Wach geküsst
Als Kulturhauptstadt Europas präsentiert sich Pécs, mit seinen 158.000 Einwohnern, im Jahr 2010 - eine einmalige Gelegenheit, die Stadt fit zu machen für die Zukunft.Das Wappen von Pécs. Pécs, fünftgrößte Stadt Ungarns, trägt 2010 den Titel einer Kulturhauptstadt Europas.
Südungarisches Kleinod
Unter eingefleischten Ungarn-Fans ist Pécs längst kein Geheimtipp mehr. Und auch der Rest der Welt soll nun erfahren, welches Kleinod da nur drei Stunden vom weltberühmten Budapest entfernt liegt: Gemeinsam mit Istanbul und dem Ruhrgebiet trägt Pécs, nur 158.000 Einwohner "klein", den Titel Kulturhauptstadt Europas 2010. Jazz und Pop, Rock und Folk, Film und Theater, Zirkus und Architektur, Tanz und Literatur, Bildende Künste und Multimedia: Mit etwa 150 Projekten und mehr als tausend Veranstaltungen präsentiert sich Pécs Besuchern aus dem In- und Ausland.
Ein Sinnbild des multiethnischen Pécs ist die Moschee des Gazi Khassim: Nach dem Ende der Türkenherrschaft wurde sie zur katholischen Kirche geweiht. (Bild: Dániel Csörföly; Lizenz: Creative Commons)
Die grenzenlose Stadt steht als Motto über dem Kulturhauptstadtjahr - und das ist einerseits als Beschreibung, andererseits als Auftrag gemeint. An der Nahtstelle zwischen Morgenland und Abendland, in der Mitte Europas und am Tor zum Balkan gelegen, möchte Pécs Vermittler sein und für Toleranz und Multikulturalität werben.
Geschichte und Gegenwart
Dieser Auftrag entspringt der eigenen Geschichte, in der Magyaren, Römer, Türken, Habsburger, Deutsche ihre Spuren hinterließen - und zielt auf die Gegenwart: Menschen mit kroatischen, serbischen, polnischen, ruthenischen, deutschen, griechischen Wurzeln leben in der Stadt; neun Minderheiten verfügen über das Recht zur Selbstverwaltung, das heißt, sie können kulturelle Aufgaben (Medien, Bildungsangebote, Traditionspflege) in Eigenverantwortung wahrnehmen. Zudem beherbergt Pécs das einzige Roma-Gymnasium des Landes.
Die Sprache der Kunst
"Nicht Politik, nicht Wirtschaft, sondern die Kultur kann Menschen jenseits von und über Grenzen hinweg verbinden", heißt es auf der Pécs-2010-Website. "Grenzenlos bedeutet in diesem Sinne auch eine geistige Grenzüberschreitung, da die Kultur - über die gemeinsame Sprache der Kunst - zwischen Menschen und Ländern neue Kontakte schaffen kann." Ausgehend von diesem Credo investiert die Stadt kräftig in ihre kulturelle Infrastruktur.
Auf dem Gelände der Zsolnay-Fabriken (von dort gelangten im 19. Jahrhundert ausgezeichnete Porzellanprodukte in alle Welt) entsteht derzeit eine fünf Hektar große Kultur-Kunst-Zone als kulturelles Viertel und Erholungsgebiet. Pécs erhält ein neues Konzerthaus und Konferenzzentrum. Stadtbücherei und Universitätsbibliothek werden integriert in ein hochmodernes Wissenszentrum. Die Straße der Museen mit erstklassigen Sammlungen und Ausstellungen erfährt eine Schönheitskur, ebenso die Plätze und Parks der Stadt.
Blick auf den Széchenyi-Platz: Pécs strebt an, neben der Hauptstadt Budapest zum zweiten kulturellen Zentrum des Landes zu werden.
Durch das Kulturhauptstadtjahr aus dem Dornröschenschlaf wach geküsst, habe Pécs nun die einmalige Chance zur Selbstfindung, kommentiert die Online-Zeitung Pester Lloyd aus Budapest. In Pécs ist man sich dessen bewusst: Mit den Millionen, die aus Brüssel und Budapest in die Kulturhauptstadt fließen, rüstet sich die Stadt für die Zukunft.
Große Ziele
Das heißt vor allem: Umbau der wirtschaftlichen Struktur. Einst war Pécs industrielles Zentrum und Bergbauregion. Nach der Wende gingen viele Fabriken ein, die letzte Mine schloss 2003. Mittels Kultur hoffen die Pécser, ihre Stadt neu zu erschaffen. Ganz unbescheiden nimmt man sich vor, die Stadt nicht nur für Touristen attraktiver zu machen, sondern sich neben dem "Monopolisten" Budapest als zweiter kultureller Pol in Ungarn zu etablieren.
Kultur in Zeiten der Krise
Ob sich derlei Hoffnungen erfüllen, bleibt abzuwarten. Die Bedingungen für kulturelle Höhenflüge jedenfalls scheinen in Ungarn derzeit eher nicht gegeben. Eine Wirtschafts- und Finanzmisere macht dem Land zu schaffen; unter den Menschen herrscht breite Unzufriedenheit mit den politischen Akteuren; rechtsextreme, fremdenfeindliche Gruppen finden Zulauf; von einer allumfassenden Gesellschaftskrise ist gar die Rede.
"Dass Pécs 2010 überhaupt stattfindet, ist schon ein kleines Wunder, in einem Land, das im Moment mit sich selbst vollkommen überfordert ist", schreibt der Pester Lloyd. Andererseits hätte es vielleicht keinen passenderen Moment gegeben, eine ungarische Stadt zur Kulturhauptstadt Europas zu machen. Gerade in Zeiten der Krise ist Kultur überlebenswichtig, als Brückenbauer nach außen und als Tröster und Sinnstifter nach innen.
Urte Paul (18.08.2010)
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Infobox
Ungarn - ein Ausflug in die Geschichte
Schon in der Jungsteinzeit war das heutige Ungarn von keltischen und pannonischen Stämmen bewohnt. Die Römer gründeten dort, wo heute Pécs liegt, die Stadt Sopianae. Von deren Bedeutung als Provinzhauptstadt Pannoniens zeugen heute Überreste frühchristlicher Begräbnisstätten aus dem 4. Jahrhundert.
Unter dem Großfürsten Árpád kam das Reitervolk der Magyaren im 9. Jahrhundert in das Karpatenbecken. Im Jahr 1000 gründete Stephan I. das Königreich Ungarn. In Pécs entstand 1367, zur Zeit Ludwigs des Großen, die erste Universität des Landes. Unter König Matthias Corvinus stieg das Land im 15. Jahrhundert zur politischen Großmacht und zu einem kulturellen Zentrum auf. In diese Zeit fällt auch das Wirken des Pécser Humanisten und Dichters Janus Pannonius.
1526 kam der Großteil Ungarns unter türkische Herrschaft. Architektonische Schmuckstücke, wie die Moschee des Gazi Khassim in Pécs, entstanden damals. 1686 eroberten die Habsburger das Land und vertrieben die Türken. Fast zweihundert Jahre dauerte es, bis Ungarn im Jahr 1867 zum gleichberechtigten Partner in der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn wurde. Das Königreich umfasste damals die Slowakei, die Karpatoukraine, Siebenbürgen, Kroatien und Slawonien. Das Land erlebte einen wirtschaftlichen Aufschwung, war aber geprägt von Spannungen zwischen den Völkern, die dort lebten.
Im Ersten Weltkrieg stand Ungarn auf der Seite der Verlierer und musste mit dem Vertrag von Trianon (1920) mehr als zwei Drittel seines Territoriums abgeben - bis heute ein nationales Trauma. In den Zweiten Weltkrieg trat Ungarn 1941 ein, auf Seiten der Achsenmächte, und geriet mit dem Vertrag von Jalta (1945) unter sowjetischen Einfluss. Einen Volksaufstand gegen die kommunistische Diktatur im Jahr 1956 schlug die sowjetische Armee blutig nieder. Ende der 1980er Jahre trieben Oppositionsgruppen den friedlichen Systemwechsel voran. Die Öffnung des Grenzzauns zwischen Österreich und Ungarn am 27. Juni 1989 leitete das Ende der Spaltung Europas ein.
Schon in der Jungsteinzeit war das heutige Ungarn von keltischen und pannonischen Stämmen bewohnt. Die Römer gründeten dort, wo heute Pécs liegt, die Stadt Sopianae. Von deren Bedeutung als Provinzhauptstadt Pannoniens zeugen heute Überreste frühchristlicher Begräbnisstätten aus dem 4. Jahrhundert.
Unter dem Großfürsten Árpád kam das Reitervolk der Magyaren im 9. Jahrhundert in das Karpatenbecken. Im Jahr 1000 gründete Stephan I. das Königreich Ungarn. In Pécs entstand 1367, zur Zeit Ludwigs des Großen, die erste Universität des Landes. Unter König Matthias Corvinus stieg das Land im 15. Jahrhundert zur politischen Großmacht und zu einem kulturellen Zentrum auf. In diese Zeit fällt auch das Wirken des Pécser Humanisten und Dichters Janus Pannonius.
1526 kam der Großteil Ungarns unter türkische Herrschaft. Architektonische Schmuckstücke, wie die Moschee des Gazi Khassim in Pécs, entstanden damals. 1686 eroberten die Habsburger das Land und vertrieben die Türken. Fast zweihundert Jahre dauerte es, bis Ungarn im Jahr 1867 zum gleichberechtigten Partner in der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn wurde. Das Königreich umfasste damals die Slowakei, die Karpatoukraine, Siebenbürgen, Kroatien und Slawonien. Das Land erlebte einen wirtschaftlichen Aufschwung, war aber geprägt von Spannungen zwischen den Völkern, die dort lebten.
Im Ersten Weltkrieg stand Ungarn auf der Seite der Verlierer und musste mit dem Vertrag von Trianon (1920) mehr als zwei Drittel seines Territoriums abgeben - bis heute ein nationales Trauma. In den Zweiten Weltkrieg trat Ungarn 1941 ein, auf Seiten der Achsenmächte, und geriet mit dem Vertrag von Jalta (1945) unter sowjetischen Einfluss. Einen Volksaufstand gegen die kommunistische Diktatur im Jahr 1956 schlug die sowjetische Armee blutig nieder. Ende der 1980er Jahre trieben Oppositionsgruppen den friedlichen Systemwechsel voran. Die Öffnung des Grenzzauns zwischen Österreich und Ungarn am 27. Juni 1989 leitete das Ende der Spaltung Europas ein.
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Ungarn heute
Die Umstellungen, die auf die politische Wende folgten, hat Ungarn nicht nur gut verkraftet. Während die Hauptstadt Budapest im europäischen Vergleich eine gute Figur macht, haben ländliche Gebiete, vor allem in Osten, mit Arbeits- und Perspektivlosigkeit zu kämpfen. Auch Pécs traf es hart: Einst waren in der Region 25.000 Bergleute in Lohn und Brot, nach der Wende schlossen die Minen.
Seit 2004 ist Ungarn Mitglied der EU und erhält Fördergelder für strukturschwache Regionen. Seitdem arbeitet Pécs daran, sich als touristisches und kulturelles Zentrum zu etablieren. Die Weltwirtschaftskrise hätte 2008 fast Ungarns Staatsbankrott bedeutet; Kredite von IWF, Weltbank und EU wurden nötig.
Zehn Millionen Einwohner zählte Ungarn im Mai 2010, etwa jeder sechste davon lebt in Budapest. Größte Minderheit des Landes sind die Roma, deren Anteil an der Bevölkerung zwischen 2 und 10 Prozent geschätzt wird. Die Landschaft Ungarns ist geprägt von Tiefebenen entlang der Flüsse Theiß und Donau und von Mittelgebirgen im Nordosten und im Westen.
Wichtige Industriezweige sind Fahrzeug- und Maschinenbau, Telekommunikation und Elektronik. Auch der Tourismus spielt eine große Rolle: Mehr als dreißig Millionen Menschen aus aller Welt besuchen Ungarn pro Jahr, am liebsten die Steppenlandschaft der Puszta, den Balaton und die Hauptstadt Budapest.
Die Umstellungen, die auf die politische Wende folgten, hat Ungarn nicht nur gut verkraftet. Während die Hauptstadt Budapest im europäischen Vergleich eine gute Figur macht, haben ländliche Gebiete, vor allem in Osten, mit Arbeits- und Perspektivlosigkeit zu kämpfen. Auch Pécs traf es hart: Einst waren in der Region 25.000 Bergleute in Lohn und Brot, nach der Wende schlossen die Minen.
Seit 2004 ist Ungarn Mitglied der EU und erhält Fördergelder für strukturschwache Regionen. Seitdem arbeitet Pécs daran, sich als touristisches und kulturelles Zentrum zu etablieren. Die Weltwirtschaftskrise hätte 2008 fast Ungarns Staatsbankrott bedeutet; Kredite von IWF, Weltbank und EU wurden nötig.
Zehn Millionen Einwohner zählte Ungarn im Mai 2010, etwa jeder sechste davon lebt in Budapest. Größte Minderheit des Landes sind die Roma, deren Anteil an der Bevölkerung zwischen 2 und 10 Prozent geschätzt wird. Die Landschaft Ungarns ist geprägt von Tiefebenen entlang der Flüsse Theiß und Donau und von Mittelgebirgen im Nordosten und im Westen.
Wichtige Industriezweige sind Fahrzeug- und Maschinenbau, Telekommunikation und Elektronik. Auch der Tourismus spielt eine große Rolle: Mehr als dreißig Millionen Menschen aus aller Welt besuchen Ungarn pro Jahr, am liebsten die Steppenlandschaft der Puszta, den Balaton und die Hauptstadt Budapest.



