Missbrauchte Genealogie: Dem Nachweis der arischen Abstammung wenigstens bis zu den Großeltern diente im Dritten Reich seit 1933 der Ahnenpass.
Rasse, Blut, Boden
Der ehrwürdige Almanach de Gotha, seit 1763 als Kalender mit adligen Abstammungslinien in Gotha herausgegeben, öffnete sich nun auch bürgerlichen Familien. Fast gleichzeitig bekommen wir es, dem europäischen Zeitgeist folgend, mit einer engeren Verknüpfung von Genealogie und (biologistischer) Genetik zu tun: Schlagworte wie Vererbung, Rasse, Blut, Boden dominieren gerade in der Laienforschung. Die Suche nach dem biologischen und charakterlichen Ich - als Summe der Ahnen - wird wieder wörtlich genommen. Dieser antimodernistische Reflex, gerichtet gegen die "Ortlosigkeit" des Einzelnen in der industrialisierten Gesellschaft, gegen seine schmerzhaft gefühlte Wurzellosigkeit, bot nationalsozialistischen Ahnenideologen Anknüpfungspunkte.
"Ariernachweis"
So ist die "Gleichschaltung" der deutschen Ahnenforschung nach 1933 tatsächlich nur eine bloße Gleichschaltung gewesen: die Naziideologen erfanden nichts wirklich Neues. Ihr Instrumentalisieren der Genealogie zum Zwecke des "Ariernachweises" hatte dann immerhin zur Folge, dass Ahnenforschung in Deutschland nach 1945 auf unabsehbare Zeit diskreditiert zu sein schien. Doch neue Anstöße kamen bald: aus den Niederlanden, aus Schweden und Großbritannien, vor allem aber - aus den USA.
Mormonen als Initiatoren
Der zunächst überraschende Umstand hat einen gleichermaßen überraschenden Grund: Als Initiatoren genealogischer Forschung traten und treten vorwiegend im Bundesstaat Utah beheimatete Mormonen auf. "Lehrgrundlage der Mormonen sind die 1841 angenommenen Glaubensartikel von Joseph Smith, denen zufolge auch eine stellvertretende Taufe für bereits Verstorbene möglich ist", schreiben Wolfgang Ribbe und Eckart Henning in ihrem Taschenbuch für Familiengeschichtsforschung.
Moderne Informationstechnologie
"Dies erklärt die weitreichenden Aktivitäten der Mormonen auf dem Gebiet der Genealogie, insbesondere die Erforschung europäischer Kirchenbücher", so die genannten Autoren. Eine Spitzenfunktion übernahm die Genealogische Gesellschaft von Utah, mit Sitz in Salt Lake City, auch international: bei der Anwendung moderner Informationstechnologien in der Genealogie.
Angekommen
Die heute enorm populäre und auf den Möglichkeiten des Internets basierende Computergenealogie verdanken wir also einem quasi zufälligen historischen Zusammentreffen: der mormonischen genealogischen Tradition und der jahrzehntelangen informationstechnologischen Führungsrolle der Vereinigten Staaten. Sei es wie es sei, der sehr spezielle Impuls zur Neugier aufs Ich ist - via Internet - wieder in Deutschland angekommen. Immer noch aber steht die Frage im Hintergrund: Was will ich eigentlich finden? Das allerdings ist eine höchst persönliche Angelegenheit.
Michael Schmittbetz (22.03.2007)
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Genealogie und Genetik...
gingen am Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts die "Ehe" ein - mit teils fatalen Folgen. Ausgangspunkt war die Frage nach der Vererbbarkeit von Merkmalen, wobei man charakterliche Züge und physische Eigenschaften weitgehend auf eine Stufe stellte: Geiz oder Gutgläubigkeit wurden damit ebenso zu "Erbmerkmalen" wie etwa blondes Haar oder blaue Augen.
Von dort aus war es nur ein kleiner Schritt, soziale Charakteristika an "Rassemerkmale" zu binden. Eng ist hier auch die Verbindung zur "Sozialhygiene", das heißt zur Forderung, Personen mit - wie genealogisch belegt - "schlechtem" Erbmaterial aus der Gesellschaft auszusondern oder an der Fortpflanzung zu hindern. Ein solches "Erbmerkmal" konnte zum Beispiel "Hang zu kriminellem Verhalten" sein.
Anders als oft angenommen, tauchten die frühesten Theorien und Forschungsinstitutionen auf diesem Gebiet nicht in Deutschland auf, sondern in Schweden und in den USA. "Sozialhygienische" Denkansätze spielen uneingestanden noch heute eine Rolle bei der Gestaltung der Einwanderungspolitik der Vereinigten Staaten.
Derzeit gilt als erwiesen, dass nur ein Teil selbst der physischen Merkmale einem genealogisch aufzeigbaren Erbgang folgt (etwa die Bluterkrankheit in manchen europäischen Adelsgeschlechtern). Die Entzifferung des genetischen Codes beim Menschen setzt bezüglich des angedeuteten Problems wiederum neue Akzente.
gingen am Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts die "Ehe" ein - mit teils fatalen Folgen. Ausgangspunkt war die Frage nach der Vererbbarkeit von Merkmalen, wobei man charakterliche Züge und physische Eigenschaften weitgehend auf eine Stufe stellte: Geiz oder Gutgläubigkeit wurden damit ebenso zu "Erbmerkmalen" wie etwa blondes Haar oder blaue Augen.
Von dort aus war es nur ein kleiner Schritt, soziale Charakteristika an "Rassemerkmale" zu binden. Eng ist hier auch die Verbindung zur "Sozialhygiene", das heißt zur Forderung, Personen mit - wie genealogisch belegt - "schlechtem" Erbmaterial aus der Gesellschaft auszusondern oder an der Fortpflanzung zu hindern. Ein solches "Erbmerkmal" konnte zum Beispiel "Hang zu kriminellem Verhalten" sein.
Anders als oft angenommen, tauchten die frühesten Theorien und Forschungsinstitutionen auf diesem Gebiet nicht in Deutschland auf, sondern in Schweden und in den USA. "Sozialhygienische" Denkansätze spielen uneingestanden noch heute eine Rolle bei der Gestaltung der Einwanderungspolitik der Vereinigten Staaten.
Derzeit gilt als erwiesen, dass nur ein Teil selbst der physischen Merkmale einem genealogisch aufzeigbaren Erbgang folgt (etwa die Bluterkrankheit in manchen europäischen Adelsgeschlechtern). Die Entzifferung des genetischen Codes beim Menschen setzt bezüglich des angedeuteten Problems wiederum neue Akzente.



