Bücher für alle
Von der Antike bis ins späte Mittelalter blieben schriftliche Zeugnisse rar, dann ebneten die Druckerpressen den Weg zum Buch als Massenware. In den Bibliotheken füllten sich die Regale.Mönch im Skriptorium: Die Schreibstuben in den Klöstern waren lange Zeit die einzigen Orte, an denen neues Schriftgut entstand.
Mediale Revolutionen
Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern (1450) minderte zwar den Stellenwert der Schreibschrift, verlieh dem geschriebenen und gedruckten Text zugleich aber eine ungeahnte Reichweite. In der Gegenwart erlebt die mediale Revolution des 15. Jahrhunderts eine Art Neuauflage. Mit der Digitalisierung verliert die Schreibschrift als Kommunikationsmittel weiter an Bedeutung, wiederum kann jedoch die Reichweite und Zugänglichkeit des gedruckten Textes um ein Vielfaches erhöht werden. Gerade hierin liegt aber auch die Gefahr für die Bibliotheken: Wenn Bücher weltweit elektronisch im Umlauf sind, dann werden Gebäude für ihre Aufbewahrung nicht mehr gebraucht.
Kontrolliert und gefangen
Über Jahrtausende war der vervielfältigte Text materialisiert und gefangen. Die Steintafeln der Babylonier, die Papyri der Ägypter, die Pergamente der Griechen, die Kodizes der Christen - sie alle hatten eines gemeinsam: Sie wurden im Interesse einer höheren Instanz beschrieben und unter ihrer Kontrolle aufbewahrt. Texte existierten als physikalischer Gegenstand an einem festen Ort - der Bibliothek. Da ausschließlich die kulturellen Zentren der Zivilisationen über Bibliotheken verfügten, mussten Gelehrte oft weite Reisen unternehmen, um sie zu nutzen.
Wenige Texte an wenigen Orten
Private Textsammlungen waren bis ins 15. Jahrhundert Ausnahmefälle: Zuerst bei griechischen Gelehrten, die eigene Schriften und Werke ihrer Schüler aufbewahrten, dann bei privilegierten Römern, die sich den Luxus leisten konnten, Literatur zu Repräsentationszwecken in ihren Häusern zu horten. Doch selbst ihnen wurde die Lektüre bald knapp.
Die Digitalisierung von Büchern macht sie als handfeste Exemplare überflüssig. Fraglich ist, wer Rilkes Gedichte gern am Bildschirm liest.
Bildungsaufschwung
Die Hofbibliotheken Karls des Großen waren ein erster, die Einrichtung bischöflicher Domschulen mit Bibliotheken der entscheidende Schritt, durch den Schrift und Literatur in die Städte zurückfanden. Die endgültige Trennung von kirchlicher und weltlicher Bildung im 12. Jahrhundert war dann ebenso zwangsläufig wie die Gründung von Universitäten. Dank des immer preiswerteren Papiers und der Erfindung der Druckerpresse wuchsen die Buchbestände Ende des Mittelalters rasant.
Wiederentdecktes Ideal
Je mehr Fachkräfte es gab, umso größer war die Nachfrage nach verschriftlichtem Wissen. Das Ideal, alles Relevante der Kultur und Wissenschaft an einem Ort zu sammeln, so wie es die Ptolemäer mit ihrer Großen Bibliothek verwirklicht hatten, wurde wiederentdeckt - und mit ihm der Kanon: Welche Schriften sind eigentlich relevant?
Bücher im Überfluss
Noch heute gehört die systematische Auswahl nach archivarischen, ökonomischen und synoptischen Gesichtspunkten zu den wichtigsten Aufgaben der Bibliotheken. Die Digitalisierung mag den Vorteil bringen, dass sich Wissen dekonzentriert und Texte weltweit über das Internet zum Leser gelangen. Mit der Befreiung der Bücher aus den Bibliotheken geht aber auch ein Kontrollverlust einher: Ertrinken wir bald in einer unüberschaubaren Flut von nutzlosem Lesestoff?
Ob Ordnung oder Recherche - manches mögen Computer erleichtern. Aber die Aura der Wissensspeicher ist nicht zu digitalisieren.
Interaktive Zukunft
Die Aussichten, dass diese Dienstleistungen unter dem Stichwort Bibliothek 2.0 das zukünftige Werkzeug zur Wissensrecherche werden, scheinen gut. So könnte sich auch die These Matthew Battles' erfüllen. Der Bibliothekar aus Harvard gehört zu den Optimisten: "Bibliotheken werden sich immer aufs Neue gegen die Technik und die Kräfte der Veränderung behaupten."
Michael März (08.10.2007)
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