Vertraut man der offiziellen Überlieferung, ließen Angriffe zufällig heransegelnder wilder Walfänger erstmals den Ruf nach dem Staat erschallen. Selbst die amtliche Website der Insel aber gesteht heute eine Zeit der Wirren ein. Dramatisches Wachstum der Einwohnerzahl (ursprünglich vorwiegend Patriarch Adams' Werk) hatte das fruchtbare Ackerland knapp werden lassen. Wahrscheinlich ist: es brodelte im Paradies, Streit kochte hoch unter den Christians und McCoys, den Adams und Youngs. Man grub auch wieder nach der bekannten Lilienwurzel.
Tahiti und zurück
Nicht besser wurde die missliche Lage der alteingesessenen Familien, als Mister Nobbs, höchst ehrgeiziger vermeintlicher Sohn eines Marquis', die Insel betrat. 1831, im Frühjahr, wanderte die Pitcairn-Gemeinde geschlossen nach Tahiti aus. Anfang September 1831 kehrten 65 Überlebende auf ihr isoliertes Inselchen zurück. Seuchen hatten im Exil den immunschwachen Pitcairnern zugesetzt. Aber immer kommt es noch ein Stück schlimmer: Den Mister Nobbs, obwohl derweil zum angesehenen Prediger und Gerichtsherrn avanciert, stieß ein böser Usurpator vom Thron: Jushua Hill (laut obiger Website "a puritanical busybody") riss die Macht an sich unter dem Vorwand, er sei von der britischen Regierung entsandt. Statt der ersehnten friedlichen Vormundschaft gab es jetzt Terror und Diktatur.
Geistige Umnachtung
Doch wie es mit Diktatoren so geht: die tapferen Pitcairner vertrieben Jushua Hill. Unter dessen zurückgelassenen Papieren fanden entsetzte Freiheitskämpfer Belege geistiger Umnachtung. Folglich beschloss man, sich künftig lieber direkt an einen etablierten Staat zu wenden: Unterstützt von Kapitän Eliot, vom britischen Walfänger Fly, formulierten Repräsentanten des Volkes eine Insel-Verfassung, welche übrigens, als erste Commonwealth-Constitution, das Frauenwahlrecht garantierte. Am 30. November 1838 an Bord der Fly unterzeichnet, führte das Dokument die Insel der Meuterer zum Status einer britischen Kolonie. Die Einwohnerschaft, in der nun anbrechenden friedlichen Zeit, wuchs.
Heimweh und neuer Anfang
Vielleicht war das Volk, mit den Meuterer-Genen im Blut, bei derart stabiler Regie ja doch nicht so rundum zufrieden: 1856 bereits erfasste der Wunsch nach einer neuen Insel die koloniale Gemeinschaft. Die Norfolk-Episode - denn dorthin, auf das sechstausend Kilometer entfernte, unbewohnte Norfolk-Eiland, emigrierte man schließlich - hätte das Ende der Pitcairn-Geschichte sein können, sofern nicht zwanzig Familien Jahre später dem Heimweh erlegen wären.
Insel-Verfassung
Irgendwie hat mit dieser Rückkehr - der zweiten schon in der kurzen Historie der Insel - die Moderne auf Pitcairn begonnen. Oder war es, als ein sehr strenger, ungewöhnlicher Glaube das Pendant zur staatlichen Ordnung brachte? Seit 1887, amerikanischen Missionaren sei Dank, sind die Pitcairner Siebenten-Tags-Adventisten. Glaubensgenossen in aller Welt unterstützen das Inselvolk. Und Keulenlilien gedeihen nun ungestört.
Strengstens geregelt
Heute leben auf Pitcairn ungefähr fünfzig Menschen. Briefmarken sind die Haupteinnahmequelle, ansonsten betreibt man agrarische Selbstversorgung. Die Insel, immer noch Kronkolonie, wird vom Mutterland und von der EU subventioniert. Alle paar Monate bringt ein Schiff Waren, Post und zusätzliche Lebensmittel. Die bergige Landschaft erlaubt den Bau einer Landepiste nicht. Am Ufer donnert die Brandung nach wie vor mächtig, so dass Kreuzfahrtschiffe meist Abstand halten. Fremde, wenn sie auf länger bleiben wollen, weist Pitcairns Magistrat gewöhnlich ab. Strengstens regeln den Alltag Sitte und Tradition.
Freiheit woanders
Das Inselvolk allerdings schrumpft: Wer jung ist und höhere Bildung erwerben möchte, geht nach Neuseeland oder Australien. Da werden die Nachkommen der Meuterer wohl bleiben. Dort haben sie die Freiheit, reich oder arm zu sein, die Freiheit zum Glück, zur Keulenlilie oder zum Pech. Aus der Freiheit entkommt es sich am schwersten.
Michael Schmittbetz (24.10.2006)
Tahiti und zurück
Nicht besser wurde die missliche Lage der alteingesessenen Familien, als Mister Nobbs, höchst ehrgeiziger vermeintlicher Sohn eines Marquis', die Insel betrat. 1831, im Frühjahr, wanderte die Pitcairn-Gemeinde geschlossen nach Tahiti aus. Anfang September 1831 kehrten 65 Überlebende auf ihr isoliertes Inselchen zurück. Seuchen hatten im Exil den immunschwachen Pitcairnern zugesetzt. Aber immer kommt es noch ein Stück schlimmer: Den Mister Nobbs, obwohl derweil zum angesehenen Prediger und Gerichtsherrn avanciert, stieß ein böser Usurpator vom Thron: Jushua Hill (laut obiger Website "a puritanical busybody") riss die Macht an sich unter dem Vorwand, er sei von der britischen Regierung entsandt. Statt der ersehnten friedlichen Vormundschaft gab es jetzt Terror und Diktatur.
Geistige Umnachtung
Doch wie es mit Diktatoren so geht: die tapferen Pitcairner vertrieben Jushua Hill. Unter dessen zurückgelassenen Papieren fanden entsetzte Freiheitskämpfer Belege geistiger Umnachtung. Folglich beschloss man, sich künftig lieber direkt an einen etablierten Staat zu wenden: Unterstützt von Kapitän Eliot, vom britischen Walfänger Fly, formulierten Repräsentanten des Volkes eine Insel-Verfassung, welche übrigens, als erste Commonwealth-Constitution, das Frauenwahlrecht garantierte. Am 30. November 1838 an Bord der Fly unterzeichnet, führte das Dokument die Insel der Meuterer zum Status einer britischen Kolonie. Die Einwohnerschaft, in der nun anbrechenden friedlichen Zeit, wuchs.
Die Flagge der britischen Kolonie Pitcairn: Das Wappen rechts ist kein Frosch. Es ist eine Schubkarre auf einem Ritterhelm.
Vielleicht war das Volk, mit den Meuterer-Genen im Blut, bei derart stabiler Regie ja doch nicht so rundum zufrieden: 1856 bereits erfasste der Wunsch nach einer neuen Insel die koloniale Gemeinschaft. Die Norfolk-Episode - denn dorthin, auf das sechstausend Kilometer entfernte, unbewohnte Norfolk-Eiland, emigrierte man schließlich - hätte das Ende der Pitcairn-Geschichte sein können, sofern nicht zwanzig Familien Jahre später dem Heimweh erlegen wären.
Insel-Verfassung
Irgendwie hat mit dieser Rückkehr - der zweiten schon in der kurzen Historie der Insel - die Moderne auf Pitcairn begonnen. Oder war es, als ein sehr strenger, ungewöhnlicher Glaube das Pendant zur staatlichen Ordnung brachte? Seit 1887, amerikanischen Missionaren sei Dank, sind die Pitcairner Siebenten-Tags-Adventisten. Glaubensgenossen in aller Welt unterstützen das Inselvolk. Und Keulenlilien gedeihen nun ungestört.
Strengstens geregelt
Heute leben auf Pitcairn ungefähr fünfzig Menschen. Briefmarken sind die Haupteinnahmequelle, ansonsten betreibt man agrarische Selbstversorgung. Die Insel, immer noch Kronkolonie, wird vom Mutterland und von der EU subventioniert. Alle paar Monate bringt ein Schiff Waren, Post und zusätzliche Lebensmittel. Die bergige Landschaft erlaubt den Bau einer Landepiste nicht. Am Ufer donnert die Brandung nach wie vor mächtig, so dass Kreuzfahrtschiffe meist Abstand halten. Fremde, wenn sie auf länger bleiben wollen, weist Pitcairns Magistrat gewöhnlich ab. Strengstens regeln den Alltag Sitte und Tradition.
Freiheit woanders
Das Inselvolk allerdings schrumpft: Wer jung ist und höhere Bildung erwerben möchte, geht nach Neuseeland oder Australien. Da werden die Nachkommen der Meuterer wohl bleiben. Dort haben sie die Freiheit, reich oder arm zu sein, die Freiheit zum Glück, zur Keulenlilie oder zum Pech. Aus der Freiheit entkommt es sich am schwersten.
Michael Schmittbetz (24.10.2006)
Seite
1
| 2
Dieser Artikel gehört zum Thema
| Südsee | ![]() |
Infobox
Paradies und Hölle
Fiat justitia et pereat mundus - es werde Recht, wenn auch die Welt darüber zugrunde gehe - so lautet ein alter lateinischer Spruch. Aber beginnen wir von vorn: Jahrzehnte lang durften Fremde nur selten Pitcairn betreten. Dies begann sich im Jahre 1999 zu ändern: Eine englische Polizistin wurde in Adamstown stationiert und führte unauffällige Gespräche mit den Bewohnern. Hintergrund: Gestreut durch ehemalige Pitcairner - in Neuseeland und auf der Norfolk-Insel - hatten Gerüchte über sexuellen Missbrauch Minderjähriger das Ohr der Behörden erreicht.
Bis zu vierzig Jahre datierten die Verdachtsmomente zurück. Und es schien mehr als nur etwas dran zu sein. So wimmelte es ab September 2004 auf der Insel von Fremden: Richter, Verteidiger, Staatsanwälte, Ermittler. Die Positionen der Parteien lagen konträr: hier der Bezug auf insulares Gewohnheitsrecht, dort jedoch der Standpunkt, dass Pitcairn seit 1838 britischem Recht unterliege. Sexueller Verkehr unter Teilnahme Minderjähriger sei auf Pitcairn traditionell so üblich "wie das tägliche Essen", meinte etwa Olive Christian, Ehefrau des seinerzeit amtierenden Bürgermeisters.
Resultat des hohen behördlichen Aufwands: Spätestens seit der Berufungsverhandlung vor dem Supreme Court in Auckland dürfte klar sein, dass sechs Angeklagte - etwa die Hälfte der erwachsenen männlichen Einwohnerschaft Pitcairns - zu teils mehrjährigen Haftstrafen verurteilt werden, zu verbüßen im eigens erbauten Inselgefängnis. Käme es zu strengem Vollzug, wäre die selbstständige Fortexistenz der Inselgemeinschaft fraglich: Fischfang und Transport der subventionierten Güter auf den Langbooten in die Bountybay wären kaum noch zu realisieren.
Fiat justitia et pereat mundus - es werde Recht, wenn auch die Welt darüber zugrunde gehe - so lautet ein alter lateinischer Spruch. Aber beginnen wir von vorn: Jahrzehnte lang durften Fremde nur selten Pitcairn betreten. Dies begann sich im Jahre 1999 zu ändern: Eine englische Polizistin wurde in Adamstown stationiert und führte unauffällige Gespräche mit den Bewohnern. Hintergrund: Gestreut durch ehemalige Pitcairner - in Neuseeland und auf der Norfolk-Insel - hatten Gerüchte über sexuellen Missbrauch Minderjähriger das Ohr der Behörden erreicht.
Bis zu vierzig Jahre datierten die Verdachtsmomente zurück. Und es schien mehr als nur etwas dran zu sein. So wimmelte es ab September 2004 auf der Insel von Fremden: Richter, Verteidiger, Staatsanwälte, Ermittler. Die Positionen der Parteien lagen konträr: hier der Bezug auf insulares Gewohnheitsrecht, dort jedoch der Standpunkt, dass Pitcairn seit 1838 britischem Recht unterliege. Sexueller Verkehr unter Teilnahme Minderjähriger sei auf Pitcairn traditionell so üblich "wie das tägliche Essen", meinte etwa Olive Christian, Ehefrau des seinerzeit amtierenden Bürgermeisters.
Resultat des hohen behördlichen Aufwands: Spätestens seit der Berufungsverhandlung vor dem Supreme Court in Auckland dürfte klar sein, dass sechs Angeklagte - etwa die Hälfte der erwachsenen männlichen Einwohnerschaft Pitcairns - zu teils mehrjährigen Haftstrafen verurteilt werden, zu verbüßen im eigens erbauten Inselgefängnis. Käme es zu strengem Vollzug, wäre die selbstständige Fortexistenz der Inselgemeinschaft fraglich: Fischfang und Transport der subventionierten Güter auf den Langbooten in die Bountybay wären kaum noch zu realisieren.



