Wagnis Elternschaft
"Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern erhalten: Flügel und Wurzeln." Schon Johann Wolfgang von Goethe stellte fest, Eltern müssen mehrere, oftmals gegensätzliche Dinge vereinen können.Eltern haben es nicht leicht. Alle wissen besser, was gut für den Nachwuchs ist - schon vor der Geburt. Aber ein Lächeln entschädigt.
Keine super "Nannies"
Nun hagelt es von vielen Seiten Kritik ob der Professionalität der "Nannies". Psychologen, Pädagogen, Kinderschützer und Eltern sehen in den simplifizierenden, pauschalen Anweisungen zum Gehorsam eine Gefahr. Man führe die Kinder vor, missachte ihre Rechte, diskriminiere sie und ihre Eltern. Auf lange Sicht könnten die unfreiwilligen "Stars" in ihrem Lebensumfeld erheblichen Nachteilen ausgesetzt sein. Zudem trügen die dort gezeigten, oft recht drastischen Erziehungsmethoden zur Heranbildung autoritärer Charaktere bei.
Wachsende Ratlosigkeit
Über die Praktiken der "Super-Nannies" lässt sich streiten. Der polnische Pädagoge Janusz Korczak sagte einmal: "Wie kann ich wissen, wie eine mir fremde Mutter in einer mir fremden Situation ein mir fremdes Kind zu erziehen hat?" - Es gibt also keine allgemeingültigen Rezepte. In einem Punkt aber haben die Macher des RTL-Formats recht. Bei vielen Eltern wächst die Hilflosigkeit in Fragen der Kindererziehung. Ratgeber aller Art, ob im Fernsehen, im Internet oder in den Printmedien, knüpfen hier an.
Wirtschaftliche Abhängigkeiten
Tatsächlich war das Familienleben nicht nur in den letzten Jahrzehnten, sondern zumindest in den letzten zwei Jahrhunderten geradezu revolutionären Veränderungen ausgesetzt. Nachdem die Familie als Arbeitsgemeinschaft - mit vielen Kindern zur Altersvorsorge - passé war, prägten wirtschaftliche Abhängigkeiten das Zusammenleben. Die Moderne mit ihren Merkmalen Industrialisierung, Urbanisierung, Säkularisierung ging auch an der Institution Familie nicht spurlos vorbei. Ab Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre schien die Bedeutung wirtschaftlicher Abhängigkeiten zurückzugehen. Festgelegte Geschlechterrollen wurden relativ, die Zahl der Scheidungen und Trennungen stieg rapide: Ein Kampf entbrannte um die Familie.
Neue Freiheit, neue Risiken
Verbindliche Vorgaben verschwanden, womit sich dem Einzelnen bis dahin ungeahnte Optionen und Entscheidungsspielräume zur Lebensgestaltung boten. Allerdings weckten die damit verbundenen Risiken das Bedürfnis nach neuen Sicherheits- und Kontrollmechanismen. So erscheint heute der Schritt zur Elternschaft nicht mehr als natürlicher, selbstverständlicher Prozess. Die ihn in Erwägung ziehen, werden mit Empfehlungen, Ratschlägen und Expertenwissen bombardiert. Eltern werden wird zum waghalsigen Unternehmen...
Schon vor der Geburt erfasse das "Kontrollregime" medizinischer und psychologischer Experten die Eltern, meint der Soziologe Thomas Meyer. Die zahlreichen Möglichkeiten der Medizintechnologie, wie Pränatal- und Gendiagnostik, nicht zu nutzen, kommt für moderne Eltern kaum in Frage, weil sie durch Unterlassung Schuld an mangelnder Gesundheit des erwarteten Kindes auf sich laden könnten.
Krankheit Schwangerschaft?
In Deutschland würden, so Meyer, 70 bis 80 Prozent aller Schwangerschaften von Seiten der Ärzte als "kontrollbedürftige Risikofälle definiert". In den Niederlanden dagegen sei das Verhältnis umgekehrt, dort gelte dieser Prozentsatz der Schwangerschaften als risikofrei. Die Zunft der Psychologen steht den Medizinern in nichts nach. Werdende Eltern sollen eine positive Beziehung zu ihrem ungeborenen Kind aufbauen, Väter bei Schwangerschaftsgymnastik und Geburt dabei sein... Der kulturelle Erwartungsdruck lässt nicht etwa nach, ist das Kind dann auf der Welt. Die Abarbeitung eines langen Aufgabenkatalogs zur Förderung ihres Kindes steht den Eltern bevor.
Bildung nach Plan
Das erwartete elterliche Engagement für die Schulbildung ihrer Kinder, vor allem in den Mittelschichten, ist enorm. In manchen Auswüchsen entdecken Kinderpsychiater und Familientherapeuten gar pathogene Züge. Darüber hinaus fühlen sich viele Eltern dazu berufen, auch noch die Freizeit ihrer Kinder "sinnvoll" zu planen, damit der Nachwuchs im kulturellen Konkurrenzkampf besteht.
Moderne Eltern wollen ihre Kinder zur Selbstständigkeit erziehen und ihnen gleichzeitig Freunde sein.
Weil in Deutschland die Schule nur Halbtags besucht werden kann, sollen Eltern ein hohes Maß an Organisationstalent zeigen. Zwischen Schule, Sportverein, Musikunterricht und Besuchen bei Freunden müssen alle Termine der Kinder mit den elterlichen in Einklang gebracht werden. Spontaneität und Zufall sind im Kinderleben selten geworden. Und haben Kinder dann mal einen Nachmittag "frei", verbringen sie den häufig innerhalb der eigenen vier Wände. Kindlicher Bewegungsdrang, der früher meist beim Spielen auf der Straße ausgelebt wurde, muss sich immens einschränken. Wenn er das nicht tut, sind erneut die Eltern gefragt, sich mit ihren Sprösslingen auseinanderzusetzen.
Kommunikative Kompetenz
Moderne Eltern wollen ihre Kinder zur Selbstständigkeit erziehen und ihnen gleichzeitig Freunde sein. Regeln sollen nicht ohne Kommentar aufgestellt, sondern auch begründet werden. Dafür brauchen Eltern Zeit, die sie oft nicht haben, Geduld und Einfühlungsvermögen. Um also zu einem familiären Konsens zu finden, steigen kommunikative Anforderungen an Eltern und Kinder.
Kein Schonraum mehr
So gesehen, stellt die Familie immer weniger einen "Schonraum", einen Zufluchtsort dar. Die polarisierenden Kategorien Innen und Außen ließen sich immer weniger auf Familie und Gesellschaft anwenden, sagen Soziologen. Die Grenzen dieser Begriffe seien unscharf; traditionell sinnfremde Inhalte, wie Planen, Organisieren, Leistungsdruck dringen in private Verhältnisse ein. Wen wundert es, wenn in Sachen Erziehung Ratlosigkeit herrscht und der Nachwuchs rebelliert? Und wird das Chaos allzu groß, dann bringen heldenhafte "Super-Nannies" wieder Ordnung ins Kinderzimmer.
Stefanie Barthel (09.09.2005)
Infobox
Vaterschaftstest
Ob verheiratet oder nicht, heute macht es die Gentechnologie möglich, den Vater genau zu bestimmen. Bei der PCR (Polymerase-Chain- Reaction)-Methode wird das in Speichelproben enthaltene menschliche Erbmaterial, die DNA, mit Hilfe von Enzymen und Temperaturwechseln vervielfältigt.
Die Abfolge der vier chemischen Basen Adenin, Thymin, Guanin und Cytosin wiederholt sich auf den Abschnitten der DNA unterschiedlich oft. Mittels solcher Muster lassen sich Übereinstimmungen bei Vater und Kind, oder auch Mutter und Kind, identifizieren.
Diese Tests sind heute sehr sicher, doch nicht immer und unbedingt tragen sie zur Vereinfachung von Familiensituationen bei. Pädagogen und Therapeuten raten daher von leichtfertig durchgeführten Vaterschaftstests ab.
Ob verheiratet oder nicht, heute macht es die Gentechnologie möglich, den Vater genau zu bestimmen. Bei der PCR (Polymerase-Chain- Reaction)-Methode wird das in Speichelproben enthaltene menschliche Erbmaterial, die DNA, mit Hilfe von Enzymen und Temperaturwechseln vervielfältigt.
Die Abfolge der vier chemischen Basen Adenin, Thymin, Guanin und Cytosin wiederholt sich auf den Abschnitten der DNA unterschiedlich oft. Mittels solcher Muster lassen sich Übereinstimmungen bei Vater und Kind, oder auch Mutter und Kind, identifizieren.
Diese Tests sind heute sehr sicher, doch nicht immer und unbedingt tragen sie zur Vereinfachung von Familiensituationen bei. Pädagogen und Therapeuten raten daher von leichtfertig durchgeführten Vaterschaftstests ab.


