Ich wollte, es gäbe kein Alter zwischen zehn und dreiundzwanzig, oder die jungen Leute verschliefen die ganze Zeit: denn dazwischen ist nichts, als den Dirnen Kinder schaffen, die Alten ärgern, stehlen, balgen...
aus William Shakespeares Das Wintermärchen, 1609
Gewalt Macht Schule
Kaum eine Debatte wurde in jüngster Zeit so emotional geführt wie die über den richtigen Umgang mit jugendlichen Straftätern. Die Frage nach den Ursachen der Gewalt gerät dabei jedoch häufig aus dem Blick."Mach' mich bloß nicht an!" Deutschlands Jugend scheint immer mehr zu verrohen. Statistiken und Studien sprechen jedoch eine andere Sprache. (Bild: www.polizei-beratung.de)
Rückgang belegt
Offenbar nicht: Statistiken und Studien belegen sogar einen Rückgang der Jugendkriminalität. Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) ermittelte dies im so genannten Hellfeld, dem Bereich erfasster Straftaten. Und auch Befragungen im Dunkelfeld kommen zum selben Ergebnis, wie der aktuelle Forschungsbericht des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) zum Thema "Jugendliche in Deutschland als Opfer und Täter von Gewalt" zeigt.
Dramatisierung in den Medien
Professor Christian Pfeiffer, Kriminologe und Leiter des KFN, weist seit Jahren auf die wachsende Diskrepanz zwischen dem realen kriminellen Geschehen und dessen Wahrnehmung in der Öffentlichkeit hin. Seine Erklärung klingt schlüssig: Häufiger, intensiver und emotionaler als früher berichteten Fernsehen und Zeitungen heute über Täter und Opfer. Die zunehmend thematisierte Jugendgewalt, ihre Dramatisierung in den Medien, hat großen Einfluss auf die Vorstellungen und Meinungen der Menschen. Wen wundert es, dass mancher nach der strengen Hand des Gesetzes verlangt, um die "kriminellen Auswüchse" endlich in den Griff zu bekommen?
Moralisch aufgeladene Debatte
Schlüssige Rezepte indes fehlen. Statt sich mit den Ursachen der Gewalt zu befassen, wird über die Verschärfung des Jugendstrafrechts diskutiert. Die hoch emotional geführte und moralisch aufgeladene Debatte lebt vor allem in Wahlkampfzeiten deutlich auf. Der Vorsitzende des Deutschen Richterbundes, Christoph Frank, jedoch warnt: "Die Formel härtere Strafen gleich höhere Abschreckung gleich weniger Straftaten ist schlicht falsch. " Kein jugendlicher Straftäter kommt zur Besinnung, weil ihm statt drei zukünftig fünf Jahre Haft drohen.
12.000 neue Haftplätze
Doch scheint es leichter, das wachsende Straf- und Rachebedürfnis eines Teils der Bevölkerung zu bedienen, als das Problem bei der Wurzel zu packen. Und weil die deutschen Gefängnisse überquellen, entstehen derzeit bundesweit 12.000 neue Haftplätze - Investitionen in Milliardenhöhe. Könnte dieses Geld nicht sinnvoller eingesetzt werden?...
Seite
1
| 2
Dieser Artikel gehört zum Thema
| Jugendkriminalität | ![]() |
Infobox
London - im Bann der Gewalt
Einst "Hauptstadt des Verbrechens", ist London heute die Hauptstadt der Videoüberwachung. Schätzungsweise 600.000 der insgesamt 4,5 Millionen britischen Überwachungskameras beobachten das Geschehen auf den Straßen der Metropole. Sie gelten als unentbehrliche Helfer bei der Verbrechensbekämpfung - im Kampf gegen die allgegenwärtige Gewalt vor allem unter Jugendlichen haben sie sich bisher jedoch nicht bewährt. Trotz der stetigen Ausweitung des Überwachungsnetzes steigt die Zahl brutaler Übergriffe deutlich.
Die Zunahme einer "Schusswaffen- und Messerkultur" speziell unter männlichen Teenagern steht schon länger im Fokus der britischen Öffentlichkeit. Etwa ein Drittel aller Attacken mit tödlichem Ausgang wird mit Messern verübt. Rund 1.600 solcher Angriffe zählte die Londoner Polizei allein 2008; 22 Jugendliche kamen dabei ums Leben. Zum Handeln gezwungen, durchsuchten Polizisten knapp 75.000 Teenager nach Messern, über 10.000 wurden verhaftet, ihre Waffen, unter anderem Macheten und Metzgermesser, konfisziert. Weil sie sich jedoch nicht ständig um das Einsammeln von Waffen kümmern kann, setzt Londons Polizei verstärkt auf die elektronische Beobachtung.
Nur haben diese Bemühungen kaum Auswirkungen auf jene Gewaltverbrechen, die vor allem von Gangs in der britischen Hauptstadt verübt werden. Londons Stadtviertel, geprägt vom Nebeneinander verschiedener ethnischer Gruppen, durchziehen unsichtbare, aber nicht zu unterschätzende Grenzen, die gegen Eindringlinge verteidigt werden. Rivalisierende Jugendbanden bekämpfen sich brutal und rücksichtslos; auch immer mehr Außenstehende werden Opfer der teils kriegsähnlichen Zustände. Überwachungskameras halten Kinder, die in solchen Verhältnissen aufwachsen, wohl kaum davon ab, sich zu bewaffnen.
Die Zunahme einer "Schusswaffen- und Messerkultur" speziell unter männlichen Teenagern steht schon länger im Fokus der britischen Öffentlichkeit. Etwa ein Drittel aller Attacken mit tödlichem Ausgang wird mit Messern verübt. Rund 1.600 solcher Angriffe zählte die Londoner Polizei allein 2008; 22 Jugendliche kamen dabei ums Leben. Zum Handeln gezwungen, durchsuchten Polizisten knapp 75.000 Teenager nach Messern, über 10.000 wurden verhaftet, ihre Waffen, unter anderem Macheten und Metzgermesser, konfisziert. Weil sie sich jedoch nicht ständig um das Einsammeln von Waffen kümmern kann, setzt Londons Polizei verstärkt auf die elektronische Beobachtung.
Nur haben diese Bemühungen kaum Auswirkungen auf jene Gewaltverbrechen, die vor allem von Gangs in der britischen Hauptstadt verübt werden. Londons Stadtviertel, geprägt vom Nebeneinander verschiedener ethnischer Gruppen, durchziehen unsichtbare, aber nicht zu unterschätzende Grenzen, die gegen Eindringlinge verteidigt werden. Rivalisierende Jugendbanden bekämpfen sich brutal und rücksichtslos; auch immer mehr Außenstehende werden Opfer der teils kriegsähnlichen Zustände. Überwachungskameras halten Kinder, die in solchen Verhältnissen aufwachsen, wohl kaum davon ab, sich zu bewaffnen.



