Kleine Erwachsene
Heute schon ist das Bild vom Kind deutlich anders als etwa während der 1950er Jahre: Kinder ähneln Erwachsenen in Sprache, Benehmen und Kleidung. Wird Kindheit, der geschützte Raum, zum Privileg?Kindheit ist - wie es scheint - eine selbstverständliche Sache: biologisch festgelegt, als Zeitraum von der Geburt bis zur Pubertät. Kinder haben ihr eigenes, spezifisches Verhalten. Kleidung, Sprache, ein beschränkter Zugang zu den Geheimnissen der Erwachsenen drücken das aus.
Vor allem: Kinder genießen besonderen Schutz und sind vom Erwerbszwang befreit. Komplett naturgegeben? Tatsächlich weisen Untersuchungen von Sozialwissenschaftlern den historischen Charakter unserer Kindheitsauffassung nach: Was wir über Kinder denken, wie wir sie wahrnehmen und behandeln, ist vor gar nicht so langer Zeit entstanden. Und, so die Meinung mancher Experten, es ist heute im Verschwinden begriffen.
Alle "wissen" alles
Die Tragweite solcher Theorie lässt sich kaum überschätzen. Verschwände die Kindheit wie wir sie kennen, dann verschwände ja auch das Erwachsensein: Kindliche "Erwachsene", "erwachsene" Kinder - ist das der Trend der Gegenwart? Kinderwünsche (die sich von den Wünschen Erwachsener unterscheiden), wird es sie im Zeitalter der elektronischen Medien, im Zeitalter der Werbung und der allgemein (auch für Kinder) zugänglichen Informationen bald nicht mehr geben?
1968: Zwölf Jahre jung ist dieser Kämpfer der südvietnamesischen Armee: extremes Beispiel für einen kleinen Erwachsenen.
Den Blick auf das Gewordensein - ebenso auf die Vergänglichkeit - unserer Kindheitsauffassung öffnete der französische Historiker Philippe Ariés mit seinem 1960 erschienenen Buch Geschichte der Kindheit. Im Grunde, stellte Ariés fest, sei Kindheit ein Phänomen der bürgerlichen Epoche, weniger als zweieinhalb Jahrhunderte alt: Weder Antike noch Mittelalter, noch die Mehrzahl der Menschen bis weit in die Moderne kannten Kinder im heutigen Sinn.
Das Kind im Mittelalter war schlicht ein kleiner Erwachsener, sobald es sich selbstständig fortbewegte und sprach. Erst mit dem bürgerlichen Erziehungsbegriff des späten 18. Jahrhunderts, der eine Grenze zwischen Kindsein und Erwachsensein zog, wurde Kindheit geschaffen. Inwiefern?
Gefilterte Grausamkeit
Eingebettet in die Erwachsenenwelt, ging es um das Herausbilden einer "Kinderwelt", einer Schutzzone, in der Erziehung gelingen konnte. Das Spielzeug kam auf, das Kinderspiel, die Kinderkleidung, die (kindgemäße) Schule, das Lesenlernen als entscheidendes Erziehungsmoment. Kindsein bedeutete absichtsvoll reduzierte Vertrautheit mit den harten Umständen der Erwachsenenwirklichkeit. Scham, ebenfalls ein relativ neues Phänomen, verbot es Erwachsenen, sich Kindern gegenüber unverblümt, etwa über Sexuelles, zu äußern. Gewalt und Grausamkeit gelangten (über die Märchen) sorgsam gefiltert und dosiert ins kindliche Weltbild hinein. Der Kontrast zu den Bilderfluten unserer Tage ist offenbar.
Jener schützende Raum, der Erziehung - und damit Kindheit - erst möglich machte, war allerdings beinahe immer eine Ausnahmesituation: Er setzte die bürgerliche Umgebung voraus, die ihn hervorgebracht hatte. Das "erwachsene" Kind des 19. Jahrhunderts, das, arm und ungebildet, ebendieser Schutzzone entbehrte, fand seine klassische Darstellung in Charles Dickens' Romanfigur Oliver Twist (1838). Wie dem Findelkind Oliver erging es Millionen: Kinderarbeit, Straßenalltag, Verbrechen - die "Geheimnisse" der Erwachsenen waren nie durchgängig welche.
Darsteller der australischen Kindershow Hi-5: kindliche Erwachsene, erwachsene Kinder?
Mit dem Problem verblassender Trennlinien zwischen Kinderwelt und Erwachsenenwelt befasste sich in jüngerer Vergangenheit der US-amerikanische Erziehungsforscher Neil Postman. In Das Verschwinden der Kindheit (1982) weist Postman den elektronischen Medien die Verantwortung zu: Vor allem das Fernsehen (heute käme sicher das Internet hinzu) überflute mit der Suggestivkraft seiner Bilder jegliche Barriere.
Fernsehen, so Postman, verwandle Kinder in "Erwachsene" und Erwachsene in Kinder. Kinderwünsche seien Erwachsenwünsche und Erwachsenenwünsche kindlich, da beide von Bildern, von Werbung im weitesten Sinn, bestimmt.
Erwachsen ohne Buch?
Der Text, also das geschriebene Wort - laut Postman das Medium, mit dem Erziehung und Bildung allein möglich seien - verliere seinen gesellschaftlichen Stellenwert. Folglich gehe die Lesefähigkeit, die Fähigkeit zum strukturierten Denken und eigenständigen Urteilen verloren, wie sie für das Erwachsenwerden wesentlich sei. Unser Kindheitsverständnis laufe auf den Status des späten Mittelalters zu, vor der Erfindung des Buchdrucks: Erwachsene und Kinder würden ununterscheidbar; Kindheit verschwinde.
Vielleicht geht Postmans Medienschelte zu weit; vielleicht wird Kindheit einfach wieder das, was sie - auch im westlichen Kulturkreis - nur ausnahmsweise nicht sein musste: ein Privileg. Der Zugriff von Kindern auf elektronische Medien steht heute in engem Zusammenhang mit ihrer Schichtzugehörigkeit: Je geringer der Bildungsgrad der Eltern, um so häufiger besitzen Kinder einen eigenen Fernseher, einen eigenen Personalcomputer, eine eigene Spielkonsole, fanden Sozialforscher heraus (siehe Infobox).
Viele Indizien
Weitere Hinweise passen zum Trend: Kinderarmut nimmt zu, und kriminelles Verhalten erfasst immer jüngere Altersgruppen. Unterricht - ein wichtiger Teil jenes schützenden Raumes, der Kindheit umgibt - gelingt mancherorts bloß noch dort, wo Kinder aus privilegierten Schichten versammelt sind... Viele Indizien sprechen dafür: Die Zeit, in der Kindheit eine selbstverständliche Sache war, könnte vorüber sein.
Michael Schmittbetz (07.03.2008)
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Infobox
Kinderarmut...
ist (wieder) ein Problem, auch in den reichsten Ländern der Erde. Sie ist hier direkte Konsequenz der Umverteilung von Eigentum von unten nach oben. UNICEF-Studien zufolge stieg von 1995 bis 2005 die Anzahl der als arm eingestuften Kinder in 17 und fiel in 7 von 24 OECD-Staaten.
Deutschland verzeichnete einen überdurchschnittlichen Anstieg um 2,7 Prozent. Dabei war gerade in Deutschland die Kinderarmut schon einmal fast besiegt: 1965 war nur jedes 75. Kind auf Sozialhilfe angewiesen. Heute leben 10,2 Prozent der deutschen Kinder in Armut, 14 Prozent beziehen hierzulande Sozialgeld.
Herabgesetzte Bildungschancen gehören zu den wichtigsten Armutsfolgen: Ausgangspunkt sind oft schon bei der Einschulung vorliegende Defizite in Grob- und Feinmotorik und bei den Sprachfähigkeiten. Die mangelnde Sprachfähigkeit mündet später in nur ansatzweise vorhandene Lese- und Schreibfähigkeit ein. Den "Kontakt zur Welt" stellen dann fast ausschließlich elektronische Medien her.
ist (wieder) ein Problem, auch in den reichsten Ländern der Erde. Sie ist hier direkte Konsequenz der Umverteilung von Eigentum von unten nach oben. UNICEF-Studien zufolge stieg von 1995 bis 2005 die Anzahl der als arm eingestuften Kinder in 17 und fiel in 7 von 24 OECD-Staaten.
Deutschland verzeichnete einen überdurchschnittlichen Anstieg um 2,7 Prozent. Dabei war gerade in Deutschland die Kinderarmut schon einmal fast besiegt: 1965 war nur jedes 75. Kind auf Sozialhilfe angewiesen. Heute leben 10,2 Prozent der deutschen Kinder in Armut, 14 Prozent beziehen hierzulande Sozialgeld.
Herabgesetzte Bildungschancen gehören zu den wichtigsten Armutsfolgen: Ausgangspunkt sind oft schon bei der Einschulung vorliegende Defizite in Grob- und Feinmotorik und bei den Sprachfähigkeiten. Die mangelnde Sprachfähigkeit mündet später in nur ansatzweise vorhandene Lese- und Schreibfähigkeit ein. Den "Kontakt zur Welt" stellen dann fast ausschließlich elektronische Medien her.
Infobox
Elektronische Medien im Kinderzimmer
| Bildungsniveau der Eltern | eigener Computer | eigenes TV-Gerät |
| hoch | 32,6% | 16,0% |
| mittel | 38,3% | 43,1% |
| gering | 42,3% | 57,3% |
(aus: Christian Pfeiffer et all., Die PISA-Verlierer - Opfer ihres Medienkonsums, Kriminologisches Institut Niedersachsen, 2007)



