Abschied vom Sex
Beim Umgang mit dem Sex geschieht Paradoxes: Je größer die scheinbare Freiheit und je enger die Verbindung von Sex und Konsum, desto weniger Lust hat mancher auf das reale Spiel der Körper.Sex sells wusste man schon in den 1950er Jahren. Verglichen mit Heutigem wirkt die Werbung allerdings harmlos.
Den Medien ist "Freizügigkeit" in all ihren Varianten schon längst kein Tabu mehr. Und im Internet sind die verführerischsten Körper und die erregendsten Phantasien tatsächlich nur die viel erwähnten paar Mausklicks entfernt. Welch Freiheit! Welche Freiheit ist das wirklich?
Masturbierende Singles
In auffälligem Widerspruch zur Allgegenwart, Billigkeit und Allverfügbarkeit virtuellerr Erregungen steht ja der Preis, den es kostet, real und handfest beim Verkehr der Geschlechter mitzuspielen. Hier sind die Hürden eher hoch, ist der nötige Aufwand beachtlich und der Vollzug gegebenenfalls folgenreich. Knappheit dominiert.
Dies trifft keineswegs bloß zu für die immer größer werdende Zahl masturbierender Singles. Auch in deutschen Doppelbetten sinkt, wie Sexualforscher entdeckten, die Häufigkeit der Kontakte.
Mangel im Realen
Cybersex - Augen vorm Bildschirm, eine Hand am Eingabegerät - hat Konjunktur. Selbst dort, wo der wunschlose Partner im nächsten Zimmer ruht. Kurz, die Real Reality hinter der Virtual Reality von Web, Medien und Werbung trägt alle Zeichen limitierter, diversen Zwängen unterworfener Sexualität. Da ist die Sexualisierung der Luft, des Drumherum, kein Wunder. Denn immer noch gilt: Sexuelle Repression, also Mangel im Realen, führt zur sexuellen Obsession, zur Sexbesetzung von Allem. Neu ist das nicht.
Johannes Calvin: Mit dem eifernden Mann und seiner reichlich speziellen Auffassung von göttlicher Gnade fing alles an.
Zum Instrument geformt
Fußend auf Ideen des großen Schweizer Reformators Johannes Calvin (1509 bis 1564) formte die Ethik des Puritanismus den Menschen zum Instrument von Kapitalverwertungsprozessen. Innerweltliche Askese (im Unterschied zur außerweltlichen Askese der Mönche) hat als Ideal seitdem bürgerliches Denken und Empfinden geprägt.
Enthaltsamkeit, Konzentration auf Arbeit und Geschäft, an deren Erfolg sich erweist, ob der Einzelne in der Gnade Gottes steht, Genussverzicht, Selbstkontrolle, rationales Gestalten der Lebensführung, Ausklammern spontaner Sinnlichkeit als Ablenkung und Gefahr - all dies wirkte in den Köpfen, veränderte die Welt. Und es brachte die seltsamsten Blüten hervor, ganz besonders auf dem Gebiet der Sexualität.
"Für den puritanischen Bürger des 19. Jahrhunderts war der Körper eine Maschine, ein Arbeitsinstrument, dessen Funktionieren über das wirtschaftliche Wohl der Gesellschaft entschied", schreibt der Sexualforscher Karl Pawek. Einher ging dies mit der Tabuisierung der geschlechtlichen Körperfunktionen. Einher ging es auch mit der "Sexualisierung der Luft", der unvermeidlichen Folge aller Unterdrückung spontaner Sinnlichkeit.
Anstößiges Klavierbein
Wir sexuell "befreiten" Menschen der Spätmoderne sind geneigt zu lächeln, wenn wir hören, dass in dieser nicht übermäßig fernen Vergangenheit schon ein unverhülltes Klavierbein als anstößig empfunden wurde. Wir vergessen dabei nur allzu leicht den Umkehrschluss: dass man sich eben auch an einem Klavierbein sexuell erregen konnte - und folglich jene aufwands- und folgenlose Form der Sexualität damals schon gegeben war, jene masturbatorische Luftnummer, die heute der Cybersex für jedermann verfügbar hält.
Sexualität ohne Spontaneität, Sex als Gegenstand von Verhandlung und Vertrag (sexual correctness), Sex als knappes Gut in der Real Reality, vor dem die Hürden normalerweise hoch und gut durchdacht sind: der alte puritanische Gedanke von der Gefährlichkeit des Sexuellen, als Verschwendung von Ressourcen und Ablenkung auf dem Weg zum Seelenheil, er wirkt weiter.
Abgeschwächt war oder ist seine Wirkung nur dort, wo der ökonomische Zusammenhang, der ihn stützt, selbst brüchig wird: Dem teilweisen Zusammenbrechen der puritanischen Arbeitsethik in der DDR entsprach eben auch ein teilweiser Zusammenbruch puritanischer Sexualmoral: Wer wollte, kam schneller zum Zuge, ohne allzuviele Bedenken - und ohne verstohlene Blicke auf den Kontostand des potenziellen Partners. Noch heute finden sich Spuren unterschiedlichen Sexualverhaltens in Ost und West, belegt in den Statistiken der Sexualwissenschaft.
Heißt es bald Schachmatt in deutschen Betten? Sexualforscher diagnostizieren gesteigerte Lustlosigkeit.
Und das Alltagsleben etwa im kommunistischen Kuba verzeichnet neben dem Fehlen jeder puritanischen Arbeitsethik eben auch ein Fehlen der uns vertrauten Aufwände, Anstände, Umstände und Widerstände, die den Verkehr der Geschlechter in der kapitalistischen Real Reality begleiten oder verhindern. Ein Phänomen freilich, das sich mischt mit dem von Devisen-Apartheid und Massenarmut begünstigten Zwang für viele junge Kubaner, ihren Körper an zahlungskräftige Touristen aus puritanischen Sexmangel-Regionen zu verkaufen.
Unsere durchkalkulierte Sexualität indes bewegt sich, die Lustlosigkeitsdiagnose der Sexualforscher deutet darauf hin, in Richtung ihres Verschwindens. Restlos verschwinden wird sie gewiss nie, eher könnte der Trend hormonellen Umsteuerungsprozessen entsprechen, die bei langjährigen Gefängnisinsassen zu beobachten sind. Im gegebenen Fall: den Insassen eines virtuellen Gefängnisses, denen man haufenweise erregende Bilder vor die Nase hält, die sie mit zunehmendem Desinteresse betrachten.
Schon ist von Designersex die Rede, als Krone der Zähmung und der Kontrolle. Valium (zum Dämpfen) und Viagra (zur künstlichen Erregung) gelten als Mittel der Wahl. So setzt die Spätmoderne zu einer Leistung an, von der die Puritaner des viktorianischen Zeitalters nur träumen konnten: dem Abschied vom Sex.
Michael Schmittbetz (aktualisiert 24.02.2012)
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Infobox
Das Studium der Gallwespe...
hatte ihm einen soliden wissenschaftlichen Ruf eingebracht, weltberühmt wurde Alfred Charles Kinsey jedoch als "Dr. Sex". Dabei stolperte der Zoologie-Professor eher zufällig in sein neues Forschungsgebiet. Kinsey, 1894 in Hoboken/New Jersey geboren, wurde 1938 von der Indiana University in Bloomington, wo er seit 1920 tätig war, gebeten, einen Eheberatungskurs für Studenten zu übernehmen.
Der Spross einer streng puritanischen Familie arbeitete sich gewissenhaft in das neue Gebiet ein und stellte fest, dass die vorhandene Literatur zum Thema völlig unzureichend war.
Also begann Kinsey, mittels detaillierter Befragungen so viele Tatsachen wie möglich über das menschliche Sexualverhalten herauszufinden. Im Verlauf der nächsten 15 Jahre befragten er und seine Mitarbeiter über 18.000 Amerikaner jeden Alters, verschiedener Berufe, aller sozialen Schichten, Bildungsgruppen und religiösen Orientierung zu ihren sexuellen Gewohnheiten.
In den so genannten Kinsey-Reports wurden die Ergebnisse dieser ersten großen Feldstudie zum Thema Sex 1948 und 1953 veröffentlicht. Aus dem fast unbekannten Zoologen war der bekannteste Sexualforscher der Welt geworden.
Dessen trockene Statistiken besaßen Sprengkraft: 92 Prozent der befragten Männer masturbierten, 37 Prozent vergnügten sich beim außerehelichen Sex, ebenso viele hatten irgendeine Art homosexueller Erfahrung. Bei den Frauen sah das Bild nicht besser aus: jede vierte nahm es mit der Treue nicht so genau und nur die Hälfte aller Bräute soll als Jungfrau in die Ehe gegangen sein.
Kinseys Studien offenbarten eine gewaltige Kluft zwischen der verkündeten Sexualmoral und dem tatsächlichen Sexualverhalten der US-Amerikaner.
Der Aufschrei konservativer Politiker und der religiösen Rechten ließ nicht lange auf sich warten; sie versuchten Kinsey und seine Forschung in den Schmutz zu ziehen. Der Vorwurf fehlerhafter Methodik war noch das Geringste; als Kinderschänder und "größter Perversling der amerikanischen Geschichte" wurde der Wissenschaftler verunglimpft.
Seine Feinde konnten zwar nicht verhindern, dass die Kinsey-Reports Bestseller wurden, allerdings reichte der politische und religiöse Druck, um Kinsey weitere Forschungsgelder vorzuenthalten. Selbst größte Anstrengungen konnten diesen Verlust nicht ausgleichen, völlig überarbeitet starb Kinsey 1956 an einem Herzinfarkt.
Heute wird sein Werk als bahnbrechend gewürdigt; Kinsey räumte mit Tabus auf und ermöglichte damit die sexuelle Befreiung seit den 1960er Jahren. Selbst den Vergleich mit Charles Darwin scheuen Bewunderer nicht: Kein Biologe seit Darwin habe das Menschenbild so gründlich verändert wie Alfred Charles Kinsey.
hatte ihm einen soliden wissenschaftlichen Ruf eingebracht, weltberühmt wurde Alfred Charles Kinsey jedoch als "Dr. Sex". Dabei stolperte der Zoologie-Professor eher zufällig in sein neues Forschungsgebiet. Kinsey, 1894 in Hoboken/New Jersey geboren, wurde 1938 von der Indiana University in Bloomington, wo er seit 1920 tätig war, gebeten, einen Eheberatungskurs für Studenten zu übernehmen.
Der Spross einer streng puritanischen Familie arbeitete sich gewissenhaft in das neue Gebiet ein und stellte fest, dass die vorhandene Literatur zum Thema völlig unzureichend war.
Also begann Kinsey, mittels detaillierter Befragungen so viele Tatsachen wie möglich über das menschliche Sexualverhalten herauszufinden. Im Verlauf der nächsten 15 Jahre befragten er und seine Mitarbeiter über 18.000 Amerikaner jeden Alters, verschiedener Berufe, aller sozialen Schichten, Bildungsgruppen und religiösen Orientierung zu ihren sexuellen Gewohnheiten.
In den so genannten Kinsey-Reports wurden die Ergebnisse dieser ersten großen Feldstudie zum Thema Sex 1948 und 1953 veröffentlicht. Aus dem fast unbekannten Zoologen war der bekannteste Sexualforscher der Welt geworden.
Dessen trockene Statistiken besaßen Sprengkraft: 92 Prozent der befragten Männer masturbierten, 37 Prozent vergnügten sich beim außerehelichen Sex, ebenso viele hatten irgendeine Art homosexueller Erfahrung. Bei den Frauen sah das Bild nicht besser aus: jede vierte nahm es mit der Treue nicht so genau und nur die Hälfte aller Bräute soll als Jungfrau in die Ehe gegangen sein.
Kinseys Studien offenbarten eine gewaltige Kluft zwischen der verkündeten Sexualmoral und dem tatsächlichen Sexualverhalten der US-Amerikaner.
Der Aufschrei konservativer Politiker und der religiösen Rechten ließ nicht lange auf sich warten; sie versuchten Kinsey und seine Forschung in den Schmutz zu ziehen. Der Vorwurf fehlerhafter Methodik war noch das Geringste; als Kinderschänder und "größter Perversling der amerikanischen Geschichte" wurde der Wissenschaftler verunglimpft.
Seine Feinde konnten zwar nicht verhindern, dass die Kinsey-Reports Bestseller wurden, allerdings reichte der politische und religiöse Druck, um Kinsey weitere Forschungsgelder vorzuenthalten. Selbst größte Anstrengungen konnten diesen Verlust nicht ausgleichen, völlig überarbeitet starb Kinsey 1956 an einem Herzinfarkt.
Heute wird sein Werk als bahnbrechend gewürdigt; Kinsey räumte mit Tabus auf und ermöglichte damit die sexuelle Befreiung seit den 1960er Jahren. Selbst den Vergleich mit Charles Darwin scheuen Bewunderer nicht: Kein Biologe seit Darwin habe das Menschenbild so gründlich verändert wie Alfred Charles Kinsey.
Infobox
Wilhelm Reich, ...
Arzt und Psychoanalytiker (1897 bis 1957), provozierte mit seinen Schriften über Ursachen und Folgen sexueller Repression nicht nur Diktatoren. Zwar untersuchte Reich in seinem wohl bekanntesten Werk, der Massenpsychologie des Faschismus (1933), hauptsächlich die gezielte staatliche Repression zwecks Erzeugung autoritärer Charaktere, doch ist sein Ansatz umfassender.
Es sind, nach Reichs Ansicht, grundlegende Institutionen der bürgerlichen Gesellschaft, wie Kirche und Familie, aber auch andere Organisationen des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens, die mittels sexueller Unterdrückung leidende, überangepasste Individuen heranziehen: soziale Machtausübung und sexuelle Repression, Autoritarismus und sexuelle Enthaltung, seien zwei Seiten einer Medaille, bedingten einander.
Später geriet Reich mit der von ihm entwickelten Orgon-Therapie zur Behandlung von "Charakterpanzern" in sektiererisches Fahrwasser.
Arzt und Psychoanalytiker (1897 bis 1957), provozierte mit seinen Schriften über Ursachen und Folgen sexueller Repression nicht nur Diktatoren. Zwar untersuchte Reich in seinem wohl bekanntesten Werk, der Massenpsychologie des Faschismus (1933), hauptsächlich die gezielte staatliche Repression zwecks Erzeugung autoritärer Charaktere, doch ist sein Ansatz umfassender.
Es sind, nach Reichs Ansicht, grundlegende Institutionen der bürgerlichen Gesellschaft, wie Kirche und Familie, aber auch andere Organisationen des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens, die mittels sexueller Unterdrückung leidende, überangepasste Individuen heranziehen: soziale Machtausübung und sexuelle Repression, Autoritarismus und sexuelle Enthaltung, seien zwei Seiten einer Medaille, bedingten einander.
Später geriet Reich mit der von ihm entwickelten Orgon-Therapie zur Behandlung von "Charakterpanzern" in sektiererisches Fahrwasser.



