Vom Bauch der Städte
Ein besonderes Volk soll in den U-Bahn-Tunnels New York Citys leben, Wachleute jagen den ewigen Alligator, prunkvolle Paläste faulen vor sich hin: Warum die Sitten im Untergrund anders sind.Im Untergrund droht die Gefahr, lockt das Geheimnis. Unter der Stadt, da ist der Urwald urbaner Zivilisation, Fluchtpunkt und Raum für Randexistenzen, wie für Amateurforscher auf Abenteuertrip. Julia Solis, 1964 in Hamburg geboren, ist so eine Abenteurerin - im Labyrinth unter New York City. Sie kennt das sagenhafte Volk der "Tunnelmenschen", rund fünftausend sollen es noch am Ende der 1990er Jahre gewesen sein.
Solis kennt auch die Topografie der Welt im Verborgenen: verlassene Gewölbe, stillgelegte Gleise, vergessene Waggons. Von leeren U-Bahn-Stationen mit Kronleuchtern und Springbrunnen erzählen längst städtische Legenden - und vom ewigen Alligator, den eine Task Force des Wachschutzes durch modernde Kanäle jagt.
Tote Tunnel
Jede große Stadt hat, wie ein lebender Organismus, ihren Bauch, dieses von oben und außen kaum überschaubare System, das alles am Laufen hält. Immer gibt es in der Geschichte der Metropolen den Punkt, an dem Wachstum nach unten beginnt, oft zeitgleich mit der Phase der Wolkenkratzer. Weil das in die Tiefe Gewachsene schwer kontrollierbar ist, treibt es Wucherungen aus, und fängt an, Reste abzustoßen. Dieter Arnold, ein anderer Höhlenfanatiker der Großstadt, hat für Berlin die Länge der toten Tunnel berechnet: 5,6 Kilometer auf fast achtzig Anlagen verteilt.
Über der Schicht des Abgestorbenen, Abgestoßenen - und in sie verwoben - liegt der alltägliche Untergrund: Milliarden von Menschen bewegen sich dort absolut selbstverständlich. Denn die Stationen der Metros, U-Bahnen, Undergrounds oder Subways sind im Verlauf des letzten Jahrhunderts zu den meistfrequentierten Orten der Erde geworden: Die Moskauer Metro zum Beispiel befördert Jahr für Jahr knapp 2,4 Milliarden Passagiere; allein am Bahnhof Shinjuku in Tokio steigen täglich über drei Millionen ein und aus.
Gefühl der Bedrohung
Doch seltsam: Als ob von der verborgenen, verwilderten Schicht eine merkwürdige Strahlung ausginge, sind die Sitten selbst im alltäglichen Untergrund von denen der Oberwelt verschieden. Härter und rauer scheinen die Gebräuche, schneller fallen die Masken. Vertrauen weicht urzeitlichem Misstrauen gegenüber dem Andersartigen, Fremden. Wenn die Berliner U2 auf der Fahrt von Pankow endlich vor dem Potsdamer Platz wieder zur Hochbahn wird, entspannen sich viele Gesichter.
Der Untergrund verrät viel über die Stadt.
Wäre dem so, dann würde das Erkunden der urbanen Bäuche möglicherweise heilsam sein. Es würde zumindest Aufschlüsse liefern, wie Urbanisierung und Untergrund zusammenhängen, mehr als nur in Hinblick auf Architektur. Hilfreich gewiss, denn die dunkle Seite dieses Wechselspiels mag gut auch den Keim der Zerstörung bergen: Aus dem Bauch kann der Terror kommen, der Anschlag auf die hoch ragende Oberwelt.
Blockierte Pfade
Gibt es Mittel, alle Wege aus der Tiefe zu versperren? Blockiert sind heute, nach den Attentaten vom September 2001, die meisten Schleichpfade in New Yorks modernen Katakomben. Julia Solis und ihre Freunde hüten das Wissen um wenige noch offene Einstiegslöcher wie einen kostbaren Schatz. Die Tunnelmenschen nämlich scheinen weiter dort unten zu leben.
Michael Schmittbetz (aktualisiert 07.02.2012)
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Infobox
U-Bahn-Geschichte
Wie so viele Erfindungen ist auch die U-Bahn aus der Not geboren, einer Not, welche zuerst die Riesenmetropole London ereilte: Verkehrschaos gab es dort schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als woanders noch beschauliche Ruhe herrschte.
Charles Pearson, bekannt als Vater der Londoner U-Bahn, kam deshalb auf die Idee, Verkehr in die dritte Dimension zu verlagern: entweder auf Stelzen hoch oben in der Luft, oder im Dunklen tief unter dem Pflaster. Auch aus ästhetischen Gründen siegte letzteres. Chefingenieur Sir John Fowler ließ also rund 3.500 Arbeiter ganze Straßenzüge niederlegen, um Platz zu schaffen.
Gelegen kam den U-Bahn-Bauern der lehmige Boden unter der britischen Hauptstadt: Während des Ausschachtens blieb die im Boden vorgetriebene Röhre hinreichend lange stabil, um in Ruhe Stützen einziehen zu können.
Zur Eröffnung der ersten Strecke - am 10. Januar 1863 - fuhren freilich nur dampfgetriebene Züge, was Entlüftungsprobleme mit sich brachte. Erst nach 1890, als elektrische Antriebe entwickelt waren, wurde es möglich, Strecken auch tiefer verlaufen zu lassen. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts war London von einem dichten Schienennetz unterquert.
Wie so viele Erfindungen ist auch die U-Bahn aus der Not geboren, einer Not, welche zuerst die Riesenmetropole London ereilte: Verkehrschaos gab es dort schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als woanders noch beschauliche Ruhe herrschte.
Charles Pearson, bekannt als Vater der Londoner U-Bahn, kam deshalb auf die Idee, Verkehr in die dritte Dimension zu verlagern: entweder auf Stelzen hoch oben in der Luft, oder im Dunklen tief unter dem Pflaster. Auch aus ästhetischen Gründen siegte letzteres. Chefingenieur Sir John Fowler ließ also rund 3.500 Arbeiter ganze Straßenzüge niederlegen, um Platz zu schaffen.
Gelegen kam den U-Bahn-Bauern der lehmige Boden unter der britischen Hauptstadt: Während des Ausschachtens blieb die im Boden vorgetriebene Röhre hinreichend lange stabil, um in Ruhe Stützen einziehen zu können.
Zur Eröffnung der ersten Strecke - am 10. Januar 1863 - fuhren freilich nur dampfgetriebene Züge, was Entlüftungsprobleme mit sich brachte. Erst nach 1890, als elektrische Antriebe entwickelt waren, wurde es möglich, Strecken auch tiefer verlaufen zu lassen. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts war London von einem dichten Schienennetz unterquert.




