Seite drucken

LexiTV - Das MDR Wissensmagazin - Bildung für alle

 

Dieser Artikel gehört zum Thema

Dampfmaschine

Infobox

Als Spion bei James Watt
1769, James Watt hatte gerade ausschlaggebende technische Verbesserungen an der Dampfmaschine erzielt, wurden preußische Bergbaubehörden auf die "Feuermaschine" aus England aufmerksam. Wenig später folgte eine Kaufanfrage bei dem schottischen Erfinder.

Watt ahnte, dass man seine technischen Lösungen kopieren wollte, und knüpfte das Geschäft an die Bedingung eines 14-jährigen Liefermonopols, völlig unakzeptabel für Preußen. Der preußische Minister Friedrich Anton von Heynitz hielt jedoch die Kaufabsicht zum Schein aufrecht - und schickte 1778 den Oberbergrat Waitz von Eschen sowie den Assessor Friedrich Bückling nach Birmingham.

Bückling gelang es, auf dieser und einer zweiten Reise verdeckt Zeichnungen der wattschen Maschine anzufertigen. 1783 baute der Beamte ein verkleinertes Modell, das wenig später dem Nachbau von Teilen in Originalgröße als Grundlage diente. Die erste deutsche Dampfmaschine wattscher Bauart, in Betrieb genommen am 23. August 1785 bei Hettstedt, war dennoch ein Fehlschlag.

Um die Mängel zu beheben, warb Preußen den britischen Mechaniker William Richards an. Richards und Bückling machten die Maschine innerhalb von zwei Jahren zum ökonomischen Erfolg. Historiker halten die Affäre Bückling für den ersten verbürgten Fall von Industriespionage.

Infobox

König Dampf?
Lange nach dem Ende der ersten industriellen Revolution, 1908, schrieb der Technikhistoriker Conrad Matschoss ein heute noch lesenswertes Buch zur Entwicklung der Dampfmaschine. Matschoss, einerseits voller technikoptimistischer Illusionen, übersieht andererseits nicht die enormen sozialen Umbrüche und Grausamkeiten, die vermeintlich in "König Dampf" ihre Ursache hatten.

"In England", heißt es bei ihm, "sollen schon 1788 nicht weniger als 59.000 Frauen und 48.000 Kinder in den Fabriken, losgelöst von der Familie, gearbeitet haben." Matschoss erwähnt ferner eine vom britischen Parlament eingeleitete Untersuchung, ob es Kindern zuzumuten sei, täglich 23 Stunden an der Maschine zu stehen. Das Ergebnis war positiv - sofern die Kinder dabei essen können.

Vom Markt, der mit der Dampfmaschine Bereiche des Daseins erschloss, die ihm bisher verschlossen waren, redet Matschoss nicht. Verantwortlich für Entwurzelung und Elend, so Matschoss, sei freilich auch nicht die Maschine gewesen, sondern "die soziale Ungeschicklichkeit der Menschen, die dem Strom neuer Entwicklungsmöglichkeiten ratlos gegenüberstanden..."

Die Antwort auf die entscheidende Frage, weshalb denn eine so geniale Erfindung wie die Dampfmaschine das Leben nicht leichter sondern schwerer machte, bleibt Matschoss schuldig.

Näher dran an den Ursachen war vermutlich Friedrich Engels, den Matschoss nirgends erwähnt. In Engels' Buch Die Lage der arbeitenden Klasse in England (1845) sind Ross und Reiter benannt. Engels, Sohn eines Barmer Fabrikanten, kannte beide Seiten im großen Marktspiel: die neue Bourgeoisie und das Proletariat, dessen Ausgeliefertsein eigentliche Ursache des Elends war.