Gewalt als Kapital
Bestandteil der sizilianischen Mentalität, wurde oft behauptet, sei ein Hang zur Selbstjustiz - kurz: "Mafia". Doch lässt sich das Phänomen Mafia tatsächlich darauf reduzieren?Palermo um 1860 - Siziliens Hauptstadt und Geburtsort der sizilianischen Mafia. (Bild: G. Le Gray, 1860).
Mythische Verklärung
So sehr der Film auch ein romantisch gefärbtes Bild von der Mafia zeichnet, so genau spiegelt er das Selbstverständnis der Mafiosi, die sich als ehrenwerte Gesellschaft sehen, verankert in den Denkmustern und Bräuchen ihres sozialen Umfelds. Der weise Patron, der arme Sizilianer vor dem korrupten Staat schützt und auf effizientere Weise als die Behörden für Recht und Ordnung sorgt, im Einklang mit tradierten Vorstellungen von Männlichkeit und Ehre: kaum mehr als ein Mythos, aber welch ein wirkungsmächtiger!
Mafia als Mentalität?
Die Verwirrung über den Charakter der Mafia setzte bereits im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts ein, als das Phänomen noch jung war. Womit hatte man es zu tun? Mit einer verbrecherischen Vereinigung? Oder einfach mit Männern, die das Gesetz - sizilianischer Mentalität entsprechend - in eigene Hände nahmen, da man auf den schwachen Staat nicht zählen konnte?
Ein archaischer Verhaltenskodex
Um der Wahrheit näher zu kommen, muss zunächst eine Idee zertrümmert werden, die sich bis weit in die 1980er Jahre hinein hielt: jene nämlich, welche der Mafia jegliche organisatorische Kontinuität und hierarchische Struktur absprach. Soziologen wollten ausgemacht haben, dass ein ständiges kriminelles Netzwerk nicht existiere. Der Begriff benenne vielmehr einen archaischen Verhaltenskodex, der etwa Rache für Beleidigungen ohne den Gang zur Polizei vorschreibe. Höchstens lose freundschaftliche und familiäre Bande gestand man den Mafiosi untereinander zu.
Verbrechen trotz Fortschritt
Einher mit solchen Interpretationen ging die Überzeugung, die Mafia lasse sich am besten durch eine umfassende Modernisierung der Gesellschaft bekämpfen. Die simple Gleichung lautete: Wirtschaftswachstum plus sozialer Wandel ergibt Entkriminalisierung. Schon Ende des 19. Jahrhundert machte das Wort die Runde, die Mafia werde verschwinden, sobald man das Pfeifen der Lokomotive auf ganz Sizilien hören könne.
Der Profit aus dem Zitronenanbau stimulierte die Gründung der Mafia.
Heute, mehr als hundert Jahre später, ist das organisierte Verbrechen weiterhin eines der größten Probleme von Italiens Süden, dem Mezzogiorno. Die - wiewohl im Vergleich zum Norden gebremste - wirtschaftliche Dynamik hatte in Sizilien keinen Rückgang der Mafia-Kriminalität zur Folge. Das Gegenteil ist der Fall.
Die Mafia entstand just, als es auf der Insel endlich einmal etwas zu verteilen gab. Die Abschaffung der Feudalwirtschaft begann sich auszuzahlen: Einen wahren Boom erlebte seit Mitte des 19. Jahrhunderts die Produktion von Zitrusfrüchten; die Großgrundbesitzer der Palermer Region fuhren beachtliche Gewinne durch den Export von Zitronen ein, welche die Seefahrt als Mittel gegen Skorbut entdeckt hatte. In jenem unternehmerischen Umfeld wurde die kriminelle Vereinigung, die man heute unter dem Namen Mafia kennt, aus der Taufe gehoben.
Zeugnisse fehlen
Ganz aufzuhellen sind die Anfänge nicht: Es fehlt an Zeugnissen, die darüber Auskunft geben könnten. Doch müssen sie wohl in den Folgejahren der italienischen Einigung von 1861 liegen, begünstigt durch die Wirren der Garibaldinischen Invasion auf Sizilien (1860) und später das Unvermögen des italienischen Nationalstaates, eine effiziente, verlässliche Verwaltung zu installieren.
Industrie der Gewalt
In dieser Situation konnten sich Männer, die bereit waren, rücksichtslos Gewalt anzuwenden, ihren Platz im Kapitalismus erkämpfen. Den Mafiosi gelang es, eine "Industrie der Gewalt" (so Leopoldo Franchetti in seiner Pionierstudie von 1877) zu etablieren, die einen vom Staat vernachlässigten Raum besetzte: den der öffentlichen Sicherheit. Der "Witz" an ihrer "Geschäftsidee" war, dass die Mafia Grundbesitzern, Kaufleuten, Politikern Schutz anbot - Schutz vor Erpressern und Banditen; die Bedrohung jedoch, die den Schutz nötig machte, schuf sie meist selbst! ...
Seite
1
| 2
Infobox
"Unsere Sache"
Die Cosa Nostra (italienisch für: Unsere Sache), wie sizilianische Mafiosi ihre Organisation nennen, basiert auf zwei Werten: Zum einen Ehre, ein äußerst vager, aber gern zur Selbstdarstellung (Ehrenmänner, ehrenwerte Gesellschaft) benutzter Begriff; zum anderen Omertà (Verschwiegenheit), eine "Tugend", ohne die kein kriminelles Netzwerk längere Zeit bestehen würde.
Jeder "Bewerber" muss einen Initiationsritus durchlaufen, womit er förmlich - und auf Lebenszeit - in den Kreis einer Mafia-Familie aufgenommen wird. Die Familien (auch Cosche genannt) sind nicht mit Blutsverwandtschaft gleichzusetzen; der Ausdruck steht für hierarchisch aufgebaute Gruppen mit abgesteckten Territorien, innerhalb deren Grenzen sie selbständig agieren.
Über neunzig solcher Familien mit rund 3.200 Mitgliedern bilden die Cosa Nostra mit ihrem Kerngebiet in West-Sizilien. Die Kommission besteht aus den Oberhäuptern der Cosche und dient der internen Konfliktregulierung; einen verbindlichen Kurs gibt sie nicht vor.
Die Cosa Nostra (italienisch für: Unsere Sache), wie sizilianische Mafiosi ihre Organisation nennen, basiert auf zwei Werten: Zum einen Ehre, ein äußerst vager, aber gern zur Selbstdarstellung (Ehrenmänner, ehrenwerte Gesellschaft) benutzter Begriff; zum anderen Omertà (Verschwiegenheit), eine "Tugend", ohne die kein kriminelles Netzwerk längere Zeit bestehen würde.
Jeder "Bewerber" muss einen Initiationsritus durchlaufen, womit er förmlich - und auf Lebenszeit - in den Kreis einer Mafia-Familie aufgenommen wird. Die Familien (auch Cosche genannt) sind nicht mit Blutsverwandtschaft gleichzusetzen; der Ausdruck steht für hierarchisch aufgebaute Gruppen mit abgesteckten Territorien, innerhalb deren Grenzen sie selbständig agieren.
Über neunzig solcher Familien mit rund 3.200 Mitgliedern bilden die Cosa Nostra mit ihrem Kerngebiet in West-Sizilien. Die Kommission besteht aus den Oberhäuptern der Cosche und dient der internen Konfliktregulierung; einen verbindlichen Kurs gibt sie nicht vor.


