Klimawandel
Wenn aus fröhlichen, ausgeglichenen Kindern plötzlich launische Rebellen werden, kann das nur eines heißen: die Pubertät ist ausgebrochen. Eltern stehen ab jetzt vor besonderen Herausforderungen.Stürmische Zeiten: Wenn aus Kindern so langsam Erwachsene werden, sind meist Konflikte mit den Eltern programmiert.
Die Zeit der Kindheit ist vorbei
Der Begriff kommt aus dem Lateinischen, heißt so viel wie "Mannbarkeit" und bezeichnet die Zeit der Geschlechtsreife - bei Mädchen zwischen dem 10. und dem 18. Lebensjahr, Jungen "erwischt" es in der Regel zwei Jahre später. Den Startschuss gibt die Hirnanhangdrüse, die dem Körper mittels so genannter Gonadotropine signalisiert, vermehrt Sexualhormone zu produzieren (siehe Infobox). Spätestens mit der ersten Regelblutung beziehungsweise mit dem ersten Samenerguss wird klar: Die Zeit der Kindheit ist vorüber.
Wechselbad der Gefühle
Und die der Idylle: Denn leider macht die Erkenntnis, welches Phänomen die Turbulenzen im Familienleben verursacht, das Ganze für die meisten Eltern nicht wirklich leichter. Der Rückfall ihrer Söhne und Töchter in frühkindliche Trotzphasen stellt Erwachsene vor bislang ungeahnte Probleme. Da mit den körperlichen auch seelische Veränderungen einhergehen, ist die Zeit der Pubertät ein Wechselbad der Gefühle.
Pickel und fettige Haut sind oft Folgen der hormonellen Veränderungen während der Pubertät.
Streitereien, Wutanfälle und Provokationen bestimmen nun häufig den Alltag. Und nicht selten reagieren Eltern verständnislos auf das, in ihren Augen, respektlose Verhalten der Teenager. Gleichzeitig macht es ihnen Angst: Mütter und Väter fragen sich, ob sie in der Erziehung versagt hätten. Derartige Zweifel lassen viele Erwachsene überzogen auf die Grenzüberschreitungen des Nachwuchses reagieren.
Das Gleichgewicht finden
Hier sehen Experten einen der Knackpunkte in der Eltern-Kind-Beziehung während der Pubertät: das Gleichgewicht zu finden zwischen Loslassen und Festhalten, zwischen Vertrauen und Kontrolle, zwischen Freiraum gewähren und Grenzen setzen. Keine einfache Aufgabe, wie der Sozialpädagoge Klaus Fischer weiß: "Die unterschiedlichen, oft unvorhersehbaren Verhaltensweisen ihrer Kinder verlangen [Eltern] immer wieder ab, ihre eigene Einstellung, ihre Haltung den Kindern gegenüber und ihr Verhalten neu zu überprüfen." .
Erste Liebe: Auch sie gehört zur Pubertät - und stellt Eltern auf eine harte Probe.
Von bindenden...
Deutlich macht Fischer das an zwei Verhaltensmustern: Bindende Eltern erhoffen sich eine enge Beziehung, indem sie versuchen, die Distanz zwischen sich und den Kindern aufzuheben, etwa durch betont jugendliche Kleidung oder Gefallen an der gleichen Musik. Oft stoßen eben gerade solche Eltern auf Ablehnung. Nicht selten würden dann Mütter, die eben noch "beste Freundin" ihrer Tochter sein wollten, mit überstarker Kontrolle und permanenter Einmischung reagieren.
... und ausstoßenden Eltern
Anders so genannte ausstoßende Eltern: "Diese Gruppe [...] überlässt die Jugendlichen zu früh sich selbst, lässt sehr viel Eigenständigkeit zu, zeigt sehr wenig Beteiligung am Leben der Jungen und Mädchen." Echte oder vorgetäuschte Gleichgültigkeit überfordere die Kinder: Sie müssten Entscheidungen treffen, zu denen sie manchmal noch gar nicht in der Lage seien, fühlten sich allein gelassen, überflüssig und wertlos. Nicht selten deuteten Teenager zu frühe Selbständigkeit als Desinteresse der Eltern, nach dem Motto: Was ich mache, ist euch doch sowieso egal!
"Falsche" Freunde, Zigaretten, Alkohol: Das Konfliktpotenzial in der Pubertät ist groß. Experten raten zu Gelassenheit.
Es scheint, als könnten Eltern es gar nicht richtig machen, zu viele Stolperfallen lauern auf dem Weg durch die Wirren des Erwachsenwerdens. Patentrezepte gibt es nicht. Dennoch können Familien sich einiges an Ärger und Sorgen ersparen, wenn sich die Eltern klar machen, dass die Pubertät ein unvermeidbarer Entwicklungsschritt ihrer Kinder ist.
Starkes Gegenüber gesucht
Beim Streben nach Unabhängigkeit bleiben Machtkämpfe nicht aus. Und das sei gut so, meint Diplom-Pädagogin Claudia Burkhardt-Mußmann: "Konflikte haben auch eine treibende Kraft, ohne die es gar nicht geht", erklärt die Psychotherapeutin im Interview mit der Frankfurter Rundschau. Oft jedoch verweigerten sich Eltern der Auseinandersetzung, bedauert ihr Kollege Klaus Fischer: Der Provokationen überdrüssig, aus Resignation, Enttäuschung oder Überforderung mieden sie in ihren Augen sinnlose Diskussionen. Die Kinder suchen aber genau das, suchen ein starkes Gegenüber, an dem sie sich "reiben" können.
Vom Thron gestoßen
Auf dem Weg zur Unabhängigkeit werden Pubertierende alles daran setzen, ihre Eltern zu entidealisieren. "Vom Thron gestoßen zu werden" - damit haben viele Erwachsene aber so ihre Probleme. Doch auch wenn es schwer fällt: Kinder brauchen manchmal das Gefühl, "gesiegt" zu haben. Was nicht heißt, jeden Grenzübertritt zu akzeptieren: Klare Regeln sind wichtig, denen der Nachwuchs in gewissen Spielräumen zu folgen hat. Selbst wenn die Situation einmal eskalieren sollte, kennen die Experten nur einen Rat: Nie den Kontakt verlieren. Denn auch widerspenstige Rüpel brauchen gerade jetzt ihre Eltern - sie können es nur nicht zeigen.
Ulrike Wolf (21.07.2010)
Dieser Artikel gehört zum Thema
| Pubertät | ![]() |
Infobox
Körper im Umbau
Der ansteigende Hormonspiegel zu Beginn der Pubertät verursacht zahlreiche - sichtbare wie unsichtbare - körperliche Veränderungen. Bei Jungen wird die Produktion des männlichen Geschlechtshormons Testosteron stark angeregt. Zuerst vergrößern sich Hoden und Hodensack, etwa ein Jahr später auch der Penis. Parallel dazu setzt die Samenproduktion ein. Das zunächst unsichtbare Zeichen der Zeugungsfähigkeit wird mit dem ersten nächtlichen Samenerguss sichtbar. Im Intimbereich und unter den Achseln zeigt sich erste Schambehaarung; im Gesicht beginnen zarte Barthaare zu sprießen.
Während breite Schultern, wachsende Muskeln und eine männlichere Figur angenehme Folgen der Pubertät sind, ärgern sich viele Jungen nun über Pickel, fettige Haut und verstärktes Schwitzen. Unter dem Einfluss der Hormone kommt es auch zum so genannten Stimmbruch: Der Kehlkopf wird größer, die Stimmbänder länger. Das allerdings verwirrt das Gehirn und die Stimme überschlägt sich eine Zeit lang, bevor sie irgendwann ihren tiefen Tonfall erreicht.
Im weiblichen Körper beginnen die Eierstöcke zu wachsen und das Geschlechtshormon Östrogen zu produzieren. Sichtbare Anzeichen dafür sind das Brustwachstum und zunehmende Behaarung unter den Achseln und im Schambereich. Breitere Hüften und eine schmale Taille machen die Figur weiblicher. Ähnlich wie ihre männlichen Altersgenossen kämpfen pubertierende Mädchen mit Pickeln, fettiger Haut und erhöhter Schweißproduktion.
Mit Einsetzen der Eizellreifung in den Eierstöcken bereitet sich der weibliche Körper auf die erste Regelblutung und den Monatszyklus vor. Die Schleimhäute der Gebärmutter sondern zunächst eine Weißfluss genannte durchsichtige Flüssigkeit ab, bevor einige Monate später die Menarche einsetzt. Diese erste Regelblutung zeigt an, dass das Mädchen jetzt über reife Eizellen verfügt, also schwanger werden kann.
Übrigens: Laut einer Studie der Universitätsklinik Kopenhagen treten immer mehr Mädchen in die Pubertät ein, bevor sie das zehnte Lebensjahr erreicht haben. Die genauen Ursachen für diese Entwicklung sind jedoch noch ungeklärt. Die Wissenschaftler vermuten einen Zusammenhang zwischen "besserer", weil proteinreicher Ernährung und dem früheren Pubertätsbeginn im Vergleich zu vergangenen Generationen.
Während breite Schultern, wachsende Muskeln und eine männlichere Figur angenehme Folgen der Pubertät sind, ärgern sich viele Jungen nun über Pickel, fettige Haut und verstärktes Schwitzen. Unter dem Einfluss der Hormone kommt es auch zum so genannten Stimmbruch: Der Kehlkopf wird größer, die Stimmbänder länger. Das allerdings verwirrt das Gehirn und die Stimme überschlägt sich eine Zeit lang, bevor sie irgendwann ihren tiefen Tonfall erreicht.
Im weiblichen Körper beginnen die Eierstöcke zu wachsen und das Geschlechtshormon Östrogen zu produzieren. Sichtbare Anzeichen dafür sind das Brustwachstum und zunehmende Behaarung unter den Achseln und im Schambereich. Breitere Hüften und eine schmale Taille machen die Figur weiblicher. Ähnlich wie ihre männlichen Altersgenossen kämpfen pubertierende Mädchen mit Pickeln, fettiger Haut und erhöhter Schweißproduktion.
Mit Einsetzen der Eizellreifung in den Eierstöcken bereitet sich der weibliche Körper auf die erste Regelblutung und den Monatszyklus vor. Die Schleimhäute der Gebärmutter sondern zunächst eine Weißfluss genannte durchsichtige Flüssigkeit ab, bevor einige Monate später die Menarche einsetzt. Diese erste Regelblutung zeigt an, dass das Mädchen jetzt über reife Eizellen verfügt, also schwanger werden kann.
Übrigens: Laut einer Studie der Universitätsklinik Kopenhagen treten immer mehr Mädchen in die Pubertät ein, bevor sie das zehnte Lebensjahr erreicht haben. Die genauen Ursachen für diese Entwicklung sind jedoch noch ungeklärt. Die Wissenschaftler vermuten einen Zusammenhang zwischen "besserer", weil proteinreicher Ernährung und dem früheren Pubertätsbeginn im Vergleich zu vergangenen Generationen.
Infobox
Baustelle Gehirn
Ging man früher davon aus, dass das menschliche Gehirn bereits vor der Pubertät vollständig entwickelt ist, zeigten neuere Untersuchungs- und Forschungsmethoden, dass die Pubertät unsere Schaltzentrale noch einmal mächtig verändert. Seit Anfang der 1990er Jahre untersuchen Wissenschaftler des National Institute of Mental Health (NIMH) in regelmäßigen Abständen die Hirnscans von Teenagern, die ihnen ein Magnetresonanztomograf (MRT) liefert - und machten erstaunliche Entdeckungen:
Vor allem die graue, mit kognitiven Aufgaben betraute Hirnsubstanz erlebt zu Beginn der Pubertät einen Wachstumsschub, Nervenzellen verzweigen sich und bilden neue Kontaktstellen. Zugleich werden Nervenverbindungen, die überflüssig sind, aufgelöst. Diese "Aufräumaktion" hat Folgen: Die Wachstumsprozesse im Gehirn erreichen nicht alle Regionen gleichzeitig, die Umbauarbeiten dauern unterschiedlich lang. Während etwa die Bereiche, die für Sprache und räumliches Denken zuständig sind, bereits renoviert wurden, bildet sich das Präfrontalhirn, welches für rationales Denken und vorausschauendes, überlegtes Planen verantwortlich ist, zuletzt aus.
Die US-amerikanischen Forscher glauben, in den unterschiedlichen Entwicklungsphasen eine Erklärung für pubertäre Widersprüchlichkeiten und Schwierigkeiten gefunden zu haben: Die Bauarbeiten im Vorderhirn - die übrigens bis ins dritte Lebensjahrzehnt andauern können - machen die Jugendlichen unberechenbar; sie können weder Entscheidungen treffen noch ihre Emotionen kontrollieren. Und das zu einer Zeit, in der jene Bereiche im Gehirn, die für all die vielschichtigen Gefühle, aber auch für Neugier und Nervenkitzel zuständig sind, ihre Tätigkeit längst aufgenommen haben.
Parallel dazu schränken die Umbauten die Fähigkeit der Jugendlichen ein, Emotionen anderer richtig einzuschätzen. Das ergab ein Experiment von Hirnforschern der San Diego State University: Sie legten ihren 10- bis 22jährigen Probanden Porträtfotos vor. Bei der Deutung der den Emotionen zugrunde liegenden Situationen lagen die meisten Teenager falsch. Die Wissenschaftler schlossen daraus, dass Pubertierende nicht in der Lage seien, über die Konsequenzen ihres Tuns nachzudenken, und deshalb impulsiver handelten.
Vor allem die graue, mit kognitiven Aufgaben betraute Hirnsubstanz erlebt zu Beginn der Pubertät einen Wachstumsschub, Nervenzellen verzweigen sich und bilden neue Kontaktstellen. Zugleich werden Nervenverbindungen, die überflüssig sind, aufgelöst. Diese "Aufräumaktion" hat Folgen: Die Wachstumsprozesse im Gehirn erreichen nicht alle Regionen gleichzeitig, die Umbauarbeiten dauern unterschiedlich lang. Während etwa die Bereiche, die für Sprache und räumliches Denken zuständig sind, bereits renoviert wurden, bildet sich das Präfrontalhirn, welches für rationales Denken und vorausschauendes, überlegtes Planen verantwortlich ist, zuletzt aus.
Die US-amerikanischen Forscher glauben, in den unterschiedlichen Entwicklungsphasen eine Erklärung für pubertäre Widersprüchlichkeiten und Schwierigkeiten gefunden zu haben: Die Bauarbeiten im Vorderhirn - die übrigens bis ins dritte Lebensjahrzehnt andauern können - machen die Jugendlichen unberechenbar; sie können weder Entscheidungen treffen noch ihre Emotionen kontrollieren. Und das zu einer Zeit, in der jene Bereiche im Gehirn, die für all die vielschichtigen Gefühle, aber auch für Neugier und Nervenkitzel zuständig sind, ihre Tätigkeit längst aufgenommen haben.
Parallel dazu schränken die Umbauten die Fähigkeit der Jugendlichen ein, Emotionen anderer richtig einzuschätzen. Das ergab ein Experiment von Hirnforschern der San Diego State University: Sie legten ihren 10- bis 22jährigen Probanden Porträtfotos vor. Bei der Deutung der den Emotionen zugrunde liegenden Situationen lagen die meisten Teenager falsch. Die Wissenschaftler schlossen daraus, dass Pubertierende nicht in der Lage seien, über die Konsequenzen ihres Tuns nachzudenken, und deshalb impulsiver handelten.



