Zarte Zuversicht
Zwei Drittel aller HIV-Infizierten leben im südlichen Afrika. Dort sinkt die Zahl der Neuinfektionen. Moderne Therapien können Ansteckungswege versperren. Doch anderswo hilft kein Medikament.Drastisch: An der Elfenbeinküste warnt ein Plakat vor Aids (franz.: SIDA).
Im selben Jahr infizierten sich etwa 2,67 Millionen Menschen mit dem Erreger HIV. Am stärksten betroffen sind wenig entwickelte Länder. Das Zentrum der Aids-Pandemie liegt im südlichen Afrika: 68 Prozent aller HIV-Infizierten leben im Gebiet südlich der Sahara. Das sind 5,6 Millionen.
Weniger Neuinfektionen
Diese Zahlen sind erschreckend - nach wie vor. Sie stammen aus dem aktuellen Bericht des HIV/Aids-Programms der Vereinten Nationen (Unaids). Neben dem üblichen Horror hält der Bericht jedoch auch Positives bereit: Von 1997 bis 2010 sank die Zahl der Neuinfektionen um rund ein Fünftel (21 Prozent).
So weit die gute Nachricht, die allerdings auf einem weltweiten Durchschnittswert beruht. Wichtigste Ursache des Rückgangs sind verbesserte Therapien, die beispielsweise das Übertragen des Virus von Müttern auf Neugeborene erschweren. Weil immer mehr Schwangere auch im südlichen Afrika in Krankenhäusern entbinden, wo Therapien möglich sind, ist dem Virus ein Verbreitungsweg wenigstens teilweise versperrt. Einer unter Vielen!
HI-Viren (grün eingefärbt) besiedeln eine T-Helferzelle. (Bild: Center for Disease Control and Prevention)
Deutlich anders sieht es laut Unaids-Bericht in der Region Osteuropa/Zentralasien aus: Von 2001 bis 2010 stieg die Zahl der jährlichen Neuinfektionen dort um 250 Prozent auf 1,5 Millionen. Und geschätzt 90.000 Menschen starben an Aids. 2001 waren es noch 7.800. Neun Zehntel entfallen auf Russland und die Ukraine. Den Grund des drastischen Anstiegs nennt der Report ebenfalls: Ansteckungsursache sind in der Region vor allem verseuchte Drogenbestecke.
Etwa 73.000 Menschen leben in Deutschland mit dem HI-Virus. Bei rund 14.000 von ihnen ist die Infektion noch nicht diagnostiziert. Es handelt sich also um einen Schätzwert, der eine erhebliche Dunkelziffer enthält. Hinsichtlich der aufgetretenen Neuinfektionen aber sind exakte Werte bekannt: Dem stetigen Anstieg von 2001 - damals fanden Ärzte noch bei etwa 1.400 Menschen erstmals HIV - bis 2007, mit rund doppelt so vielen Neuinfektionen, ist eine Phase der Stagnation gefolgt. 2.700 neue Infektionen meldete das Robert-Koch-Institut in Berlin für das Jahr 2011.
Vergessener Schock
Experten glauben, im öffentlichen Bewusstsein habe das Gefühl, durch Aids bedroht zu sein, einer gewissen Gleichgültigkeit Platz gemacht. Einerseits hätten effektive, lebensverlängernde Therapien der Krankheit viel von ihrem Schrecken genommen. Andererseits seien der Aids-Schock und die darauf folgende Aufklärung der 1980er und 1990er Jahre vergessen. Ungeschützter Sex ist in Deutschland, wie in anderen Ländern Mittel- und Westeuropas, folglich mit rund 90 Prozent Verbreitungsweg Nummer Eins. Lediglich 8 Prozent der Infizierten haben sich durch gemeinsamen Gebrauch von Kanülen angesteckt.
Antiretrovirale Substanzen wie Zidovudin hemmen die Vermehrung der Viren. Aber heilbar ist Aids nicht.
Zu spät
Prinzipiell kann sich jeder mit HIV infizieren, unabhängig davon, ob er zu einer Risikogruppe gehört oder nicht. Erschwerend kommt hinzu, dass bei Patienten, die zu keiner Risikogruppe gehören, HIV häufig erst spät diagnostiziert wird. Manche Ärzte vermuten keine HIV-Infektion bei unspezifischen Beschwerden wie Fieber, Müdigkeit und Unwohlsein. Experten schätzen deshalb, dass dreißig Prozent aller HIV-Positiven in Deutschland von ihrer Krankheit nichts wissen.
Da HIV in Deutschland am häufigsten durch ungeschützten Sex verbreitet wird, dienen andere sexuell übertragbare Krankheiten als statistischer Indikator für den Trend bei neu zu erwartenden HIV-Neuinfektionen. Während bundesweit die Syphilisdiagnosen auf gleichem Niveau blieben, stiegen ab 2008 die Zahlen in Ballungszentren wie Berlin. Zuvor waren sie über drei Jahre kontinuierlich gesunken. Laut Robert-Koch-Institut könnte dies "eine Warnung sein, dass eine Zunahme der Syphilisinzidenz wieder zu einem Ansteigen der HIV-Neudiagnosezahlen führen kann."
Begleiterscheinungen: Durch Aufklärung sollen junge Menschen verstehen, welche Nebenwirkungen eine Aids-Therapie hat.
(Bild: www.remindersday.com)
(Bild: www.remindersday.com)
Ultimatives Mittel
Dass die Zahl der Erstdiagnosen in Deutschland von 2008 bis heute stagniert, liegt auch an der gleichbleibenden Nutzung von Kondomen. Beharrlicher, sachlicher Aufklärung sei Dank! Kondomgebrauch ist, anders als noch in den 1980er und 1990er Jahren, zu einer gesellschaftlichen Gewohnheit geworden, was den Wert laustarker Kampagnen heute zumindest fraglich erscheinen lässt.
Schon 2008 zeigte eine Umfrage im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), bei der Alleinlebende unter 45 Jahren befragt wurden, die Popularität von geschütztem Sex: 75 Prozent der Männer und 64 Prozent der Frauen gaben an, Kondome zu besitzen. In die gleiche Richtung deuten Umsatzzahlen von Kondomherstellern: 2010 wurden 214 Millionen Kondome in Deutschland verkauft.
Ulrike Wolf/Michael Schmittbetz (aktualisiert am 24.11.2011)
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Infobox
Was ist AIDS?
Aids ist die Folge einer Infektion mit dem Human Immunodeficiency Virus, übersetzt: menschliches Immunschwäche-Virus, kurz HIV. Es schädigt oder zerstört T-Helfer-Zellen: weiße Blutkörperchen, die die Immunantwort des Körpers koordinieren, Eindringlinge angreifen und sie zerstören.
HI-Viren docken an Zellen an, integrieren ihr eigenes Erbgut in das der Wirtszellen und vermehren sich so. Nach einiger Zeit zerstören die neu produzierten Viren die Wirtszelle und werden ins Blut freigesetzt, wo sie sich den nächsten Wirt suchen.
Ein neuer Vermehrungsprozess beginnt; die Zahl der T-Helfer-Zellen sinkt. Folge ist eine schwere Immunschwäche; der Körper ist nicht mehr fähig, Bakterien, Viren oder Pilze, die Krankheiten auslösen, zu bekämpfen.
Es gibt verschiedene Arten, sich mit dem HI-Virus zu infizieren: sexueller Kontakt, Übertragung durch infiziertes Blut, durch den gemeinsamen Gebrauch von Spritzen, durch Verletzungen, oder von einer Schwangeren auf den Fötus. Vom Risiko einer HIV-Infektion ist niemand ausgeschlossen.
Aids ist die Folge einer Infektion mit dem Human Immunodeficiency Virus, übersetzt: menschliches Immunschwäche-Virus, kurz HIV. Es schädigt oder zerstört T-Helfer-Zellen: weiße Blutkörperchen, die die Immunantwort des Körpers koordinieren, Eindringlinge angreifen und sie zerstören.
HI-Viren docken an Zellen an, integrieren ihr eigenes Erbgut in das der Wirtszellen und vermehren sich so. Nach einiger Zeit zerstören die neu produzierten Viren die Wirtszelle und werden ins Blut freigesetzt, wo sie sich den nächsten Wirt suchen.
Ein neuer Vermehrungsprozess beginnt; die Zahl der T-Helfer-Zellen sinkt. Folge ist eine schwere Immunschwäche; der Körper ist nicht mehr fähig, Bakterien, Viren oder Pilze, die Krankheiten auslösen, zu bekämpfen.
Es gibt verschiedene Arten, sich mit dem HI-Virus zu infizieren: sexueller Kontakt, Übertragung durch infiziertes Blut, durch den gemeinsamen Gebrauch von Spritzen, durch Verletzungen, oder von einer Schwangeren auf den Fötus. Vom Risiko einer HIV-Infektion ist niemand ausgeschlossen.
Infobox
Dietmar Schranz ist Internist. Seit Jahren spezialisiert er sich auf die Behandlung von HIV. Schon während seines Studiums kam er mit diesem Thema in Berührung. Als 1985 die Berliner Aids-Hilfe entstand, war er von Anfang an dabei. Angst, Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit prägten jene Zeit. Der engagierte Arzt blickt zurück:
Infobox
John lebt in Berlin, ist gebürtiger Holländer und seit 1984 HIV-positiv. Damals kam die Diagnose einem Todesurteil gleich. John nahm Abschied, bekam AIDS und wäre beinahe gestorben. Die Erfindung der modernen Kombinationstherapie kam für ihn gerade rechtzeitig - die Medikamente hielten ihn am Leben. John erinnert sich:
Infobox
Ein fast normales Leben
1996 führten Mediziner eine Kombinationstherapie zur Behandlung von HIV ein. Die combined Anti-Retroviral Therapy (cART) soll den Ausbruch von Aids verhindern, indem sie die Vermehrung der Viren hemmt. Da der Virus schnell Resistenzen entwickelt, werden mindestens drei antiretrovirale Medikamente kombiniert.
Zu einer cART raten Ärzte dann, wenn Symptome der HIV-Infektion wie Müdigkeit, Kraftlosigkeit oder Gelenkschmerzen auftreten. Spürt der Patient keine Krankheitszeichen, orientieren sich Mediziner an der Zahl der Helferzellen im Blut: Sinkt sie unter 350 Zellen pro Mikroliter Blut, ist der Körper für Infektionen, die ein gesunder Organismus abwehren könnte, anfällig.
Nach drei bis sechs Monaten ist der Virus bei einer erfolgreichen cART so sehr in der Vermehrung gehemmt, dass er mit üblichen diagnostischen Mitteln nicht mehr nachweisbar ist. Infiziert bleibt der Patient trotzdem, denn die cART kann die Vermehrung der Viren nicht völlig unterbinden. Da nun weniger Viren das Immunsystem belasten und die Zahl der Helferzellen wieder langsam steigt, kann es sich erholen.
Doch nicht für jeden ist die Kombinationstherapie geeignet. Die HIV-Erkrankung kann derart unvorhersehbar und aggressiv verlaufen, dass Medikamente kaum helfen. Medikamentenresistenzen erschweren die Therapieaussichten. Außerdem haben die Medikamente der cART Nebenwirkungen und wirken langzeittoxisch. Heilen lässt sich HIV mit einer Kombinationstherapie nicht.
1996 führten Mediziner eine Kombinationstherapie zur Behandlung von HIV ein. Die combined Anti-Retroviral Therapy (cART) soll den Ausbruch von Aids verhindern, indem sie die Vermehrung der Viren hemmt. Da der Virus schnell Resistenzen entwickelt, werden mindestens drei antiretrovirale Medikamente kombiniert.
Zu einer cART raten Ärzte dann, wenn Symptome der HIV-Infektion wie Müdigkeit, Kraftlosigkeit oder Gelenkschmerzen auftreten. Spürt der Patient keine Krankheitszeichen, orientieren sich Mediziner an der Zahl der Helferzellen im Blut: Sinkt sie unter 350 Zellen pro Mikroliter Blut, ist der Körper für Infektionen, die ein gesunder Organismus abwehren könnte, anfällig.
Nach drei bis sechs Monaten ist der Virus bei einer erfolgreichen cART so sehr in der Vermehrung gehemmt, dass er mit üblichen diagnostischen Mitteln nicht mehr nachweisbar ist. Infiziert bleibt der Patient trotzdem, denn die cART kann die Vermehrung der Viren nicht völlig unterbinden. Da nun weniger Viren das Immunsystem belasten und die Zahl der Helferzellen wieder langsam steigt, kann es sich erholen.
Doch nicht für jeden ist die Kombinationstherapie geeignet. Die HIV-Erkrankung kann derart unvorhersehbar und aggressiv verlaufen, dass Medikamente kaum helfen. Medikamentenresistenzen erschweren die Therapieaussichten. Außerdem haben die Medikamente der cART Nebenwirkungen und wirken langzeittoxisch. Heilen lässt sich HIV mit einer Kombinationstherapie nicht.





