Harte Zeiten
Die Idee ist einfach und genial. Dampf entwickelt enorme Kräfte. Doch mit der Dampfmaschine entstand die Fabrik. Lohnarbeit und Markt bestimmten nun das Leben.Aeolipile hieß das Spielzeug des Gelehrten Heron von Alexandria aus der Spätantike. Immerhin, auch eine Dampfmaschine.
Allgemeiner Stillstand
Dennoch, es ist erstaunlich, dass über anderthalb Jahrtausende vergehen mussten, bevor sich wieder jemand mit der Kraft des Dampfes befasste. Oder ist es ganz einfach zu erklären?
Die Art, wie Güter erzeugt und verteilt wurden und wie Menschen beim Erzeugen und Verteilen zueinander in Beziehung traten, stagnierte während der Antike und des Mittelalters. Niemand brauchte eine Kraft, die alles in den Schatten stellt, was Mensch oder Tier physisch leisten können.
Tragische Gestalt
Wer Dinge erfindet, die (noch) keiner braucht, ist eine tragische Gestalt. So eine tragische Gestalt war der Professor Papin: Denis Papin (1647 bis 1712) erfand den Schnellkochtopf - und nach gescheiterten Vorführungen auch das Sicherheitsventil. Wichtiger ist, dass der gebürtige Franzose, damals Mathematikprofessor in Marburg, um 1690 die erste Dampfmaschine der Neuzeit konstruierte. Die bestand im Grunde nur aus Druckzylinder und Kolben. Je nachdem, ob der Zylinder heiß oder kalt war, bewegte sich der Kolben nach oben oder nach unten und lieferte mechanische Arbeit.
In Bergwerksstollen
Zum Verdruss des Professors ließ wenig später der Engländer Thomas Savery (1650 bis 1715) eine dem Marburger Entwurf sehr ähnliche Dampfdruckpumpe patentieren. Das Pumpen von Wasser aus Gruben war tatsächlich frühestes Anwendungsgebiet des wiederentdeckten Prinzips.
Nur fand es in Saverys Heimat eben auch Anwendungsfelder: nämlich Kohle- und Erzbergwerke, die bei fortschreitendem Abbau tiefer und verzweigter wurden. Thomas Newcomen (1663 bis 1729), ein Engländer wie Savery, baute dann in Papins Todesjahr die erste wirklich verkäufliche dampfgetriebene Bergwerkspumpe.
Das richtige Timing
Zwar stammen Erfindungen aus dem Kopf des Erfinders; was davon Bestand hat, hängt allerdings von den Umständen ab. Theoretiker unterscheiden deshalb zwischen Erfindung und Innovation: Erfindungen werden zu Innovationen, sobald sie praktische Wirkung erzielen, also Prozesse oder Produkte nachweisbar verändern. Kommt eine Erfindung zu früh oder zu spät, wird sie wahrscheinlich Erfindung bleiben. Die Dampfmaschine bekam letztlich das richtige Timing hin.
Aus der Ruhe gerissen
Denn gegen Ende des 17. Jahrhunderts begann das Geld wie niemals zuvor die Beziehungen der Menschen zu dominieren. Nationalstaaten reiften heran, Absolutismus und Handel erblühten. Geldeigentümer und Staat rissen Millionen von Bauern gewaltsam aus der Ruhe naturalwirtschaftlicher, auf einfachem Produkttausch fußender Existenz. Enteignete, landlose Bauern stellten das Personal der Manufakturen. Städtische Zünfte, samt ihren innovationsfeindlichen Regeln, zerbrachen.
Unter der Geldpeitsche
Die freie Marktwirtschaft entstand - zuerst im England des Thomas Savery -, und mit ihr entstanden Massenelend und Landstreicherei. Über den neuen Lohnarbeitern schwebte die Geldpeitsche des Kapitaleigentümers. Über den Kapitaleigentümern wiederum agierte der Markt, als alles durchdringende und rücksichtslos dahinstampfende Gewalt.
James Watt (1736 bis 1819), sein Name wird für immer mit der Dampfmaschine verbunden sein, erkannte die Zeichen der Zeit. Präzise gebohrte Kessel - dabei stand das Kanonenrohr Pate -, Kondensator, Schubkurbelgetriebe: Dank Watt und dank des von ihm entscheidend verbesserten Wirkungsgrads wurde die Dampfmaschine zur universell nutzbaren Quelle industrieller Energie. Wer sie kaufen wollte, brauchte Vermögen, das im Kaufakt zu Kapital, dieser anderen Seite der Lohnarbeit, mutierte.
Marktmaschine
Um 1780 war es endlich so weit: Der Dampf machte aus Manufakturen Fabriken. So wie die Dampfmaschine, diese geniale Erfindung, die neuen, noch ungewohnten Verhältnisse weiter und weiter trieb, war sie selbst auch deren Geschöpf. Daher ihr Erfolg. Wie der Markt das gesellschaftliche Ganze, beherrschte nun die Maschine das Dasein ihrer Untertanen, verwandelte Landschaften bis zur Unkenntlichkeit, verdüsterte den Himmel, unterwarf das Leben ihrem Takt.
Der falsche Feind
Ob die Mehrheit der Menschen solch neues Leben lebenswert fand, war dem Markt so egal wie der Maschine. Harte Zeiten nannte Charles Dickens (1812 bis 1870) seinen Roman, in dem er Fabrikalltag und Not, den Gegensatz zwischen Arm und Reich und psychische Verwüstung beschreibt.
Dampfmaschinen symbolisierten das alles. Für viele waren sie der Feind. Bis zur Einsicht, dass die Maschine jenseits von Gut und Böse steht, war der Weg lang.
Kinder derselben Epoche
Inzwischen sind die harten Zeiten der ersten industriellen Revolution Geschichte. Zwei weitere große Umwälzungen der Arbeitswelt sind ihr gefolgt: die des Fließbands und die des Computers. Der Markt, sein stetes Eindringen in alle Lebensbereiche, und die Dampfmaschine, die sich den Arbeitsprozess unterwarf, sind Kinder derselben historischen Epoche. Als scheinbar unüberwindliches Schicksal diktierten sie den Menschen ihr Gesetz. Die Dampfmaschine ist heute Museumsobjekt.
Michael Schmittbetz (06.08.2010)
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Infobox
Als Spion bei James Watt
1769, James Watt hatte gerade ausschlaggebende technische Verbesserungen an der Dampfmaschine erzielt, wurden preußische Bergbaubehörden auf die "Feuermaschine" aus England aufmerksam. Wenig später folgte eine Kaufanfrage bei dem schottischen Erfinder.
Watt ahnte, dass man seine technischen Lösungen kopieren wollte, und knüpfte das Geschäft an die Bedingung eines 14-jährigen Liefermonopols, völlig unakzeptabel für Preußen. Der preußische Minister Friedrich Anton von Heynitz hielt jedoch die Kaufabsicht zum Schein aufrecht - und schickte 1778 den Oberbergrat Waitz von Eschen sowie den Assessor Friedrich Bückling nach Birmingham.
Watt ahnte, dass man seine technischen Lösungen kopieren wollte, und knüpfte das Geschäft an die Bedingung eines 14-jährigen Liefermonopols, völlig unakzeptabel für Preußen. Der preußische Minister Friedrich Anton von Heynitz hielt jedoch die Kaufabsicht zum Schein aufrecht - und schickte 1778 den Oberbergrat Waitz von Eschen sowie den Assessor Friedrich Bückling nach Birmingham.
Bückling gelang es, auf dieser und einer zweiten Reise verdeckt Zeichnungen der wattschen Maschine anzufertigen. 1783 baute der Beamte ein verkleinertes Modell, das wenig später dem Nachbau von Teilen in Originalgröße als Grundlage diente. Die erste deutsche Dampfmaschine wattscher Bauart, in Betrieb genommen am 23. August 1785 bei Hettstedt, war dennoch ein Fehlschlag.
Um die Mängel zu beheben, warb Preußen den britischen Mechaniker William Richards an. Richards und Bückling machten die Maschine innerhalb von zwei Jahren zum ökonomischen Erfolg. Historiker halten die Affäre Bückling für den ersten verbürgten Fall von Industriespionage.
Infobox
König Dampf?
Lange nach dem Ende der ersten industriellen Revolution, 1908, schrieb der Technikhistoriker Conrad Matschoss ein heute noch lesenswertes Buch zur Entwicklung der Dampfmaschine. Matschoss, einerseits voller technikoptimistischer Illusionen, übersieht andererseits nicht die enormen sozialen Umbrüche und Grausamkeiten, die vermeintlich in "König Dampf" ihre Ursache hatten.
"In England", heißt es bei ihm, "sollen schon 1788 nicht weniger als 59.000 Frauen und 48.000 Kinder in den Fabriken, losgelöst von der Familie, gearbeitet haben." Matschoss erwähnt ferner eine vom britischen Parlament eingeleitete Untersuchung, ob es Kindern zuzumuten sei, täglich 23 Stunden an der Maschine zu stehen. Das Ergebnis war positiv - sofern die Kinder dabei essen können.
Vom Markt, der mit der Dampfmaschine Bereiche des Daseins erschloss, die ihm bisher verschlossen waren, redet Matschoss nicht. Verantwortlich für Entwurzelung und Elend, so Matschoss, sei freilich auch nicht die Maschine gewesen, sondern "die soziale Ungeschicklichkeit der Menschen, die dem Strom neuer Entwicklungsmöglichkeiten ratlos gegenüberstanden..."
Die Antwort auf die entscheidende Frage, weshalb denn eine so geniale Erfindung wie die Dampfmaschine das Leben nicht leichter sondern schwerer machte, bleibt Matschoss schuldig.
Die Antwort auf die entscheidende Frage, weshalb denn eine so geniale Erfindung wie die Dampfmaschine das Leben nicht leichter sondern schwerer machte, bleibt Matschoss schuldig.
Näher dran an den Ursachen war vermutlich Friedrich Engels, den Matschoss nirgends erwähnt. In Engels' Buch Die Lage der arbeitenden Klasse in England (1845) sind Ross und Reiter benannt. Engels, Sohn eines Barmer Fabrikanten, kannte beide Seiten im großen Marktspiel: die neue Bourgeoisie und das Proletariat, dessen Ausgeliefertsein eigentliche Ursache des Elends war.



