Die Ruhelosen
Mit einem lachenden und einem weinenden Auge sehen die meisten dem Ruhestand entgegen. Zwar bleibt endlich Zeit für Hobbys und Interessen; andererseits droht das Gefühl, unproduktiv und unterfordert zu sein.Ruhestand heißt nicht, zum alten Eisen zu gehören: Auch nach dem Berufsleben wollen viele Menschen ihre Erfahrungen und Fähigkeiten einbringen.
Auch wenn Heinrich Lohse, die Hauptfigur im Film Pappa ante portas des Humoristen Loriot, eine Fiktion ist - seine Situation ist real. Nach Jahrzehnten im Beruf fällt es vielen Menschen schwer, zur Ruhe zu kommen. Wer Verantwortung getragen hat, fürchtet das Gefühl, nicht mehr gebraucht und geachtet zu werden. Zudem verschwinden mit dem Renteneintritt ja nicht die gewonnenen Erfahrungen und Fähigkeiten. Viele Ruheständler haben das Bedürfnis, sich einzubringen und ihre Zeit gut zu nutzen.
18 gesunde Jahre
Die Voraussetzungen dafür sind gegeben: Wer heute in Rente geht, hat statistisch gesehen noch 18 gesunde Jahre vor sich - zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts waren es lediglich acht Jahre. Auch sind die Rentner von heute tendenziell gesünder, höher gebildet und stehen materiell besser da als die Generation vor ihnen. Die "dritte Lebensphase" wird längst nicht mehr bestimmt von Krankheit, Gebrechlichkeit und Abschied. Als eigenständiger, aktiv gestaltbarer, ja sogar produktiver Lebensabschnitt gilt der Ruhestand heute.
Wohin soll die Reise gehen? Viele nutzen die Rente, um sich Träume zu erfüllen - zum Beispiel einen Trip um den Globus.
Potenziale nutzen!
Die Kräfte, die noch in den "Alten" stecken, bleiben Politik und Gesellschaft nicht verborgen - und wecken Begehrlichkeiten. Immer häufiger hört man Stimmen, die die "Wiederverpflichtung Älterer" und die "gesellschaftliche Nutzung ihrer Potenziale" fordern. Das Heraufsetzen des Rentenalters auf 67 verweist bereits in diese Richtung.
Die Gesellschaft könne "nicht länger auf den produktiven Beitrag und das Erfahrungswissen Älterer verzichten", heißt es auch in einer Studie des Deutschen Zentrums für Altersfragen. Und die Gerontologen Andreas Kruse und Eric Schmidt schrieben 2005 in der Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte: "Das Humanvermögen des Alters ist in gleicher Weise für die Arbeitswelt wie auch für unsere Kultur unverzichtbar."
Fast vierzig Prozent
Angesichts des demografischen Wandels scheint es ja keine schlechte Idee, Senioren für den Dienst an der Gesellschaft zu gewinnen. Der Anteil der Älteren an der deutschen Bevölkerung wächst: 2050 werden fast vierzig Prozent der Deutschen über 60 Jahre alt sein. Senioren länger im Arbeitsleben zu halten, würde nicht nur die strapazierten Rentenkassen entlasten. Auch die Wirtschaft würde profitieren: Schon jetzt klagen einige Branchen über fehlenden Nachwuchs, Fachkräfte werden knapp. Da wäre es doch dumm, nicht auf die Erfahrung und das Know-how der Älteren zurückgreifen.
Produktiv bis ins hohe Alter: In Zukunft wird die Gesellschaft wohl mehr als bisher auf das Know-How der über 60-Jährigen zählen.
Kompetenz, Aktivität, Produktivität heißen neuerdings die Anforderungen an die Generation 60 plus: Wer im Alter die Füße hoch legt oder wer krank und schwach ist, so der Unterton der Debatte, vernachlässigt seine Pflicht der Gesellschaft gegenüber.
Abgewertet...
Ruheständler sehen sich angesichts solcher Diskussionen zwiespältigen Erwartungen gegenüber: Einerseits spüren sie den Druck, die Gesellschaft mitzugestalten und ihre Fähigkeiten in den Dienst aller zu stellen. Andererseits erleben sie eine Gesellschaft, die Ältere diskriminiert. Gerade in der Arbeitswelt erfahren ältere Menschen häufig eine Abwertung ihrer geistigen und körperlichen Fähigkeiten. Sie gelten als weniger kreativ und innovationsfreudig, die Fähigkeit Neues zu lernen spricht man ihnen ab. Unternehmen investieren seltener in ältere Arbeitnehmer, geben ihnen seltener neue Aufgaben, qualifizieren sie nicht.
Ältere haben es am Arbeitsmarkt meist schwerer als junge Menschen: Sie gelten als weniger leistungsfähig und innovativ.
Je höher das Alter, umso größer ist auch die Gefahr, vom Arbeitsmarkt abgehängt zu werden: Die Beschäftigungsquote der 55- bis 64-Jährigen betrug im Jahr 2011 59,9 Prozent. Wer in dem Alter noch Arbeit hat, sieht sich häufig dem Druck ausgesetzt, endlich Platz zu machen für Jüngere. Zuletzt zwingen dann tarifliche Regelungen zum Aufgeben des Berufs beim Erreichen des Rentenalters, auch wenn der Arbeitnehmer das gar nicht will.
Wie muss ein Arbeitsmarkt aussehen, der den Bedürfnissen und Wünschen Älterer entgegen kommt? Ist es überhaupt erstrebenswert, bis ins hohe Alter produktiv zu sein? Wie viel Leistung darf die Gesellschaft noch von Menschen verlangen, die dreißig oder vierzig oder fünfzig Jahre lang berufstätig waren? Und ab welchem Alter darf man sich aufs Altenteil zurückziehen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben? Mit diesen und ähnlichen Fragen muss sich die alternde Gesellschaft auseinandersetzen.
Urte Paul (aktualisiert 09.05.2012)
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Alter und Armut
- beides gehörte lange Zeit zusammen. Ohne gesetzliche Rente konnten sich Alte einst nur auf ihre Familie verlassen, um über die Runden zu kommen. Erst mit Einführung der gesetzlichen Rentenversicherung 1891 unter Reichskanzler Otto von Bismarck setzte eine Entwicklung ein, die mittlerweile den Höhepunkt erreicht zu haben scheint: Nie war die Generation 65plus materiell besser gestellt als heute.
Jedoch, die individuellen Erfahrungen gehen auseinander: Rund 660.000 Rentner haben einen Minijob - manche, weil sie gerne noch arbeiten möchten, andere, weil ihre Rente die Lebenskosten nicht abdeckt. Und trotz gesetzlicher Rente erhalten etwa 400.000 Senioren staatliche Unterstützung, die so genannte Grundsicherung. Sie überleben auf einem Niveau, auf dem ein Besuch im Café schon Luxus ist.
In Zukunft, sagen Sozialexperten voraus, werden noch mehr Menschen von Altersarmut betroffen sein. Nicht nur Einzelne, alle müssten sich auf den Rückgang des Rentenniveaus einstellen: Während Rentner heute im Durchschnitt etwa die Hälfte von dem zur Verfügung haben, was ein Normalverdiener hat, sinkt dieser Anteil bis 2025 auf 45 Prozent.
Als Gründe nennen Wissenschaftler neben der Rentengesetzgebung Entwicklungen am Arbeitsmarkt. Mehr Menschen weisen so genannte gebrochene Erwerbsbiografien auf: Phasen der Vollbeschäftigung wechseln sich mit Zeiten der Teilzeitarbeit oder Arbeitslosigkeit ab. Andere halten sich Jahrzehnte lang mit Minijobs über Wasser - wer wenig in die Rentenkasse einzahlt, wird später auch wenig herausbekommen.
Die politischen Meinungen darüber, was gegen Altersarmut zu tun sei, gehen auseinander. Die einen fordern eine garantierte Mindestrente und Mindestlöhne, die stetes Einzahlen in die Rentenkasse möglich machen. Andere ermuntern die Leute, privat fürs Alter vorzusorgen - offen bleibt, wo zum Beispiel Geringverdiener oder Hartz-IV-Empfänger das Geld dafür hernehmen sollen.
Die private Vorsorge, geben Kritiker zu bedenken, löse das System der kollektiven Rentensicherung auf: Wie in vor-bismarckscher Zeit würde das Alter wieder zum individuellen Risiko.
- beides gehörte lange Zeit zusammen. Ohne gesetzliche Rente konnten sich Alte einst nur auf ihre Familie verlassen, um über die Runden zu kommen. Erst mit Einführung der gesetzlichen Rentenversicherung 1891 unter Reichskanzler Otto von Bismarck setzte eine Entwicklung ein, die mittlerweile den Höhepunkt erreicht zu haben scheint: Nie war die Generation 65plus materiell besser gestellt als heute.
Jedoch, die individuellen Erfahrungen gehen auseinander: Rund 660.000 Rentner haben einen Minijob - manche, weil sie gerne noch arbeiten möchten, andere, weil ihre Rente die Lebenskosten nicht abdeckt. Und trotz gesetzlicher Rente erhalten etwa 400.000 Senioren staatliche Unterstützung, die so genannte Grundsicherung. Sie überleben auf einem Niveau, auf dem ein Besuch im Café schon Luxus ist.
In Zukunft, sagen Sozialexperten voraus, werden noch mehr Menschen von Altersarmut betroffen sein. Nicht nur Einzelne, alle müssten sich auf den Rückgang des Rentenniveaus einstellen: Während Rentner heute im Durchschnitt etwa die Hälfte von dem zur Verfügung haben, was ein Normalverdiener hat, sinkt dieser Anteil bis 2025 auf 45 Prozent.
Als Gründe nennen Wissenschaftler neben der Rentengesetzgebung Entwicklungen am Arbeitsmarkt. Mehr Menschen weisen so genannte gebrochene Erwerbsbiografien auf: Phasen der Vollbeschäftigung wechseln sich mit Zeiten der Teilzeitarbeit oder Arbeitslosigkeit ab. Andere halten sich Jahrzehnte lang mit Minijobs über Wasser - wer wenig in die Rentenkasse einzahlt, wird später auch wenig herausbekommen.
Die politischen Meinungen darüber, was gegen Altersarmut zu tun sei, gehen auseinander. Die einen fordern eine garantierte Mindestrente und Mindestlöhne, die stetes Einzahlen in die Rentenkasse möglich machen. Andere ermuntern die Leute, privat fürs Alter vorzusorgen - offen bleibt, wo zum Beispiel Geringverdiener oder Hartz-IV-Empfänger das Geld dafür hernehmen sollen.
Die private Vorsorge, geben Kritiker zu bedenken, löse das System der kollektiven Rentensicherung auf: Wie in vor-bismarckscher Zeit würde das Alter wieder zum individuellen Risiko.
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Der demografische Wandel
Seit 1972 werden in der Bundesrepublik alljährlich weniger Kinder geboren, als Menschen sterben. Die Bevölkerungszahl geht zurück, die Struktur ändert sich: Heute sind etwa 26 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen über 60 Jahre alt; 2050 könnten es 39 Prozent sein. Die Bevölkerung insgesamt dürfte im gleichen Zeitraum von 82 auf 75 Millionen Menschen schrumpfen.
Im Zentrum der Diskussion um den demografischen Wandel stehen die Sozialsysteme: Aus Sozialbeiträgen Erwerbstätiger werden Rente und Pflege der älteren Generation bezahlt (Stichwort Generationenvertrag). Geht in Zukunft der Anteil der "Leistungserbringer" zurück, während der Anteil der "Leistungsnehmer", der Rentner, steigt, werde das Sozialsystem nur mit erheblichen Steuerzuschüssen zu finanzieren sein, fürchten Experten.
Den demografischen Wandel als finanzielles Problem zu fassen, greift allerdings zu kurz. Soziale Auswirkungen deuten sich schon heute in vielen Regionen der Republik an: Strukturschwache Gegenden erleben einen Bevölkerungsschwund, weil junge und gut gebildete Menschen auf der Suche nach Arbeit abwandern. Alte und sozial Schwache bleiben zurück.
Junge, dynamische Städte und Metropolregionen hingegen könnten vom demografischen Wandel profitieren. Deutschland werde mehr als bisher in Schwundregionen und in Boomregionen zerfallen, sagen Soziologen voraus; soziale Gegensätze und Unterschiede in der Lebensqualität könnten sich verschärfen.
Auch die Vorhersagen von Wirtschaftsexperten sind gespalten: Als Wirtschaftsstandort werde Deutschland an Attraktivität verlieren, da junge, kreative Köpfe fehlten. Investitionen aus dem Ausland könnten ausbleiben.
Andere Experten sagen das Entstehen neuer Märkte voraus. Die wachsende Rentnerschar verlange nach Produkten, die ihren Bedürfnissen entsprächen, von Wellness über Bekleidung bis Freizeitgestaltung.
Neben vielen Problemen biete der demografische Wandel auch Chancen, heißt es nicht zuletzt aus Forschung und Politik. Zentrale Themenfelder sind Beschäftigung für ältere Arbeitnehmer, lebenslanges Lernen, verbesserte Pflege und Betreuung, Mobilität im Alter.
"Der demografische Wandel bietet die Chance auf nachhaltige Modernisierung der Gesellschaft", sagte Staatssekretär Thomas Rachel vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Februar 2011, "und vor allem die Chance auf ein neues Miteinander der Generationen."
Seit 1972 werden in der Bundesrepublik alljährlich weniger Kinder geboren, als Menschen sterben. Die Bevölkerungszahl geht zurück, die Struktur ändert sich: Heute sind etwa 26 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen über 60 Jahre alt; 2050 könnten es 39 Prozent sein. Die Bevölkerung insgesamt dürfte im gleichen Zeitraum von 82 auf 75 Millionen Menschen schrumpfen.
Im Zentrum der Diskussion um den demografischen Wandel stehen die Sozialsysteme: Aus Sozialbeiträgen Erwerbstätiger werden Rente und Pflege der älteren Generation bezahlt (Stichwort Generationenvertrag). Geht in Zukunft der Anteil der "Leistungserbringer" zurück, während der Anteil der "Leistungsnehmer", der Rentner, steigt, werde das Sozialsystem nur mit erheblichen Steuerzuschüssen zu finanzieren sein, fürchten Experten.
Den demografischen Wandel als finanzielles Problem zu fassen, greift allerdings zu kurz. Soziale Auswirkungen deuten sich schon heute in vielen Regionen der Republik an: Strukturschwache Gegenden erleben einen Bevölkerungsschwund, weil junge und gut gebildete Menschen auf der Suche nach Arbeit abwandern. Alte und sozial Schwache bleiben zurück.
Junge, dynamische Städte und Metropolregionen hingegen könnten vom demografischen Wandel profitieren. Deutschland werde mehr als bisher in Schwundregionen und in Boomregionen zerfallen, sagen Soziologen voraus; soziale Gegensätze und Unterschiede in der Lebensqualität könnten sich verschärfen.
Auch die Vorhersagen von Wirtschaftsexperten sind gespalten: Als Wirtschaftsstandort werde Deutschland an Attraktivität verlieren, da junge, kreative Köpfe fehlten. Investitionen aus dem Ausland könnten ausbleiben.
Andere Experten sagen das Entstehen neuer Märkte voraus. Die wachsende Rentnerschar verlange nach Produkten, die ihren Bedürfnissen entsprächen, von Wellness über Bekleidung bis Freizeitgestaltung.
Neben vielen Problemen biete der demografische Wandel auch Chancen, heißt es nicht zuletzt aus Forschung und Politik. Zentrale Themenfelder sind Beschäftigung für ältere Arbeitnehmer, lebenslanges Lernen, verbesserte Pflege und Betreuung, Mobilität im Alter.
"Der demografische Wandel bietet die Chance auf nachhaltige Modernisierung der Gesellschaft", sagte Staatssekretär Thomas Rachel vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Februar 2011, "und vor allem die Chance auf ein neues Miteinander der Generationen."



