Kemal Atatürk (1881-1938) modernisierte die Nation und orientierte sich an Europa. Er ist heute eine fast mythische Gestalt.
"Ich bin die Türkei"
Der Abend des 7. August 1926 hat auf der anatolischen Hochebene kaum Abkühlung gebracht. In Tschankaya, in der Villa des Staatsgründers, vergnügt sich die politische Elite Ankaras auf einem Ball. Westliche Musik ertönt, westliche Kleidung ist Pflicht. Man übt europäische Umgangsformen. Zur selben Stunde sind in Ankara und Izmir die Hinrichtungskommandos am Werk: Namhafte Führer der Opposition enden am Galgen, werden Opfer des ersten Schauprozesses der türkischen Geschichte.Vater der Türken
Generöser Gastgeber von Tschankaya - und Initiator der Hinrichtungsorgie - ist Mustafa Kemal, der Mann, dem die Große Nationalversammlung sieben Jahre später den Familiennamen Atatürk - "Vater der Türken" - zubilligen wird.
Ich - und das Volk
Vor eben jener Versammlung hält Mustafa Kemal am Vormittag des 8. August eine seiner fulminantesten Reden - übernächtigt, dazu wohl befeuert vom Raki, dem türkischen Anisschnaps, dem er Zeit seines Lebens über die Maßen zuneigen soll: "Ich habe ihre Köpfe rollen lassen, und so werde ich jedes Mal handeln, sobald man wieder versucht, sich zwischen mich und das Volk zu drängen... Ich bin die Türkei!" Den Abgeordneten, wenn sie nicht der Einheitspartei Kemals angehören, sitzt der Schreck in den Knochen. Minutenlanger Beifall brandet auf.
Was wäre wenn...?
Es ist so riskant wie reizvoll, das zu tun, was Historiker "kontrafaktische Geschichtsschreibung" nennen: also zu fragen "Was wäre gewesen, wenn...?" Was wäre gewesen, wenn es den Republikgründer, Gesellschaftsreformer und Erziehungsdiktator Mustafa Kemal Atatürk nicht gegeben hätte? Welches Gesicht hätte in diesem Fall die heutige Türkei? Als wahrscheinlich darf gelten, dass die Türkei heute ein konsequent islamisches Staatswesen wäre. Unwahrscheinlich wäre ohne Atatürk - den weltlichen Kritiker des Islam, den Hauptverantwortlichen für die Massaker an griechischen Zivilisten, den obersten Befehlshaber erster blutiger Gemetzel an aufständischen Kurden - die türkische Mitgliedschaft im westlichen militärischen Verteidigungsbündnis.
Große Nationalversammlung der Türkei im Jahr 2006 - vor acht Jahrzehnten Podium des Staatsgründers Kemal Atatürk.
Unwahrscheinlich wäre ohne den Kämpfer für laizistische Umgestaltung (für die Trennung von Staat und Religion), ohne den Organisator tiefgreifender Alphabetisierungskampagnen, ja, ohne den Schöpfer der türkischen Nation, dass türkische Politiker heute über den Beitritt zur Europäischen Union verhandeln. Ohne Atatürk, ohne den Kemalismus, wäre die Türkei heute nicht das Tor des Westens zum Orient, nicht, wie es mancher im Westen empfindet, auch ein Bollwerk gegenüber islamischen Fundamentalisten.
Zerreißprobe am Bosporus
Ohne Atatürks Nachwirken bis in die Gegenwart, ohne Westorientierung unter kulturellem und politischem Aspekt, ohne dem Kemalismus verpflichtete Militärs und Bürokraten, stünde das 76-Millionen-Volk am Bosporus nicht vor der Zerreißprobe, vor der es heute steht: Der Kampf wäre längst entschieden, zugunsten eines modernisierten, nichtsdestotrotz antiwestlichen politischen Islam...
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