Seite drucken

LexiTV - Das MDR Wissensmagazin - Bildung für alle

 

Dieser Artikel gehört zum Thema

Sexualität

Infobox

Das Studium der Gallwespe...
hatte ihm einen soliden wissenschaftlichen Ruf eingebracht, weltberühmt wurde Alfred Charles Kinsey jedoch als "Dr. Sex". Dabei stolperte der Zoologie-Professor eher zufällig in sein neues Forschungsgebiet. Kinsey, 1894 in Hoboken/New Jersey geboren, wurde 1938 von der Indiana University in Bloomington, wo er seit 1920 tätig war, gebeten, einen Eheberatungskurs für Studenten zu übernehmen.

Der Spross einer streng puritanischen Familie arbeitete sich gewissenhaft in das neue Gebiet ein und stellte fest, dass die vorhandene Literatur zum Thema völlig unzureichend war.

Also begann Kinsey, mittels detaillierter Befragungen so viele Tatsachen wie möglich über das menschliche Sexualverhalten herauszufinden. Im Verlauf der nächsten 15 Jahre befragten er und seine Mitarbeiter über 18.000 Amerikaner jeden Alters, verschiedener Berufe, aller sozialen Schichten, Bildungsgruppen und religiösen Orientierung zu ihren sexuellen Gewohnheiten.

In den so genannten Kinsey-Reports wurden die Ergebnisse dieser ersten großen Feldstudie zum Thema Sex 1948 und 1953 veröffentlicht. Aus dem fast unbekannten Zoologen war der bekannteste Sexualforscher der Welt geworden.

Dessen trockene Statistiken besaßen Sprengkraft: 92 Prozent der befragten Männer masturbierten, 37 Prozent vergnügten sich beim außerehelichen Sex, ebenso viele hatten irgendeine Art homosexueller Erfahrung. Bei den Frauen sah das Bild nicht besser aus: jede vierte nahm es mit der Treue nicht so genau und nur die Hälfte aller Bräute soll als Jungfrau in die Ehe gegangen sein.

Kinseys Studien offenbarten eine gewaltige Kluft zwischen der verkündeten Sexualmoral und dem tatsächlichen Sexualverhalten der US-Amerikaner.

Der Aufschrei konservativer Politiker und der religiösen Rechten ließ nicht lange auf sich warten; sie versuchten Kinsey und seine Forschung in den Schmutz zu ziehen. Der Vorwurf fehlerhafter Methodik war noch das Geringste; als Kinderschänder und "größter Perversling der amerikanischen Geschichte" wurde der Wissenschaftler verunglimpft.

Seine Feinde konnten zwar nicht verhindern, dass die Kinsey-Reports Bestseller wurden, allerdings reichte der politische und religiöse Druck, um Kinsey weitere Forschungsgelder vorzuenthalten. Selbst größte Anstrengungen konnten diesen Verlust nicht ausgleichen, völlig überarbeitet starb Kinsey 1956 an einem Herzinfarkt.

Heute wird sein Werk als bahnbrechend gewürdigt; Kinsey räumte mit Tabus auf und ermöglichte damit die sexuelle Befreiung seit den 1960er Jahren. Selbst den Vergleich mit Charles Darwin scheuen Bewunderer nicht: Kein Biologe seit Darwin habe das Menschenbild so gründlich verändert wie Alfred Charles Kinsey.

Infobox

Wilhelm Reich, ...
Arzt und Psychoanalytiker (1897 bis 1957), provozierte mit seinen Schriften über Ursachen und Folgen sexueller Repression nicht nur Diktatoren. Zwar untersuchte Reich in seinem wohl bekanntesten Werk, der Massenpsychologie des Faschismus (1933), hauptsächlich die gezielte staatliche Repression zwecks Erzeugung autoritärer Charaktere, doch ist sein Ansatz umfassender.

Es sind, nach Reichs Ansicht, grundlegende Institutionen der bürgerlichen Gesellschaft, wie Kirche und Familie, aber auch andere Organisationen des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens, die mittels sexueller Unterdrückung leidende, überangepasste Individuen heranziehen: soziale Machtausübung und sexuelle Repression, Autoritarismus und sexuelle Enthaltung, seien zwei Seiten einer Medaille, bedingten einander.

Später geriet Reich mit der von ihm entwickelten Orgon-Therapie zur Behandlung von "Charakterpanzern" in sektiererisches Fahrwasser.