Das verklärte Land
Wer Reiseberichte über Tibet liest, bekommt unweigerlich den Eindruck, er habe es mit einem magischen Land zu tun, geheimnisvoll, nicht von dieser Welt. Das Talent des Berichterstatters zur selektiven Wahrnehmung mag dabei eine Rolle spielen: Wer nur sieht, was er sehen will, findet genau das, was er sucht - den Mythos Tibet nämlich, nicht aber die tibetische Realität.Visumpflicht und Gruppenzwang
Doch welches Gesicht zeigt das wahre Tibet hinter dem Schleier des Mythos? Unmöglich, sich aus der Ferne ein Urteil zu bilden. Und auch vor Ort stößt man auf Probleme, will man den Schleier ein wenig lüften. Sogar Reisenden, die sich von allen Klischees frei machen können, dürfte es schwer fallen, mehr als das touristische Standardprogramm zu absolvieren. Denn um Kontakte zwischen Einheimischen und Touristen möglichst zu verhindern, lautet die zur Zeit aktuelle Regel der chinesischen Behörden: Wer nach Tibet will, muss in der Gruppe unterwegs sein, obligatorisch begleitet von einem pekingtreuen Führer; außerdem bedarf es neben dem ohnehin notwendigen chinesischem Visum einer zusätzlichen Genehmigung, um das Autonome Gebiet Tibet betreten zu dürfen. Häufig ändern sich diese Bestimmungen jedoch von einem Tag auf den anderen.
Anreise durchs Hochgebirge
Hat der Tourist alle Formalitäten erledigt - meist hilft der Reiseveranstalter -, gibt es mehrere Wege nach Tibet: Entweder mit dem Flugzeug von Peking oder Katmandu (Nepal) nach Gongkar, etwa hundert Kilometer entfernt von Lhasa gelegen, oder per Auto, wobei fünf verschiedene Anreiserouten zur Verfügung stehen. Am beliebtesten ist die von Nepal kommende Straße, da sie durch die imposante Bergwelt des Himalaja führt.
Trocken und staubig
Allerdings: Angekommen auf dem tibetischen Hochplateau, das durchschnittlich 4.500 Meter über dem Meeresspiegel liegt, folgt für viele eine Enttäuschung. Denn die Gegend um Lhasa ist alles andere als ein Garten Eden: Hier fällt nur wenig Regen; entsprechend trist und staubig präsentiert sich die Landschaft. Zwar liegt die tibetische Hauptstadt im Flusstal des Tsangpo (indisch Brahmaputra), und es herrschen milde klimatische Bedingungen, so dass Ackerbau möglich ist. Indes erfreut nur wenig Grün das Auge des Betrachters. Lhasa selbst gilt ebenfalls als recht unattraktiv.
Die unästhetischen Begleiterscheinungen des Massentourismus halten nun Einzug in Lhasa: Imbissbude vor dem Potala-Palast.
Erschwerend hinzu kommt die dünne Luft, die allen zu schaffen macht, die nicht an ein Leben in extremer Höhe gewöhnt sind. Mit Kopfschmerzen reagiert der Organismus, der seiner gewohnten Sauerstoffzufuhr entbehrt. Überdies zeigt sich das Klima in weiten Teilen des Landes abweisend: Starke Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht belasten den Kreislauf.
Es locken Natur...
Trotz aller Widrigkeiten: Wer längere Zeit auf dem "Dach der Welt" weilt, schwärmt von der Vielfalt der tibetischen Natur. Im Osten durchziehen Täler mit subtropischer Vegetation schneebedeckte Gebirgsketten. Urwälder wachsen noch in über 4.000 Metern Höhe. Dann der Himalaja im Süden, schließlich die karge, trockene Steppe, die sich im Norden und Nordwesten erstreckt - für manche hat auch sie ihren Reiz.
... und Klischee
Allerdings - die meisten Touristen kommen nicht wegen der Landschaft. Zu hartnäckig hat sich in westlichen Hirnen das Bild eines Volkes festgesetzt, das kollektiv zum inneren Frieden gefunden hat. Die stets lächelnden Tibeter, die meditierenden Mönche - sind nicht sie es, die das vollkommene Glück fernab materieller Bedürfnisse verkörpern? Und so pilgern Sinnsucher nach Lhasa zum Potala-Palast, drehen die Gebetsmühlen und meditieren an buddhistischen "Kraftplätzen". Viele Tibet-Reisende wollen eben doch bloß das Klischee bestätigt sehen - vom "Dach der Welt" als Exil für Zivilisationsmüde.
Kai Müller (29.09.2005)
Infobox
Autonomes Gebiet Tibet - so lautet die offizielle Bezeichnung für die Region im Südwesten Chinas. Seit 1951 halten chinesische Truppen das Land besetzt, auf das Peking einen höchst umstrittenen Rechtsanspruch erhebt: Faktisch war Tibet von 1912 bis 1950 ein unabhängiger Staat. Dem bereitete Maos Volksbefreiungsarmee ein Ende. Chinas sozialistische Führung gestand zwar relative Autonomie zu. In der Praxis jedoch straffte Peking nach und nach seine Kontrolle über die Provinz. Zunehmende Repressionen von Seiten der Chinesen provozierten den tibetischen Volks- aufstand von 1959. In dessen Verlauf floh der Dalai Lama, das Oberhaupt Tibets, ins indische Exil. Nun begann eine Periode brutaler Unterdrückung der Tibeter durch die chinesische Besatzungsmacht, die mit der Kulturrevolution (1966 bis 1976) ihren Höhepunkt erfuhr: Zahllose Klöster wurden zerstört, Bauern drangsaliert, buddhistische Mönche ermordet. Auch wenn sich die Lage mittlerweile entspannt hat - in Tibet werden weiterhin täglich Menschenrechte verletzt.


