"Fackeln der Freiheit"
Die Liste der Süchte in unserer Gesellschaft ist lang: Alkoholmissbrauch, Fettsucht, Spielsucht - und eben Rauchen. Wie mit allen Süchten sind auch mit dem Rauchen bestimmte Vorstellungen und Selbstbilder verbunden.Rauchen tötet! Das hörte sich mal anders an. Noch nicht lange ist es her, dass keineswegs Selbstmörder rauchten und Asoziale, sondern die Schönen, Starken und Guten, die mit dem Sexappeal. Ersten Aufschluss gibt der Blick ins Archiv von Hollywood: Humphrey Bogart - im Film und im Leben ein Kettenraucher; Marlene Dietrich, Bette Davis, Gloria Swanson - die Diven sind undenkbar ohne den blauen Dunst.
"Rauchen macht schlank!"
Bleiben wir in der verqualmten Luft der 1930er und 1940er Jahre. Da fällt uns eine Ausgabe des Time Magazine in die Hände. Auf Seite drei erklärt der redaktionseigene Doktor, dass Zigaretten gesundheitsfördernd seien: "Rauchen macht schlank!" Der Experte meinte das ernst.
Gab es damals keinen Lungenkrebs, keinen Raucherhusten? Roch Tabakqualm besser als heute? Die Antwort ist schlicht: Der Mensch glaubt, was man ihm sagt, sagt man es ihm nur mit Nachdruck und Geschick. "Wir werden von Personen regiert, deren Namen wir noch nie gehört haben. Sie beeinflussen unsere Meinungen, unseren Geschmack, unsere Gedanken."
Dies schrieb - im noch nicht ganz so rauchigen Jahr 1928 - ein Mann, der selbst zu jenem unbekannten, aber mächtigen Personenkreis gehörte: kein Verschwörungstheoretiker, ein Macher. Sein Name ist Edward Bernays. Er lebte bis 1995, in New York, und er war der Mann, der die Frauen zum Rauchen brachte. Wie, dazu gleich mehr.
Dynamik der Massen
Bernays - Neffe von Sigmund Freud, Inspirator des Nazi-Propagandaministers Goebbels, Ideengeber aller PR-Strategen dieser Welt - ist immer noch so gut wie nur Eingeweihten bekannt. Das hat er nicht verdient.
Er hat es verdient, gelesen zu werden: "Tatsache ist, dass wir in fast allen Aspekten des täglichen Lebens, ob in Wirtschaft oder Politik, unserem Sozialverhalten oder unseren ethischen Haltungen von einer relativ kleinen Gruppe von Menschen abhängig sind, die die mentalen Abläufe und gesellschaftlichen Dynamiken von Massen verstehen. Sie steuern die öffentliche Meinung und finden neue Wege, um die Welt zusammenzuhalten und zu führen."
Die weibliche Hälfte des Marktes
Bernays' geniale Idee ist das Nutzbarmachen des Unbewussten - jenes geheimnisvollen Gebildes, dem Bernays' Onkel Sigmund Freud, der Wiener Psychoanalytiker, gerade auf die Schliche gekommen war - für die Zwecke der Public Relations. Bei Managern diverser Konzerne genießt Bernays bald den besten Ruf: auch bei George Hill, Präsident der American Tobacco Corporation (Lucky Strike).
Hill hat ein Problem: Bisher rauchen fast nur Männer. Hill sieht nicht ein, wieso er auf die weibliche Hälfte des lukrativen Marktes verzichten soll.
Der Zigaretten-Manager konsultiert also Bernays. Dem ist der Auftrag erst mal eine tiefenpsychologische Studie wert: Zigaretten, so das Resultat, seien für Frauen ein Symbol männlicher Potenz, Penissymbol mit anderen Worten. Gelänge es, das Konsumprodukt Zigarette mit der Kritik an männlicher Allmacht zu verbinden...
Das Konzept geht auf
Bernays inszeniert einen sorgsam durchdachten Coup: Am Ostermontag 1929 marschiert eine Gruppe wohlhabender junger Frauen in der alljährlichen Parade entlang der New Yorker Fifth Avenue. Auf ein Signal holt der Trupp Zigaretten unter den Röcken hervor - und sieht sich prompt von neugierigen Fotografen umringt.
Den passenden Slogan - "Fackeln der Freiheit" - hat Bernays der Presse vorab nahegelegt. Stark, unabhängig, die intelligente, selbstbewusste Frau - das Konzept des großen Strategen geht auf. Die Umsätze der Zigarettenhersteller schießen in die Höhe...
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Infobox
"Rache des Indianers"
Deutschland gehörte zu den letzten europäischen Staaten, in denen die Anti-Tabak-Regelungen der EU umgesetzt wurden. Hat das vielleicht was mit Hypotheken aus der eigenen, traurigen Vergangenheit zu tun?
Fakt ist: Deutsche Forscher legten als Erste dar, dass Lungenkrebs epidemische Ausmaße angenommen hat - und zwar schon auf dem Berliner Pathologenkongress 1923. Sie wiesen darüber hinaus erstmals Zusammenhänge zum Rauchen nach. Einige der wichtigsten Forschungsarbeiten zum Thema fallen in die Zeit des Nationalsozialismus.
Das ist kein Wunder, war doch Hitler selbst ein militanter Anti-Raucher, der das Rauchen in seiner Umgebung verbot und persönlich ein Institut zur Erforschung der Tabakgefahren an der Universität Jena ins Leben rief.
Wie in den Tischgesprächen überliefert, betrachtete der "Führer" Tabak als "Rache des Indianers", da der weiße Mann ihm den Schnaps geliefert und ihn dadurch zugrunde gerichtet hätte. Rauchen, sprich: Tabak, galt als gefährliches "Rassengift".
Per behördlicher Anweisung verhängte man Rauchverbote in öffentlichen Verkehrsmitteln und Gebäuden. Umgekehrt empfand so mancher das Rauchen - mit seinen aus den USA übernommenen Werten Freiheit und Individualität - als Zeichen des Widerstands gegen den kontrollwütigen Nazistaat.
Deutschland gehörte zu den letzten europäischen Staaten, in denen die Anti-Tabak-Regelungen der EU umgesetzt wurden. Hat das vielleicht was mit Hypotheken aus der eigenen, traurigen Vergangenheit zu tun?
Fakt ist: Deutsche Forscher legten als Erste dar, dass Lungenkrebs epidemische Ausmaße angenommen hat - und zwar schon auf dem Berliner Pathologenkongress 1923. Sie wiesen darüber hinaus erstmals Zusammenhänge zum Rauchen nach. Einige der wichtigsten Forschungsarbeiten zum Thema fallen in die Zeit des Nationalsozialismus.
Das ist kein Wunder, war doch Hitler selbst ein militanter Anti-Raucher, der das Rauchen in seiner Umgebung verbot und persönlich ein Institut zur Erforschung der Tabakgefahren an der Universität Jena ins Leben rief.
Wie in den Tischgesprächen überliefert, betrachtete der "Führer" Tabak als "Rache des Indianers", da der weiße Mann ihm den Schnaps geliefert und ihn dadurch zugrunde gerichtet hätte. Rauchen, sprich: Tabak, galt als gefährliches "Rassengift".
Per behördlicher Anweisung verhängte man Rauchverbote in öffentlichen Verkehrsmitteln und Gebäuden. Umgekehrt empfand so mancher das Rauchen - mit seinen aus den USA übernommenen Werten Freiheit und Individualität - als Zeichen des Widerstands gegen den kontrollwütigen Nazistaat.




