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Ruhestand

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Alter und Armut
- beides gehörte lange Zeit zusammen. Ohne gesetzliche Rente konnten sich Alte einst nur auf ihre Familie verlassen, um über die Runden zu kommen. Erst mit Einführung der gesetzlichen Rentenversicherung 1891 unter Reichskanzler Otto von Bismarck setzte eine Entwicklung ein, die mittlerweile den Höhepunkt erreicht zu haben scheint: Nie war die Generation 65plus materiell besser gestellt als heute.

Jedoch, die individuellen Erfahrungen gehen auseinander: Rund 660.000 Rentner haben einen Minijob - manche, weil sie gerne noch arbeiten möchten, andere, weil ihre Rente die Lebenskosten nicht abdeckt. Und trotz gesetzlicher Rente erhalten etwa 400.000 Senioren staatliche Unterstützung, die so genannte Grundsicherung. Sie überleben auf einem Niveau, auf dem ein Besuch im Café schon Luxus ist.

In Zukunft, sagen Sozialexperten voraus, werden noch mehr Menschen von Altersarmut betroffen sein. Nicht nur Einzelne, alle müssten sich auf den Rückgang des Rentenniveaus einstellen: Während Rentner heute im Durchschnitt etwa die Hälfte von dem zur Verfügung haben, was ein Normalverdiener hat, sinkt dieser Anteil bis 2025 auf 45 Prozent.

Als Gründe nennen Wissenschaftler neben der Rentengesetzgebung Entwicklungen am Arbeitsmarkt. Mehr Menschen weisen so genannte gebrochene Erwerbsbiografien auf: Phasen der Vollbeschäftigung wechseln sich mit Zeiten der Teilzeitarbeit oder Arbeitslosigkeit ab. Andere halten sich Jahrzehnte lang mit Minijobs über Wasser - wer wenig in die Rentenkasse einzahlt, wird später auch wenig herausbekommen.

Die politischen Meinungen darüber, was gegen Altersarmut zu tun sei, gehen auseinander. Die einen fordern eine garantierte Mindestrente und Mindestlöhne, die stetes Einzahlen in die Rentenkasse möglich machen. Andere ermuntern die Leute, privat fürs Alter vorzusorgen - offen bleibt, wo zum Beispiel Geringverdiener oder Hartz-IV-Empfänger das Geld dafür hernehmen sollen.

Die private Vorsorge, geben Kritiker zu bedenken, löse das System der kollektiven Rentensicherung auf: Wie in vor-bismarckscher Zeit würde das Alter wieder zum individuellen Risiko.

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Der demografische Wandel
Seit 1972 werden in der Bundesrepublik alljährlich weniger Kinder geboren, als Menschen sterben. Die Bevölkerungszahl geht zurück, die Struktur ändert sich: Heute sind etwa 26 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen über 60 Jahre alt; 2050 könnten es 39 Prozent sein. Die Bevölkerung insgesamt dürfte im gleichen Zeitraum von 82 auf 75 Millionen Menschen schrumpfen.

Im Zentrum der Diskussion um den demografischen Wandel stehen die Sozialsysteme: Aus Sozialbeiträgen Erwerbstätiger werden Rente und Pflege der älteren Generation bezahlt (Stichwort Generationenvertrag). Geht in Zukunft der Anteil der "Leistungserbringer" zurück, während der Anteil der "Leistungsnehmer", der Rentner, steigt, werde das Sozialsystem nur mit erheblichen Steuerzuschüssen zu finanzieren sein, fürchten Experten.

Den demografischen Wandel als finanzielles Problem zu fassen, greift allerdings zu kurz. Soziale Auswirkungen deuten sich schon heute in vielen Regionen der Republik an: Strukturschwache Gegenden erleben einen Bevölkerungsschwund, weil junge und gut gebildete Menschen auf der Suche nach Arbeit abwandern. Alte und sozial Schwache bleiben zurück.

Junge, dynamische Städte und Metropolregionen hingegen könnten vom demografischen Wandel profitieren. Deutschland werde mehr als bisher in Schwundregionen und in Boomregionen zerfallen, sagen Soziologen voraus; soziale Gegensätze und Unterschiede in der Lebensqualität könnten sich verschärfen.

Auch die Vorhersagen von Wirtschaftsexperten sind gespalten: Als Wirtschaftsstandort werde Deutschland an Attraktivität verlieren, da junge, kreative Köpfe fehlten. Investitionen aus dem Ausland könnten ausbleiben.

Andere Experten sagen das Entstehen neuer Märkte voraus. Die wachsende Rentnerschar verlange nach Produkten, die ihren Bedürfnissen entsprächen, von Wellness über Bekleidung bis Freizeitgestaltung.

Neben vielen Problemen biete der demografische Wandel auch Chancen, heißt es nicht zuletzt aus Forschung und Politik. Zentrale Themenfelder sind Beschäftigung für ältere Arbeitnehmer, lebenslanges Lernen, verbesserte Pflege und Betreuung, Mobilität im Alter.

"Der demografische Wandel bietet die Chance auf nachhaltige Modernisierung der Gesellschaft", sagte Staatssekretär Thomas Rachel vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Februar 2011, "und vor allem die Chance auf ein neues Miteinander der Generationen."