Problem Altern?
Altwerden gehört zum Leben dazu - ein ganz natürlicher, biologischer Prozess. Vielen graut es jedoch davor, sie erwarten ihren Lebensabend nicht entspannt und gelassen, sondern mit Angst.Jugend und Alter sind unterschiedliche Lebensphasen. Was jedoch nicht heißen soll, dass die eine besser wäre als die andere.
Schlechteres Leben?
Mit dem Begriff des Alterns werden im Allgemeinen Veränderungsprozesse des Körpers beschrieben, die ab dem Erwachsenenalter auftreten. Darum muss sich aber nicht zwingend das Leben des einzelnen Menschen verschlechtern: Graue Haare wirken sich nicht nachteilig auf den Organismus aus.
Gesellschaftliche Krisen
Das Wissenschaftsgebiet der Gerontologie erforscht neben dem Kindes- und Jugendalter verstärkt das mittlere und höhere Erwachsenenalter. Denn: die Lebenserwartung steigt. Wie geht man mit diesem immer länger werdenden Lebensabschnitt um, der auf Kindheit, Jugend, Kindererziehung und Erwerbstätigkeit folgt? Gerontologen wollen die Voraussetzungen für eine optimale lebenslange Entwicklung und die Bedingungen für ein gesundes, zufriedenes Alter erforschen. Dabei stoßen sie zwangsläufig an Vorurteile, die sich um das Altern gebildet haben. Da ist von gesellschaftlichen Krisen die Rede, weil die Alten von sozialen Sicherungssystemen abhängig seien, welche die zahlenmäßig immer schwächer werdenden jüngeren Generationen für sie finanzieren müssen.
Hoch hinaus mit 85
Der Vorsitzende des Amerikanischen Rats für Auswärtige Beziehungen, Peter Peterson, prophezeit sogar den Untergang der Demokratie, weil das "globale Altern" eine Weltwirtschaftskrise hervorrufen könne. Dabei sind heute viele ältere Menschen gesünder als die Senioren vor ihnen. Und gehören noch lange nicht zum alten Eisen: Der 85-jährige amerikanische Stabhochspringer Carol Johnston, Weltrekordhalter seines Jahrganges, straft all jene Lügen, die Alter mit Gebrechlichkeit gleichsetzen.
Es muss nicht gleich Leistungssport sein, doch haben viele Tests bewiesen, dass spezielle Muskelaufbautrainings im hohen Alter Stürze und damit verbundene kostenintensive Operationen und Nachbehandlungen verhindern können. Die Sport treibenden Alten treten einfach sicherer auf.
Selbstständig und leistungsfähig
Das Paket für langes Leben bei guter Gesundheit und klarem Geist haben Alternsforscher aus allen bisherigen Erkenntnissen geschnürt: Um so angenehm wie möglich zu altern und dabei selbstständig und leistungsfähig zu bleiben, braucht es die richtige Dosis Sport, Gehirntraining, Entspannungstechniken, gesunde, vitalstoffreiche Ernährung und regelmäßige Untersuchungen beim Arzt.
Lebenslanges Lernen - kein Problem für das Gehirn. Schon gar nicht, wenn Junge und Alte sich gegenseitig helfen, wie hier im Leipziger Modellprojekt Senioren ans Netz.
Allerdings, auch das Schicksal spielt mit: Um hundert Jahre alt zu werden, was immerhin sechs Prozent der Bundesbürger wollen, "braucht es bestimmte krankheitsresistente Gene", so Thomas Perls, Alternsforscher der Harvard Medical School. Diese drei bis acht Gene, die langlebige Vorfahren weiter vererben, verlängern das Leben, indem sie unter anderem die Entstehung solcher Stoffe anregen, die so genannte freie Radikale zerstören. Freie Radikale - aggressive Sauerstoffverbindungen - entstehen bei der Umwandlung von Nahrung in Energie. Sie schädigen die Zelle an ihrer empfindlichsten Stelle, der DNA, denn die körpereigenen Schutzsysteme funktionieren nicht immer einwandfrei.
Fehlerhafter Kopiervorgang
Außerdem haben Wissenschaftler herausgefunden, dass Zellen eine strukturell begrenzte Lebensdauer haben: In den Zellen befinden sich Telomere, die sich bei jeder Zellteilung verkürzen. Wenn die Telomere aufgebraucht sind, beginnt die Zelle abzusterben. Die Länge des jeweiligen Telomers gibt so die Lebensdauer der Zelle vor. Ein wenig lässt sich das Altern also mit einem fehlerhaften Kopiervorgang vergleichen, wobei die Zahl möglicher Kopien auch noch begrenzt ist.
Kulturelles Problem
Wie auch immer: Altern ist ein Naturgesetz. Ob die lange Lebensphase des Alters aber mit Angst erwartet oder mit Gelassenheit angenommen wird, hat viel mit gesellschaftlichen Bedingungen zu tun. Das "Problem" Altern liegt nicht in den natürlichen Abläufen. Es ist ein Problem unserer auf Leistung und optimale Einordnung in den Kapitalverwertungsprozess fixierten Kultur.
Christiane Nienhold (04.04.2002)
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