegnung mit Bettlern auf Sizilien: "Erst küsste man das Brot, das ich gab, und dann meine Hand. Ich blickte fluchend rund um mich her über den reichen Boden, und hätte in diesem Augenblicke alle sizilischen Barone und Äbte mit den Ministern an ihrer Spitze ohne Barmherzigkeit vor die Kartätsche stellen können. Es ist heillos." Und solches in einem Land, das einst "Kornkammer Italiens" geheißen wurde!
Die soziale Problematik beschäftigte Sizilien seit jeher. Reformversuche verpufften meist, ohne tiefere Wirkung zu hinterlassen. Lag es an den Sizilianern selbst? Auf der einen Seite sicher: Abwartende Feindseligkeit zeichnete das Verhältnis der Inselbewohner zu ihren wechselnden (selten fähigen) Herren aus, die - auf der anderen Seite - sizilianischer Mentalität und Tradition oft bloß Unverständnis und Arroganz entgegenbrachten.
Einigung - oder Annexion?
Wenig änderte sich daran, als man Sizilien 1861 in den frisch gebackenen italienischen Nationalstaat eingliederte. "Italien" war den meisten Sizilianern keineswegs ein Begriff. Sie empfanden die neue Regierung als ebenso fremd wie die vorigen. Hinzu kam, dass sich die insularen Verhältnisse nicht einfach so dem liberalen Kurs Norditaliens anpassen ließen, wodurch wiederum die wechselseitige Abneigung verstärkt wurde. 1866 brach ein Aufstand für größere Unabhängigkeit los, den die Armee ziemlich schnell niederschlug. Was blieb, war das Gefühl der Sizilianer, von einer auswärtigen Macht annektiert worden zu sein.
Eitelkeit ist stärker
Dieses Gefühl ist bis heute nicht vollständig geschwunden, trotz regionaler Autonomie. Der Süden Italiens präsentiert sich weiterhin wirtschaftlich rückständig, Strukturprobleme, auch sozialer Natur, werden ihn wohl noch lange beschäftigen.
Vielleicht liegt die Ursache für die relative Stagnation ja in den Tiefen der sizilianischen Seele und ihrer uralten Historie verborgen, wie der Autor des Leoparden seinen Helden mutmaßen ließ: "Die Sizilianer wollen gewiss nie, dass es besser wird, aus dem einfachen Grunde, weil sie glauben, sie seien vollkommen; ihre Eitelkeit ist stärker als ihr Elend; jede Einmischung von Fremden - sei es, dass sie wirklich anderen Ursprungs, sei es, dass sie, wenn Sizilianer, unabhängigen Geistes sind - verwirrt ihr Phantasieren darüber, dass sie die Vollendung erreicht hätten, läuft Gefahr, ihre wohlgefällige Erwartung des Nichts zu stören."
Kai Müller (09.06.2005)
Infobox
Die Fakten
Mit einer Fläche von rund 25.500 Quadratkilometern ist Sizilien die größte Insel des Mittelmeers. Etwa fünf Millionen Einwohner leben auf ihr, mehr als 700.000 allein in der Hauptstadt Palermo. Da Sizilien fast immer unter Fremdherrschaft stand, kam es hier zu einer Vermischung von Einflüssen aus Orient und Okzident in Kunst und Kultur; römischer Rationalismus traf auf griechische Klassik, arabische Ornamentik paarte sich mit christlicher Sakralarchitektur. Auch der römisch-deutsche Kaiser Friedrich II. hat Spuren hinterlassen. Haupteinnahmequelle Siziliens ist nach wie vor die Landwirtschaft.
Mit einer Fläche von rund 25.500 Quadratkilometern ist Sizilien die größte Insel des Mittelmeers. Etwa fünf Millionen Einwohner leben auf ihr, mehr als 700.000 allein in der Hauptstadt Palermo. Da Sizilien fast immer unter Fremdherrschaft stand, kam es hier zu einer Vermischung von Einflüssen aus Orient und Okzident in Kunst und Kultur; römischer Rationalismus traf auf griechische Klassik, arabische Ornamentik paarte sich mit christlicher Sakralarchitektur. Auch der römisch-deutsche Kaiser Friedrich II. hat Spuren hinterlassen. Haupteinnahmequelle Siziliens ist nach wie vor die Landwirtschaft.


