Die erste Denkfabrik
Der Assyrer-König Assurbanipal befahl einst, ein Haus zu errichten, in das man Schriften mit System einlagern konnte. Die Idee fand in Ägypten Nachahmer. Hier gründeten die Ptolemäer eine Große Bibliothek.Ptolemäus I. lebte 367 bis 283 v.Chr. und begründete in Ägypten eine dreihundert Jahre überdauernde Dynastie.
Geköderte Gelehrte
Als König Ptolemäus I., einer der drei Thronfolger Alexanders des Großen, in dessen neu gegründeter Stadt Alexandria eine Akademie bauen ließ, schwebte ihm Grandioses vor: Er wollte ein Zentrum der Wissenschaft errichten, wie es kein anderes in der damaligen Welt gab. Ägypten, sein ererbtes Reich, sollte eine Hauptstadt bekommen, die nicht allein Sitz von Handel und Verwaltung war, sondern auch die bedeutendsten Gelehrten aller Kulturen lockte. Bildung bedeutete für Ptolemäus vor allem eines: Macht.
Schrift als Machtbasis
Nur durch einen kleinen geschulten Apparat von Beamten funktionierte die erstaunlich weit entwickelte Bürokratie, nur durch schreibende Priester konnten spirituelle Riten an nachfolgende Generationen überliefert werden. Die Pflege der Schriftkultur war deshalb gerade für den Gründervater der Dynastie eine existenzielle Frage.
Wie ein Marktplatz
Die 295 v. Chr. von Ptolemäus eröffnete Akademie, das so genannte Museion, war gebaut wie eine Wandelhalle und belebt wie ein Marktplatz - ein Tempel der Musen, in dem es kein formales Lehrprogramm gab. Freiheit im Austausch von Wissen bestand allerdings nur nach innen. Wem die Mitgliedschaft in der Akademie nicht zuteil wurde, dem blieb der Blick hinter ihre Mauern verwehrt. So durfte auch die rasch anwachsende Bibliothek, die in Teilen des Museions unterkam, allein von den bei Hofe akkreditierten Gelehrten genutzt werden.
Spott für die Elite
Ausgeschlossene bezeichneten die Akademie deshalb spöttisch als "Musenkäfig", in dem "weltfremde Bücherwürmer" auf Kosten des Königs lebten. Und tatsächlich setzte Ptolemäus finanziell wie personell alle Hebel in Bewegung, damit die Wissenschaftler seinem Reich zu Ruhm und Ansehen verhalfen.
Die Erweiterung der Bibliotheksbestände wurde rigoros betrieben. Ptolemäus' Nachfolger entsandten sogar spezielle Literaturagenten. Sie sollten in Ephesos, Rhodos, Pergamon, Athen und anderen kulturellen Zentren jener Zeit Schriftrollen aufkaufen, die in Alexandria fehlten. Oft liehen sie die Werke einfach aus, ohne sie ihren Besitzern zurückzugeben, oder überließen ihnen lediglich eilends angefertigte Abschriften. Ähnliche Schikanen betrafen Reisende, die Ägyptens Hauptstadt besuchten.
Begehrte Ressource
Indem sie Wissen wie eine Ressource behandelten, die es zu sammeln und zu vermehren galt, waren die Ptolemäer ihrer Zeit weit voraus. Wie die berühmten Universalbibliotheken der Gegenwart, allen voran die Harvard College Libraries, diente auch die Große Bibliothek von Alexandria als Denkfabrik für eine Gelehrtenelite aller wissenschaftlicher Disziplinen. Etwa 400.000 bis 700.000 Schriftrollen sollen in ihren Regalen gelagert haben. Eine bis dahin und auf lange Sicht beispiellose Konzentration von Wissen.
Der Glanz des alexandrinischen Schriftschatzes überdauert bis heute. Ebenso wie die vage Vorstellung von seinem tatsächlichen Umfang fasziniert die Frage nach seinem Verlust: Wer verursachte die berüchtigte Katastrophe? Von einem Brand ist die Rede, den römische Söldner 47 v. Chr. zum Schutz gegen die Flotte Ptolemäus' XIII. gelegt haben sollen. Der letzte Ptolemäer versuchte vergeblich, Alexandria aus den Händen Kleopatras VII. und Julius Caesars zu befreien. Aber griff das Feuer wirklich auf das Museion und seine Große Bibliothek über?
Angst, Ignoranz und Habgier
Bibliothekshistoriker wie Uwe Jochum verneinen das. Jochum schildert den Untergang vielmehr als Ergebnis von Angst, Ignoranz und Habgier: Zuerst suchten die Gelehrten beim Fall des Ptolemäerreiches ihr Heil in der Flucht. Dann siedelten sich Kopten, Römer, Aramäer und Koine in Alexandrien an, für die die altgriechischen Schriftrollen schlicht unverständlich waren. Anstatt in ihren Erhalt zu investieren, ließen sie die Papyri in den Regalen vermodern.
Verlorenes Wissen
Auf den geistigen Abriss folgte der physische: Kaiser Aurelian sorgte im dritten Jahrhundert n. Chr. dafür, dass auch die sichtbaren Überreste des Museions verschwanden. Das Ende der Großen Bibliothek war somit zwar nicht bewusst herbeigeführt, aber doch in Kauf genommen. In diesem Licht erscheint es umso deutlicher als Exempel für den fahrlässigen Umgang mit überliefertem Wissen, der die abendländische Geschichte bis heute prägt.
Michael März (08.10.2007)
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