Spur der Vögte
Im Grenzgebiet von Thüringen, Sachsen, Bayern und Tschechien liegt das Vogtland. Den Namen trägt die Region seit achthundert Jahren - seit der Kaiser den Landstrich seinen Verwaltern, den Vögten, übergab.Das Vogtland, so bemerkte einmal eine Journalistin, die die Gegend bereiste, sei "eine dieser Zwischenregionen" - ein Landstrich, an dem man "vorbeibraust auf der Fahrt zu bekannteren Zielen". Die Autobahn 72 von Chemnitz nach Hof führt mitten durch; früher waren es die Handelsstraßen von Prag nach Leipzig und von Nürnberg nach Dresden, auf denen Reisende das Vogtland querten.
Von überall her
Lange bevor es die Straßen gab, ab dem 8. Jahrhundert, besiedelten Slawen die grüne, bewaldete Landschaft. Dann kamen Franken und Oberpfälzer, Bayern und Thüringer, später böhmische Protestanten, und noch später, während der Industrialisierung, kamen Leute von überall her.
Im Namen des Landesherrn
Um zu verstehen, was das Vogtland ausmacht, bietet sich ein Blick in die Geschichte an - in die Zeit der Vögte, die der Region den Namen gaben. Im Jahr 1180 übertrug Kaiser Friedrich I. Barbarossa die Verwaltung seiner Ländereien in diesem Landstrich an die Heinrichinger, eine Familie im Reichsministerialenstand - also keine Adligen, sondern Beamte. Im Namen des Landesherrn regierten und richteten die Verwalter über Land und Leute. Spätestens ab 1209 trugen sie den Titel "Vogt", abgeleitet vom Lateinischen advocatus. Den Vögten gelang es im folgenden Jahrhundert, ihre reichsunmittelbare Stellung und die Herrschaft im Vogtland, dem terra advocatorum, abzusichern.
Ihre größte Macht erreichten die Vögte um 1350: Damals reichten ihre Länder von Gera bis Hof und von Lobenstein bis kurz vor Zwickau. (Bild: Mario Schmalfuß)
Den Höhepunkt ihrer Macht erreichten die Heinrichinger ab 1329, als Ludwig der Bayer ihnen einen fürstenähnlichen Rang verlieh und das Zoll-, Gerichts- und Bergregal zusprach. Zu jener Zeit war der Niedergang jedoch längst eingeleitet. Früh schon hatten sich die Heinrichinger in mehrere Linien aufgespalten (Weida, Gera, Greiz, Plauen) und so an politischem Gewicht eingebüßt. Die Zerrüttung hatte zur Folge, dass immer wieder Landesteile verpfändet oder verkauft werden mussten. Die Herrschaft Plauen etwa wurde 1357 erbliches Lehen der Krone Böhmens; im folgenden Jahr gingen weitere Herrschaften an Böhmen und an die Wettiner.
Mächtigere Nachbarn
Die einstigen Vögte hatten ihre Titel da schon abgelegt. Als "degradierte" Herren von Weida, Gera, Greiz und Plauen versuchten die Heinrichinger fortan, ihre Ansprüche gegen die mächtigeren Nachbarn Böhmen und Kursachsen zu verteidigen. Gebiete wurden getauscht, verpfändet, verliehen, Lehen wurden gewährt und entzogen, Teile des Vogtlands waren mal in meißnischer, mal in ernestinischer, mal in böhmischer Hand.
Die Sachsen kommen
Im 16. Jahrhundert gelang es Heinrich IV. von Plauen noch einmal für kurze Zeit, die böhmischen Lehen und die Besitzungen der bereits ausgestorbenen Linien Gera und Weida zu vereinen und das Vogtland als einheitliches Gebiet zu regieren. Doch seine Söhne, die mit den Territorien immense Schulden erbten, verloren das Land endgültig an Kursachsen. Lediglich auf einem kleinen Gebiet um die Städte Gera, Schleiz, Greiz und Lobenstein regierte danach noch eine Linie der Heinrichinger: Die Reußen wurden ab 1778 in den Reichsfürstenstand erhoben und herrschten bis 1918, in zeitweise zehn Linien, über die kleinste Monarchie im Deutschen Reich.
Im Oberen und im Unteren Schloss in der Stadt Greiz residierten einst die Reußen. 1918 dankten sie ab. (Bild: Wolfgang Pehlemann, Lizenz: Creative Commons)
Von der Reußenherrschaft zeugen heute noch Schlösser, Burgen und Parkanlagen entlang der Reußischen Fürstenstraße von Bad Köstritz nach Bad Lobenstein. Auch ältere Spuren der Heinrichinger gibt es noch: die ab 1471 errichtete Burg Hartenštejn in Tschechien zum Beispiel oder die Ruine des alten Schlosses in Plauen. Eines der ältesten Zeugnisse der Vögte ist die Osterburg zu Weida. Deren Vorgängerbau hatte Heinrich I. zwischen 1163 und 1193 errichten lassen; erhalten geblieben ist der 54 Meter hohe Bergfried mit den charakteristischen Stufen. Die Vögte mussten ihre Macht vor rund 650 Jahren abgeben; zweihundert Jahre später hörte ihr Land endgültig auf, eine politische Einheit zu sein. Der Name Vogtland aber ist geblieben.
Urte Paul (11.05.2010)
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Das Vogtland...
erstreckt sich über das Grenzgebiet der Freistaaten Sachsen, Thüringen und Bayern; ein kleiner Teil liegt in der Region Karlsbad in Tschechien. Vielfältig präsentiert sich dieses Gebiet: Felder, Hügel und Wiesen gehen über in die bewaldeten Mittelgebirgshöhen von Erzgebirge und Fichtelgebirge. Die Flüsse Saale, Weiße Elster und Göltzsch schneiden tiefe Täler in die grüne Landschaft. Es gibt verschlafene Dörfer ebenso wie lebhafte Städte, dazu Burgen, Schlösser, Klöster, Brunnen, Industrieanlagen.
Sehenswert sind zum Beispiel die Städte Gera, Greiz, Weida und Plauen, wo einst die Vögte ihren Sitz hatten. Aus Plauen stammt zudem die weltbekannte Plauener Spitze; das Stickereigewerbe gelangte hier im 19. Jahrhundert zur Blüte und ist noch heute eine wichtige Branche der Region. Tradition hat im Vogtland auch der Instrumentenbau: Im Musikwinkel rund um die Orte Markneukirchen und Klingenthal entstehen in mehr als 120 Werkstätten Musikinstrumente in altbewährter Handarbeit.
Für Naturliebhaber bietet das Vogtland viel Gelegenheit zu wandern oder Rad zu fahren. Zum Entspannen laden mehrere Kurbäder ein: Nach Franzensbad im heutigen Tschechien kommen seit mehr als dreihundert Jahren Gäste, um am Heilwasser zu genesen. Freunde der Ingenieurskunst sollten der Göltzschtalbrücke einen Besuch abstatten: Sie ist mit 78 Meter Höhe die höchste Ziegelsteinbrücke der Welt. Erbaut wurde sie von 1846 bis 1851 aus mehr als 26 Millionen Ziegeln.
Wer die Region bereist, schnappt hier und dort vielleicht auch ein paar Worte Vogtländisch auf: In dieser Mundart wird der Bauch "Rumbes" genannt, ein kurzes Schläfchen heißt "Natzer" und ein umständlicher Mensch muss sich als "Mehrsack" titulieren lassen. Ihre Eigenheiten kennt auch die Küche. Im Vogtland liebt man Pilze und ganz besonders Kartoffeln. Erdäpfel gibt es zu fast jedem Essen und in unzähligen Varianten, bevorzugt als Griene Kließ (Grüne Klöße) oder als Buttermilch-Kartoffelpuffer, Bambes genannt. Bambes serviert man je nach Geschmack herzhaft mit Speck und Zwiebeln oder süß mit Preiselbeeren und Milch.
erstreckt sich über das Grenzgebiet der Freistaaten Sachsen, Thüringen und Bayern; ein kleiner Teil liegt in der Region Karlsbad in Tschechien. Vielfältig präsentiert sich dieses Gebiet: Felder, Hügel und Wiesen gehen über in die bewaldeten Mittelgebirgshöhen von Erzgebirge und Fichtelgebirge. Die Flüsse Saale, Weiße Elster und Göltzsch schneiden tiefe Täler in die grüne Landschaft. Es gibt verschlafene Dörfer ebenso wie lebhafte Städte, dazu Burgen, Schlösser, Klöster, Brunnen, Industrieanlagen.
Sehenswert sind zum Beispiel die Städte Gera, Greiz, Weida und Plauen, wo einst die Vögte ihren Sitz hatten. Aus Plauen stammt zudem die weltbekannte Plauener Spitze; das Stickereigewerbe gelangte hier im 19. Jahrhundert zur Blüte und ist noch heute eine wichtige Branche der Region. Tradition hat im Vogtland auch der Instrumentenbau: Im Musikwinkel rund um die Orte Markneukirchen und Klingenthal entstehen in mehr als 120 Werkstätten Musikinstrumente in altbewährter Handarbeit.
Für Naturliebhaber bietet das Vogtland viel Gelegenheit zu wandern oder Rad zu fahren. Zum Entspannen laden mehrere Kurbäder ein: Nach Franzensbad im heutigen Tschechien kommen seit mehr als dreihundert Jahren Gäste, um am Heilwasser zu genesen. Freunde der Ingenieurskunst sollten der Göltzschtalbrücke einen Besuch abstatten: Sie ist mit 78 Meter Höhe die höchste Ziegelsteinbrücke der Welt. Erbaut wurde sie von 1846 bis 1851 aus mehr als 26 Millionen Ziegeln.
Wer die Region bereist, schnappt hier und dort vielleicht auch ein paar Worte Vogtländisch auf: In dieser Mundart wird der Bauch "Rumbes" genannt, ein kurzes Schläfchen heißt "Natzer" und ein umständlicher Mensch muss sich als "Mehrsack" titulieren lassen. Ihre Eigenheiten kennt auch die Küche. Im Vogtland liebt man Pilze und ganz besonders Kartoffeln. Erdäpfel gibt es zu fast jedem Essen und in unzähligen Varianten, bevorzugt als Griene Kließ (Grüne Klöße) oder als Buttermilch-Kartoffelpuffer, Bambes genannt. Bambes serviert man je nach Geschmack herzhaft mit Speck und Zwiebeln oder süß mit Preiselbeeren und Milch.



