Zeit-Strafe
Wann ist Strafe nur grausam, wann ist sie angemessen und gerecht? Auch darüber haben Menschen aus verschiedenen Epochen sehr verschieden gedacht.Die letzten Tage des Sokrates im Kerker von Athen. (Bild von Jaques-Luis David, 1748 bis 1825)
Die Bedrohung
Alles zielt darauf ab, Zeit auf ein menschliches Maß zu reduzieren: viel schlafen, irgendetwas entwerfen, auf immer demselben, genau abgesteckten Weg in Gedanken "die Welt umrunden"... Bedrohlich ist ja vor allem unstrukturierte Zeit, weil sie wie ewig erscheint. Albert Speer, einst Hitlers Rüstungsminister und dann Langzeit-Gefangener im Kriegsverbrechergefängnis Spandau (siehe Infobox unten), schildert das Problem mit der Zeit in seinen Memoiren. Seit jeher haben Gefangene ihren Kampf gegen den Zeitfeind beschrieben, viel öfter als Hunger, grausame Wärter oder sexuelle Not.
Der Körper als Pfand
Seit jeher? Das bedeutet: seit es Gefängnisse, also seit es Zeit-Strafen gibt. Und die gibt es noch gar nicht so lange. Gewiss, es gab Kerker schon in der Antike, fast jede mittelalterliche Burg hatte ihr Verlies. Aber in den alten Systemen war Haft keine Strafe, sondern bezweckte die Sicherstellung des Körpers als Pfand. Der Schuldturm ist ein Beispiel, oder - noch früher - die Todeszelle: Sokrates, der große Athener Philosoph, angeklagt wegen Gotteslästerung und Verführung der Jugend, saß im öffentlichen Kerker, bis er den Giftbecher empfing. Über seine kurzen Kerkertage aber bestimmte der Verurteilte selbst: plaudernd und heiter - wie Platons Überlieferung glaubhaft macht.
Marterinstrumente, hier eine Streckbank, im Verlies: Nicht auf die Jahre kam es an, sondern auf die körperliche Qual.
Im Mittelalter dominierte ein ähnliches Verständnis von Strafe: Ausgeklügelte Körperstrafen, nicht selten tödliche Torturen, sollten Übeltäter und Zuschauer die Macht des jeweiligen Herrschers spüren lassen. Mehr Körper- als Zeit-Strafe war sogar der Dienst auf der Galeere. Nicht die Jahre standen im Vordergrund, sondern die körperliche Qual. Ging es wirklich um Kopf und Kragen, war der Vollzug öffentlich, und die Exekution ein nettes, schauriges Fest, mit Gauklern, Dirnen und Imbissbuden. Kapitalverbrecher über Jahrzehnte auf Staatskosten füttern? Sie wie wilde Tiere in riesigen Zellenbauten halten? Das wäre mittelalterlichem Rechtsempfinden zuwidergelaufen. Vielleicht hätte der ungezügeltere Mensch dieser Epoche unsere Zeit-Strafen, das Einsperren hinter Gitter und Mauern, sogar als unnötig grausam abgelehnt.
Fabrik, Kaserne, Irrenhaus…
Erst das Ende des "finsteren" Mittelalters, die anbrechende Neuzeit, brachte im 16. Jahrhundert das Gefängnis hervor. Dahinter steckte ein neues Verständnis von Zeit: Carpe diem - Nutze den Tag! - hieß ein Motto der Reformation. Wer sich der neuen Zeit-Disziplin nicht unterwarf, der Disziplin der bald aufkommenden Lohnarbeit, wer krank war, auffällig im Verhalten, zur Landstreicherei neigte - der wurde isoliert. Die Zeit-Strafe und ihr Ort, das Gefängnis, entstanden parallel zur Fabrik, zur Kaserne, zum Spital und zum Irrenhaus.
Arm? Selber schuld!
Arbeitshäuser dienten nun als Verwahranstalten für Landstreicher und Bettler. Besonders dem Dieb drohte solcher Zwang, denn in der deutlich steigenden Zahl von Eigentumsdelikten entdeckten aufstrebende Kapital-Eigentümer die krasseste Gefahr für sich selbst. Dem reformierten Rechtsempfinden galt bald schon Armut allein als schuldhaft - arm sei ja bloß, so der Glaube, wer seine Zeit nicht nutzt -, nicht länger war Armut gottgegeben, wie in den Jahrhunderten zuvor. Auf Schuld musste Strafe folgen...
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Infobox
Der Schuldturm - auch: das Schuldgefängnis - war eine besondere Gefängnisform, die in Deutschland bereits während des späten Mittelalters bestand. Dennoch ist gerade sie der Beweis für die grundsätzlich andere Auffassung von Strafe im Mittelalter im Vergleich zur Neuzeit.
Wie neuere Forschungen zeigen, diente die Schuldhaft eben nicht der Sanktionierung (so und so viele Jahre Haft für so und so viele Schulden), sondern der Leistungserzwingung. Anders gesagt: Der Schuldner wurde im Schuldgefängnis lediglich festgehalten, um ihn an der Flucht vor Zahlungsverpflichtungen zu hindern.
Zeit-Strafen, also Haftstrafen im eigentlichen Sinn, kannte das Mittelalter noch nicht. So konnte der Schuldner seine Schuld auch nicht "absitzen". Überbleibsel der alten Schuldhaft ist die noch heute mögliche, maximal halbjährige Erzwingungshaft, zum Beispiel zur Abgabe einer eidesstattlichen Erklärung eines Schuldners.
Wie neuere Forschungen zeigen, diente die Schuldhaft eben nicht der Sanktionierung (so und so viele Jahre Haft für so und so viele Schulden), sondern der Leistungserzwingung. Anders gesagt: Der Schuldner wurde im Schuldgefängnis lediglich festgehalten, um ihn an der Flucht vor Zahlungsverpflichtungen zu hindern.
Zeit-Strafen, also Haftstrafen im eigentlichen Sinn, kannte das Mittelalter noch nicht. So konnte der Schuldner seine Schuld auch nicht "absitzen". Überbleibsel der alten Schuldhaft ist die noch heute mögliche, maximal halbjährige Erzwingungshaft, zum Beispiel zur Abgabe einer eidesstattlichen Erklärung eines Schuldners.
Infobox
Am 30. September 1946 verurteilte das Nürnberger Tribunal Hitlers Rüstungsminister Albert Speer zu zwanzig Jahren Haft: 7.300 Tage und fünf Schalttage, wie der 41-jährige bald berechnete. Gewohnt, alle Probleme durch "Organisation" zu lösen, verlegte der Häftling sich auf einen systematischen Kampf gegen die Zeit: nicht mehr, wie früher, sechs Stunden schlafen, sondern zwölf - es würde die Haftzeit um ein Viertel verringern, dazu lesen, schreiben, zeichnen.
Tauglich gegen Depressionen war das nicht, die Gartenarbeit, etwas später im Spandauer Gefängnis, schon eher. Hier war selbst "Urlaub" sorgsam geplant. Kurios sind die Phantasie- Wanderungen des Gefangenen im engen Rund des Gefängnisgartens: nach München, über den Balkan und Istanbul bis nach Afghanistan. Am Vortag der Entlassung, dem 30. Oktober 1966, erhielten Freunde ein Telegramm: "Bitte abholen 35 Kilometer südlich von Guadalajara, Mexiko."
Tauglich gegen Depressionen war das nicht, die Gartenarbeit, etwas später im Spandauer Gefängnis, schon eher. Hier war selbst "Urlaub" sorgsam geplant. Kurios sind die Phantasie- Wanderungen des Gefangenen im engen Rund des Gefängnisgartens: nach München, über den Balkan und Istanbul bis nach Afghanistan. Am Vortag der Entlassung, dem 30. Oktober 1966, erhielten Freunde ein Telegramm: "Bitte abholen 35 Kilometer südlich von Guadalajara, Mexiko."



