LexiTV: Welche Bedeutung haben Individualität und Persönlichkeit der Models?
Dr. Alina Wilms: Das ist paradox: Einerseits sollen die jungen Frauen so unspektakulär sein, dass andere sich selbst in ihnen wiedererkennen. Nach dem Motto: "Das ist nicht irgendeine andere, die ihre Haare im Wind wehen lässt, sondern das könnte ich sein!" Bei einem zu starken Typ klappt das nicht. Bei den Models, die wirklich berühmt geworden sind, war es aber schon so, dass sie starke Typen waren, sich von anderen abgesetzt haben. Insofern ist paradoxerweise beides gefragt.
LexiTV: Allzu weibliche Rundungen sind in der Regel ein Ausschlusskriterium?
Dr. Alina Wilms: Superdünne signalisieren: Ich habe meinen Körper unter Kontrolle. Was ja als etwas Positives wahrgenommen wird. Die Mädchen knechten sich und ihren Körper, und durchlaufen dafür jeden Tag einen Konditionierungsprozess.
LexiTV: Models werden konditioniert?
Dr. Alina Wilms: Ja. Sie haben täglich Vorsprechen oder Castings. Jedes Mal geht es um die Figur, und darum, besonders schlank zu sein, damit die Kleider möglichst locker fallen, obwohl die schon so eng sind, dass man kaum reinpasst. Darauf wird ihr Marktwert reduziert. Irgendwann haben die Mädchen ein Interesse daran, ihren Körper komplett zu kontrollieren. Gelingt es ihnen, werden sie belohnt, zum Beispiel mit Jobs oder Anerkennung. Misslingt es, werden sie ohne Auftrag retour zu ihrer Agentur geschickt. Das ist eine Form der Konditionierung.
LexiTV: Erfolgreiche Models signalisieren also, dass sie bereit sind, den Ansprüchen, die an sie gestellt werden, zu entsprechen...
Dr. Alina Wilms: Genau. Das ist natürlich auch ein Aufgeben von eigenen Wünschen, von eigenen Bedürfnissen und von Identität. Models, die so dünn sind, dass sie im Grunde nur noch austauschbare Silhouetten sind, mit denen kann die Branche machen, was sie will. Der superschlanke Körper gelingt einigen aber nicht. Sie entwickeln Essstörungen, was sich negativ auf die Schönheit auswirken kann, zum Beispiel durch brüchige Haare, rissige Haut oder Zahnverfall. Passen sie sich komplett an und geben ihren Willen auf, können sie sich weniger vehement gegen sexuelle Avancen oder Drogenangebote abgrenzen.
LexiTV: Der Modedesigner Karl Lagerfeld hat schlanke Models verteidigt und erklärt, die Welt der Mode hätte mit "Träumen und Illusionen" zu tun. Normales wolle man dort nicht sehen, sondern das Extreme. Wie beurteilen Sie das?
Dr. Alina Wilms: Zunächst einmal ist Karl Lagerfeld selber extrem und hat auch nur mit extremen Leuten zu tun. Aber wenn man das aus psychologisch-marktwirtschaftlicher Sicht betrachtet, soll natürlich die Kleidung verkauft werden und, zumindest in abgewandelter Form, in den normalen Läden hängen.
LexiTV: Viele Models tragen Größe 0. In Deutschland entspricht das der Konfektionsgröße 32. Das ist doch keine Normalität!
Dr. Alina Wilms: Genau! Deshalb ist es nicht sinnvoll, derartige Träume aufrecht zu erhalten. Sie lösen eher Frustration aus.
LexiTV: Warum wird Mode dann überhaupt erst an so dünnen Models gezeigt?
Dr. Alina Wilms: Extrem dünne Models sind das Markenzeichen der Haute Couture. Außerdem möchte die Branche ja, dass es immer wieder Kritik gibt. Mit jeder kontroversen Botschaft zieht sie mehr Aufmerksamkeit auf sich.
LexiTV: Models präsentieren sich nicht nur auf dem Laufsteg, sondern auch auf Fotos. Wie authentisch sind diese Bilder?
Dr. Alina Wilms: Meist sind diese Fotos im Detail stark bearbeitet, und das auch bei vielen Models, die bekannt und berühmt sind. Ohne ihr Make-up und ohne jede Menge Photoshop würden sie gar nicht als Models wahrgenommen werden.
LexiTV: Was lösen solche bearbeiteten Fotos beim Betrachter aus?
Dr. Alina Wilms: Solche Bilder suggerieren, dass es perfekte Frauen gibt. Auch wenn das de facto nicht so ist. Vor allem junge Mädchen zweifeln dann an sich selbst und fragen sich, warum sie nicht perfekt sind. Sie gehen davon aus, dass es diese Supermodels gibt und die wirklich, wenn sie am Morgen aufwachen, so wie auf den Hochglanzfotos aussehen.
LexiTV: Eine deutsche Frauenzeitschrift verbannte 2009 professionelle Models von ihren Seiten. Jetzt werden nur noch "normale" Frauen abgebildet...
Dr. Alina Wilms: Bei diesem Medium geht es darum: Ich bin deine Zeitschrift, ich bin deine Freundin. Deshalb muss da jemand sein, mit dem man sich identifizieren kann, jemand "von nebenan". Effekt: Die Leserin bekommt das Gefühl, auch sie könnte das sein. Bei Größe 0 geht das natürlich nicht.
LexiTV: Ist das ein Trend in die richtige Richtung?
Dr. Alina Wilms: Es ist ein anderes Marktprinzip, das Prinzip der Identifikation mit den Models. Das andere Marketingprinzip ist das des Extremen, Unerreichbaren. Letztlich interessiert die Leute immer das Extreme. Wenn jeder Model sein könnte, bei den richtig großen Fashionshows in Paris, würde auch die Aufmerksamkeit schwinden. Die Illusion des Besonderen, die gilt es für die extreme Spitze der Branche zu bewahren.
LexiTV: Frau Dr. Wilms, danke für dieses Gespräch.
Das Interview führte Kathrin Schwarick (12.02.2010)
Dr. Alina Wilms: Das ist paradox: Einerseits sollen die jungen Frauen so unspektakulär sein, dass andere sich selbst in ihnen wiedererkennen. Nach dem Motto: "Das ist nicht irgendeine andere, die ihre Haare im Wind wehen lässt, sondern das könnte ich sein!" Bei einem zu starken Typ klappt das nicht. Bei den Models, die wirklich berühmt geworden sind, war es aber schon so, dass sie starke Typen waren, sich von anderen abgesetzt haben. Insofern ist paradoxerweise beides gefragt.
LexiTV: Allzu weibliche Rundungen sind in der Regel ein Ausschlusskriterium?
Dr. Alina Wilms: Superdünne signalisieren: Ich habe meinen Körper unter Kontrolle. Was ja als etwas Positives wahrgenommen wird. Die Mädchen knechten sich und ihren Körper, und durchlaufen dafür jeden Tag einen Konditionierungsprozess.
LexiTV: Models werden konditioniert?
Dr. Alina Wilms: Ja. Sie haben täglich Vorsprechen oder Castings. Jedes Mal geht es um die Figur, und darum, besonders schlank zu sein, damit die Kleider möglichst locker fallen, obwohl die schon so eng sind, dass man kaum reinpasst. Darauf wird ihr Marktwert reduziert. Irgendwann haben die Mädchen ein Interesse daran, ihren Körper komplett zu kontrollieren. Gelingt es ihnen, werden sie belohnt, zum Beispiel mit Jobs oder Anerkennung. Misslingt es, werden sie ohne Auftrag retour zu ihrer Agentur geschickt. Das ist eine Form der Konditionierung.
LexiTV: Erfolgreiche Models signalisieren also, dass sie bereit sind, den Ansprüchen, die an sie gestellt werden, zu entsprechen...
Dr. Alina Wilms: Genau. Das ist natürlich auch ein Aufgeben von eigenen Wünschen, von eigenen Bedürfnissen und von Identität. Models, die so dünn sind, dass sie im Grunde nur noch austauschbare Silhouetten sind, mit denen kann die Branche machen, was sie will. Der superschlanke Körper gelingt einigen aber nicht. Sie entwickeln Essstörungen, was sich negativ auf die Schönheit auswirken kann, zum Beispiel durch brüchige Haare, rissige Haut oder Zahnverfall. Passen sie sich komplett an und geben ihren Willen auf, können sie sich weniger vehement gegen sexuelle Avancen oder Drogenangebote abgrenzen.
LexiTV: Der Modedesigner Karl Lagerfeld hat schlanke Models verteidigt und erklärt, die Welt der Mode hätte mit "Träumen und Illusionen" zu tun. Normales wolle man dort nicht sehen, sondern das Extreme. Wie beurteilen Sie das?
Dr. Alina Wilms: Zunächst einmal ist Karl Lagerfeld selber extrem und hat auch nur mit extremen Leuten zu tun. Aber wenn man das aus psychologisch-marktwirtschaftlicher Sicht betrachtet, soll natürlich die Kleidung verkauft werden und, zumindest in abgewandelter Form, in den normalen Läden hängen.
LexiTV: Viele Models tragen Größe 0. In Deutschland entspricht das der Konfektionsgröße 32. Das ist doch keine Normalität!
Dr. Alina Wilms: Genau! Deshalb ist es nicht sinnvoll, derartige Träume aufrecht zu erhalten. Sie lösen eher Frustration aus.
LexiTV: Warum wird Mode dann überhaupt erst an so dünnen Models gezeigt?
Dr. Alina Wilms: Extrem dünne Models sind das Markenzeichen der Haute Couture. Außerdem möchte die Branche ja, dass es immer wieder Kritik gibt. Mit jeder kontroversen Botschaft zieht sie mehr Aufmerksamkeit auf sich.
LexiTV: Models präsentieren sich nicht nur auf dem Laufsteg, sondern auch auf Fotos. Wie authentisch sind diese Bilder?
Dr. Alina Wilms: Meist sind diese Fotos im Detail stark bearbeitet, und das auch bei vielen Models, die bekannt und berühmt sind. Ohne ihr Make-up und ohne jede Menge Photoshop würden sie gar nicht als Models wahrgenommen werden.
LexiTV: Was lösen solche bearbeiteten Fotos beim Betrachter aus?
Dr. Alina Wilms: Solche Bilder suggerieren, dass es perfekte Frauen gibt. Auch wenn das de facto nicht so ist. Vor allem junge Mädchen zweifeln dann an sich selbst und fragen sich, warum sie nicht perfekt sind. Sie gehen davon aus, dass es diese Supermodels gibt und die wirklich, wenn sie am Morgen aufwachen, so wie auf den Hochglanzfotos aussehen.
LexiTV: Eine deutsche Frauenzeitschrift verbannte 2009 professionelle Models von ihren Seiten. Jetzt werden nur noch "normale" Frauen abgebildet...
Dr. Alina Wilms: Bei diesem Medium geht es darum: Ich bin deine Zeitschrift, ich bin deine Freundin. Deshalb muss da jemand sein, mit dem man sich identifizieren kann, jemand "von nebenan". Effekt: Die Leserin bekommt das Gefühl, auch sie könnte das sein. Bei Größe 0 geht das natürlich nicht.
LexiTV: Ist das ein Trend in die richtige Richtung?
Dr. Alina Wilms: Es ist ein anderes Marktprinzip, das Prinzip der Identifikation mit den Models. Das andere Marketingprinzip ist das des Extremen, Unerreichbaren. Letztlich interessiert die Leute immer das Extreme. Wenn jeder Model sein könnte, bei den richtig großen Fashionshows in Paris, würde auch die Aufmerksamkeit schwinden. Die Illusion des Besonderen, die gilt es für die extreme Spitze der Branche zu bewahren.
LexiTV: Frau Dr. Wilms, danke für dieses Gespräch.
Das Interview führte Kathrin Schwarick (12.02.2010)
Seite
1
| 2
Dieser Artikel gehört zum Thema
| Models | ![]() |
Infobox
Dünn, dünner, Twiggy
Lesley Hornby, genannt Twiggy, war das Gesicht der 1960er Jahre. Am 19. September 1949 geboren, wuchs Twiggy in London auf. Ihren Namen erhielt sie von Mitschülern, die das große, dürre Mädchen hänselten. Weil ihre Arme und Beine so dünn waren, wurde Lesley von ihren Klassenkameraden "Twigs", Zweiglein, gerufen.
Im Alter von fünfzehn Jahren absolvierte Lesley eine Friseurlehre im Salon ihrer Schwester. Dort fiel sie einem Kollegen auf, der glaubte, sie würde sich als Haarmodel eignen, und sie zu Fotoaufnahmen schickte. Schon bald erschien ihr Gesicht auf dem Cover einer Zeitschrift und begeisterte die Modewelt.
Twiggy wurde zum ersten Supermodel. Anders als Kurvenstars mit Lockenmähne, wie Sophia Loren, hatte Twiggy kaum Busen oder Po. Der Minirock, den sie erst salonfähig machte, stand ihr daher perfekt. Twiggys Maße von 78-55-80 brachten ihr den Spitzname "teuerste Bohnenstange der Welt" ein. Mit ihrer spindeldürren und jugendlichen Figur begründete Twiggy ein neues Schönheitsideal.
Nach nur vier Jahren und im Alter von 19 Jahren stieg Lesley Hornby wieder aus dem Modelgeschäft aus und wurde Sängerin und Schauspielerin. Bis heute hat Twiggy Nachahmer. Sie war Vorreiterin des so genannten Heroin-Chic, wie ihn Kate Moss in den 1990er Jahren bekannt machte.
Lesley Hornby, genannt Twiggy, war das Gesicht der 1960er Jahre. Am 19. September 1949 geboren, wuchs Twiggy in London auf. Ihren Namen erhielt sie von Mitschülern, die das große, dürre Mädchen hänselten. Weil ihre Arme und Beine so dünn waren, wurde Lesley von ihren Klassenkameraden "Twigs", Zweiglein, gerufen.
Im Alter von fünfzehn Jahren absolvierte Lesley eine Friseurlehre im Salon ihrer Schwester. Dort fiel sie einem Kollegen auf, der glaubte, sie würde sich als Haarmodel eignen, und sie zu Fotoaufnahmen schickte. Schon bald erschien ihr Gesicht auf dem Cover einer Zeitschrift und begeisterte die Modewelt.
Twiggy wurde zum ersten Supermodel. Anders als Kurvenstars mit Lockenmähne, wie Sophia Loren, hatte Twiggy kaum Busen oder Po. Der Minirock, den sie erst salonfähig machte, stand ihr daher perfekt. Twiggys Maße von 78-55-80 brachten ihr den Spitzname "teuerste Bohnenstange der Welt" ein. Mit ihrer spindeldürren und jugendlichen Figur begründete Twiggy ein neues Schönheitsideal.
Nach nur vier Jahren und im Alter von 19 Jahren stieg Lesley Hornby wieder aus dem Modelgeschäft aus und wurde Sängerin und Schauspielerin. Bis heute hat Twiggy Nachahmer. Sie war Vorreiterin des so genannten Heroin-Chic, wie ihn Kate Moss in den 1990er Jahren bekannt machte.



