Hochhäuser und Hütten
Knapp dreihundert Millionen Menschen leben in den zwanzig größten Städten der Welt. Die urbanen Riesen nähren die Hoffnung auf Arbeit und auf Zukunft. Meist sieht die Realität aber anders aus.Menschengewimmel auf den Straßen von Mumbai (2004): Die indische Metropole gehört zu den größten Städten weltweit.
Unter freiem Himmel
Deren Realität sieht anders aus als es die Werbung suggeriert: Statt im Eigenheim oder im schicken Appartement lebt fast die Hälfte der rund neunzehn Millionen Einwohner Mumbais in Slums - so viel wie in keiner anderen Stadt Asiens. Wegen der ausufernden Elendsviertel erhielt Mumbai sogar den wenig schmeichelhaften Spitznamen Slumbay. Schlimmer noch als den Slumbewohnern geht es ungezählten pavement dwellers, die unter freiem Himmel hausen, weil sie sich nicht einmal eine notdürftig aus Bambus und Plastikplanen gezimmerte Hütte leisten können.
Rasantes Tempo
Mumbai ist längst in den Rang einer so genannten Megastadt aufgestiegen, wie UN-Experten urbane Agglomerationen mit mehr als zehn Millionen Einwohnern nennen. Konnten sich Mitte des Zwanzigsten Jahrhunderts gerade einmal New York, Paris, London, Moskau, Shanghai und Tokio rühmen, Großmetropolen zu sein, gibt es mittlerweile zwanzig Megastädte - Tendenz steigend. In den zurückliegenden hundert Jahren hat die Urbanisierung derart an Tempo gewonnen, dass 2007 erstmals mehr Menschen in Städten lebten als auf dem Land.
Bodenknappheit und Bürgerkriege
Anders als noch vor fünfzig Jahren boomen mit Mumbai, Dhaka, Kairo, Mexiko-Stadt, Lagos und Manila die Megastädte heute vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern. Dort steigen die Bevölkerungszahlen seit Jahrzehnten rasant. Dadurch verschlechterten sich die Lebensbedingungen auf dem Lande, wo Bodenknappheit den Alltag bestimmt und vielerorts Bürgerkriege die Situation verschärfen. In der Hoffnung auf Arbeit, Bildung und Teilhabe am modernen Leben wandern daher immer mehr Menschen in die Städte ab.
Mangelnde Müllbeseitigung wie hier im indischen Kalkutta ist nur eines von vielen Problemen, mit denen Großstädte in den Schwellen- und Entwicklungsländern zu kämpfen haben. (Foto: ys)
Vorteile dank Überbevölkerung?
Optimistische Ansätze gehen davon aus, dass Megastädte in der Lage sind, zentrale Probleme zu lösen beziehungsweise einzudämmen. Räumliche Konzentration ist letztlich ein Weg, um Überbevölkerungsdruck wenigstens abzumildern. So können auch Güter und Dienstleistungen, etwa schulische und ärztliche Versorgung, vergleichsweise günstig bereitgestellt werden, ist doch eine effektive Infrastruktur noch am ehesten in Städten möglich.
Global Cities
Zudem fungieren viele Metropolen als Wachstumsmotoren und Zentren der Produktivität. Mexiko-Stadt und São Paulo beispielsweise erwirtschaften nach Berechnungen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) rund fünfzig Prozent des Bruttosozialproduktes ihrer Länder. Zu Global Cities wie etwa Paris, Tokio und New York, die als Sitz internationaler Konzerne, Finanzzentren und Behörden Inbegriff der Globalisierung sind, gehören die "boomtowns" der "Dritten Welt" freilich noch lange nicht - schon deswegen, weil der wirtschaftliche Aufschwung hier meist auf Billiglöhnen basiert, die das Heer der Armen vergrößern statt verkleinern.
Im Unterschied zu echten Global Cities wie New York (im Bild) ist die internationale Ausstrahlung von Metropolen in ärmeren Ländern meist begrenzt.
Ob einer Stadt der Rang einer Weltmetropole gebührt, entscheiden am Ende politischer Einfluss und wirtschaftlicher Entwicklungsstand. In dieser Hinsicht ist nach wie vor die "Erste Welt" tonangebend. Bislang scheinen die Megastädte der "Dritten Welt" Verlierer der Globalisierung zu sein, zumal dort schon jetzt die Not vielerorts größer ist als in ländlichen Regionen. Der Slogan "Stadtluft macht frei!" wird immer mehr zur Utopie: zu schwierig ist der soziale Aufstieg, zu groß die Kluft zwischen einer kleinen Schicht von Spezialisten und einer immer größer werdenden Zahl von Niedriglöhnern. Kaum etwas spiegelt diesen Kontrast genauer wider als die vielen Hütten im Schatten moderner Geschäftshochhäuser.
Aufstieg oder Abstieg?
Die Situation könnte sich verschlimmern, denn für 2015 prognostizieren die Vereinten Nationen bereits dreihundert Millionenstädte weltweit - meist in Entwicklungs- und Schwellenländern. Einige davon, wie etwa Mumbai, werden mit über zwanzig Millionen Bewohnern sogar den Rang einer Metastadt erreichen. Aufstieg zur Weltstadt oder Abstieg zur "Hüttenmetropole" - das ist dann erst recht die Frage.
Yvonne Schmidt (14.11.2008)
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Metropolisierung
Schon die ältesten Hochkulturen kannten Großstädte: so zählte Babylon um 1800 v. Chr. bereits rund dreihunderttausend Einwohner, im chinesischen Xian lebten um 900 v. Chr. über eine Million Menschen. Auch Theben, Rom oder Angkor beherbergten seinerzeit eine große Zahl an Menschen, waren die Städte doch zugleich bedeutende Zentren größerer Regionalreiche.
Zentralisierte Verwaltung, hoch entwickelte Stadtplanung sowie Kanalisation und Wasserversorgung auf hohem Niveau zeichneten die Städte aus. Vor allem für das "Reich der Mitte" lässt sich eine langanhaltende großstädtische Hegemonialstellung beobachten. Noch im Jahr 1100 n. Chr. war die chinesische Bevölkerung die am meisten urbanisierte Gesellschaft der Welt.
Das europäische Mittelalter hingegen brachte keine Megastädte hervor, da es an überregionalen Staatengebilden mangelte, die lange Zeitperioden überdauerten. Bis zum Beginn der Neuzeit waren die Metropolen Asiens führend unter allen Städten der Erde. Dies änderte sich erst im Zuge der Industrialisierung: Um 1900 war London mit mehr als sechs Millionen Einwohnern die größte Stadt weltweit - und die erste Global City im heutigen Sinn.
Schon die ältesten Hochkulturen kannten Großstädte: so zählte Babylon um 1800 v. Chr. bereits rund dreihunderttausend Einwohner, im chinesischen Xian lebten um 900 v. Chr. über eine Million Menschen. Auch Theben, Rom oder Angkor beherbergten seinerzeit eine große Zahl an Menschen, waren die Städte doch zugleich bedeutende Zentren größerer Regionalreiche.
Zentralisierte Verwaltung, hoch entwickelte Stadtplanung sowie Kanalisation und Wasserversorgung auf hohem Niveau zeichneten die Städte aus. Vor allem für das "Reich der Mitte" lässt sich eine langanhaltende großstädtische Hegemonialstellung beobachten. Noch im Jahr 1100 n. Chr. war die chinesische Bevölkerung die am meisten urbanisierte Gesellschaft der Welt.
Das europäische Mittelalter hingegen brachte keine Megastädte hervor, da es an überregionalen Staatengebilden mangelte, die lange Zeitperioden überdauerten. Bis zum Beginn der Neuzeit waren die Metropolen Asiens führend unter allen Städten der Erde. Dies änderte sich erst im Zuge der Industrialisierung: Um 1900 war London mit mehr als sechs Millionen Einwohnern die größte Stadt weltweit - und die erste Global City im heutigen Sinn.
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Vertikaler Bauernhof
Heute lebt ein größerer Teil der Menschheit in Städten als je zuvor. Um die Versorgung mit Nahrungsmitteln angesichts knappen Ackerbodens auch in Zukunft sicherzustellen, tüfteln Forscher der Columbia University in New York an der Realisierbarkeit eines vertikalen Bauernhofes.
Die Idee: Treibhäuser, so genannte Vertical Farms, sollen Städten die Möglichkeit bieten, ihre Nahrung ganzjährig, nachhaltig, platzsparend und in direkter Konsumentennähe zu produzieren. Der Vorteil ist, dass Treibhäuser nur ein Zehntel der Fläche eines üblichen Ackers für den gleichen Ernteertrag benötigen. Die eingesparte Fläche könnte für Renaturierungszwecke Verwendung finden.
Für Mitte 2010 ist der Bau einer dreißig Stockwerke hohen Vertical Farm in Las Vegas geplant, die 72.000 Menschen ernähren soll. Geplant ist, neben Pflanzen auch Hühner und Fische in das geschlossene Ökosystem einzubinden. Zudem soll das Treibhaus mithilfe von Solaranlagen und Windrädern auf dem Dach Energie liefern. Dadurch könnte die Vertical Farm unabhängig von äußeren Wettereinflüssen wie Dürren, Hagel oder Frost das ganze Jahr über produzieren.
Heute lebt ein größerer Teil der Menschheit in Städten als je zuvor. Um die Versorgung mit Nahrungsmitteln angesichts knappen Ackerbodens auch in Zukunft sicherzustellen, tüfteln Forscher der Columbia University in New York an der Realisierbarkeit eines vertikalen Bauernhofes.
Die Idee: Treibhäuser, so genannte Vertical Farms, sollen Städten die Möglichkeit bieten, ihre Nahrung ganzjährig, nachhaltig, platzsparend und in direkter Konsumentennähe zu produzieren. Der Vorteil ist, dass Treibhäuser nur ein Zehntel der Fläche eines üblichen Ackers für den gleichen Ernteertrag benötigen. Die eingesparte Fläche könnte für Renaturierungszwecke Verwendung finden.
Für Mitte 2010 ist der Bau einer dreißig Stockwerke hohen Vertical Farm in Las Vegas geplant, die 72.000 Menschen ernähren soll. Geplant ist, neben Pflanzen auch Hühner und Fische in das geschlossene Ökosystem einzubinden. Zudem soll das Treibhaus mithilfe von Solaranlagen und Windrädern auf dem Dach Energie liefern. Dadurch könnte die Vertical Farm unabhängig von äußeren Wettereinflüssen wie Dürren, Hagel oder Frost das ganze Jahr über produzieren.



