Alle Jahre wieder
Was für Musikbegeisterte große Festivals sind, ist für Krawallmacher der 1. Mai in Berlin-Kreuzberg. Regelmäßig spielt sich dort ein Szenario der Gewalt ab, gegen das es kein Rezept zu geben scheint.Demonstrationen, brennende Barrikaden, Räumpanzer - alljährlich kommt es in Berlin am 1. Mai zu Ausschreitungen. (Foto von 2001, Bild: Eilmeldung, Lizenz: Creative Commons)
Sinnentleertes Ritual
Alljährlich spielt sich in Berlin solch ein Spektakel ab - seit 1987 ist die Hauptstadt am 1. Mai Schauplatz mehr oder minder gewalttätiger Ausschreitungen (siehe Infobox). Der politische Hintergrund, die Selbstbehauptung alternativer Gruppen gegen staatliche Autoritäten, ist seitdem in den Hintergrund getreten. Da wundert es nicht, dass die Öffentlichkeit Mai-Krawalle als sinnentleertes Ritual wahrnimmt, als Plattform für frustrierte, erlebnisorientierte Jugendliche, die sich einmal im Jahr einen richtigen Adrenalin-Kick verpassen wollen. Für Krawallmacher, so ist in einem Internetforum zu lesen, sei der 1. Mai in Berlin das, was für Musikbegeisterte "Rock am Ring" ist.
Feindbild Staat
Vom politischen Anspruch übrig geblieben ist das Feindbild: Die Lust am Krawall richtet sich gegen Vertreter des Staates, nämlich die Polizei. "Allein dass die Bullen hier sind, ist schon 'ne Provokation", zitiert der Spiegel einen Demonstranten von 2009. In einer derart aufgeheizten Situation entfaltet sich Gewalt im Wechselspiel aus Aktion und Reaktion von Demonstrierenden und Polizei - so beschreibt es eine aktuelle Studie des Kriminologen Klaus Hoffmann-Holland. Der Strafrechtler von der Freien Universität Berlin hat darin anhand von Polizeiakten, Interviews und Weblog-Einträgen die Ausschreitungen in Berlin am 1. Mai 2009 analysiert.
Polizisten in Schutzausrüstung und Helm sind regelmäßig bei Großveranstaltungen, wie Demonstrationen, im Einsatz. Manche Teilnehmer sehen darin eine Provokation. (Im Bild: Bereitschaftspolizisten aus Sachsen-Anhalt während einer Übung)
Hoffmann-Hollands Studienteilnehmer berichteten, dass sich die Polizei zunächst defensiv verhalten habe. Beamte ohne Schutzausrüstung, die in der Nähe einer Tankstelle attackiert wurden, hätten sich zurückgezogen. Dieses eigentlich deeskalierende Verhalten habe die Situation paradoxerweise nicht entschärft, vermutet Hoffmann-Holland: Der Rückzug sei für potenzielle Randalierer unerwartet gewesen und könnte sie, nach dem Motto "Jetzt erst recht!", aufgestachelt haben.
Wer randaliert, wer ist unbeteiligt?
Zu schlimmeren Gewaltausbrüchen kam es erwartungsgemäß immer dann, wenn die Polizei offensiv vorging: zum Beispiel wenn Einheiten in die Menge stürmten, um Steinewerfer herauszugreifen und festzunehmen. "Ein Teil der Interviewten tendiert dazu, Aktionen als Defensive unmittelbar gegen polizeiliche Restriktionen zu interpretieren", erläutert Kriminologe Hoffmann-Holland. Zur Eskalation trug zudem die Unübersichtlichkeit vieler Situationen bei: Große Menschenmengen waren in Berlin-Kreuzberg unterwegs, und nicht immer ließ sich klar unterscheiden, wer Randalierer und wer unbeteiligter Zuschauer war...
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Infobox
"Brauch" seit 1987
Zu den ersten Mai-Krawallen in Berlin kam es 1987. Die Stimmung im Bezirk Kreuzberg war an diesem 1. Mai angespannt, denn die Polizei hatte am Morgen das Büro der Boykottinitiative zur Volkszählung aufgebrochen und durchsucht. Zudem waren Polizeikräfte bei einer Maikundgebung der Gewerkschaften gegen den revolutionären Block vorgegangen: Über eintausend Demonstranten, die Probleme wie Spekulantentum, Mietwucher und die Lebensbedingungen von Flüchtlingen thematisierten, verließen daraufhin protestierend die Kundgebung und schlossen sich einem Straßenfest in Kreuzberg an.
Die Straßenschlachten begannen, als Autonome Streifenwagen umwarfen und Bauwagen auf die Straße schleppten. Im Laufe des Abends und der Nacht brannten Barrikaden, Autos und sogar zum Löschen angerückte Feuerwehrfahrzeuge. Zudem plünderten Randalierer kleine Läden und Supermärkte; der U-Bahnhof Görlitzer Bahnhof wurde in Brand gesteckt. Die Polizei musste sich zeitweise aus dem Gebiet zurückziehen, rückte jedoch zu später Stunde mit Wasserwerfern und Räumfahrzeugen gegen die alkoholisierten und ermüdeten Randalierer vor und beendete die Krawalle. Weltweit machten die Vorkommnisse damals Schlagzeilen.
Seit 1988 schließt sich der revolutionäre Block keiner Maikundgebung mehr an, sondern organisiert (fast) jedes Jahr eine eigene Demonstration in Kreuzberg. Die Demos richteten sich unter anderem gegen Nationalismus und Ausländerhass, gegen die Kriege auf dem Balkan und im Irak, gegen Kapitalismus und Gentrifizierung. In den letzten Jahren nahmen bis zu 12.000 Menschen daran teil. Regelmäßig kommt es nach den Demonstrationen zu Auseinandersetzungen von militanten Autonomen und Krawallmachern mit der Polizei, es gibt Verletzte und Festnahmen.
Zu den ersten Mai-Krawallen in Berlin kam es 1987. Die Stimmung im Bezirk Kreuzberg war an diesem 1. Mai angespannt, denn die Polizei hatte am Morgen das Büro der Boykottinitiative zur Volkszählung aufgebrochen und durchsucht. Zudem waren Polizeikräfte bei einer Maikundgebung der Gewerkschaften gegen den revolutionären Block vorgegangen: Über eintausend Demonstranten, die Probleme wie Spekulantentum, Mietwucher und die Lebensbedingungen von Flüchtlingen thematisierten, verließen daraufhin protestierend die Kundgebung und schlossen sich einem Straßenfest in Kreuzberg an.
Die Straßenschlachten begannen, als Autonome Streifenwagen umwarfen und Bauwagen auf die Straße schleppten. Im Laufe des Abends und der Nacht brannten Barrikaden, Autos und sogar zum Löschen angerückte Feuerwehrfahrzeuge. Zudem plünderten Randalierer kleine Läden und Supermärkte; der U-Bahnhof Görlitzer Bahnhof wurde in Brand gesteckt. Die Polizei musste sich zeitweise aus dem Gebiet zurückziehen, rückte jedoch zu später Stunde mit Wasserwerfern und Räumfahrzeugen gegen die alkoholisierten und ermüdeten Randalierer vor und beendete die Krawalle. Weltweit machten die Vorkommnisse damals Schlagzeilen.
Seit 1988 schließt sich der revolutionäre Block keiner Maikundgebung mehr an, sondern organisiert (fast) jedes Jahr eine eigene Demonstration in Kreuzberg. Die Demos richteten sich unter anderem gegen Nationalismus und Ausländerhass, gegen die Kriege auf dem Balkan und im Irak, gegen Kapitalismus und Gentrifizierung. In den letzten Jahren nahmen bis zu 12.000 Menschen daran teil. Regelmäßig kommt es nach den Demonstrationen zu Auseinandersetzungen von militanten Autonomen und Krawallmachern mit der Polizei, es gibt Verletzte und Festnahmen.



