"Krankheit des Willens"
Bereits in der Antike fragte man sich, ob der Rausch akzeptabel oder zu verurteilen sei. Von Laster und Sünde war lange die Rede. Bis die Sucht Ende des 18. Jahrhunderts Gegenstand der Forschung wurde.Der Arzt Benjamin Rush (1745 bis 1813), ein Pionier der Suchtforschung. (Porträt von Charles Willson Peale, um 1818)
"Unwillkürliches Übel"
Den Begriff der Sucht, wie wir ihn heute kennen, gab es bis vor gut zweihundert Jahren, als sich Mediziner des Phänomens erstmals annahmen, noch gar nicht. Das Wort leitet sich ab von "siechen" - an einer Krankheit leiden - und wurde unter anderem in Begriffsbildungen wie Schwindsucht, Gelbsucht oder Fallsucht verwendet. Die Entdeckung der Sucht als eigenständige Krankheit steht in enger Verbindung mit der ältesten und seit jeher verbreitetsten unter den Süchten: der Trunksucht. 1819 kommt der deutsch-russische Arzt Carl von Brühl-Cramer in seinem Buch Über die Trunksucht und eine rationelle Heilmethode derselben zu dem Schluss, dass das Trinken - als pathologische Verhaltensweise ein "unwillkürliches Übel" - nicht in einer "Verletzung der Moralität, wie man gewöhnlich zu glauben geneigt ist", begründet sei.
Moralisch versagt
Wie anders urteilten da noch die Pioniere der Suchtforschung: Der nordamerikanische Arzt Benjamin Rush, welcher als Vater des Krankheitsmodells gilt, entwickelte um 1772 eine erste Idee von der Zwanghaftigkeit des exzessiven Trinkens, das er als "Krankheit des Willens" bezeichnete. Die Unfähigkeit, sich zu enthalten, und den Verlust der Kontrolle, als Hauptmerkmale der Krankheit, sah Rush allerdings in der Persönlichkeit des Trinkers begründet: der habe moralisch versagt.
Geistige Disziplin
Dass die Ursache der Sucht in der Substanz selbst liege, glaubte dagegen Thomas Trotter: 1780 schrieb der schottische Arzt, dass die Begierde nach häufiger Trunkenheit durch die chemische Natur des Alkohols hervorgerufen werde. Weiterhin betonte er aber, dass die Krankheit eng an die herrschenden gesellschaftlichen Umstände geknüpft sei. Für ihn war die Vieltrinkerei ein psychisches Leiden. Trotter erkannte dessen soziale Dimension; er verstand die Trunksucht als Zivilisationskrankheit - die nur durch "geistige Disziplin" zu heilen sei.
Mehr als vier Millionen Deutsche sind Raucher. Die Folgen der Nikotinsucht belasten das Gesundheitssystem jährlich mit über 17 Milliarden Euro.
Was folgte, war eine Disziplinierung auf zwei Ebenen: zum einen die des Süchtigen und zum anderen die der Sucht selbst. Mit der Definition als Krankheit des Willens und der Psyche wurde die Sucht im 19. Jahrhundert zum Gegenstand medizinischer Forschung. Auf der Basis unterschiedlicher Krankheitskonzepte entstanden diverse Therapien und Behandlungsstrategien: Zielen Abstinenz- und Mäßigungsbewegungen auf das grundsätzliche Meiden der Droge, richten sich andere Therapien mehr auf die Persönlichkeit des Kranken, das heißt, auf fundamentale Verhaltensänderung.
Fokus: Sucht als Krankheit
Auch in der öffentlichen Auseinandersetzung, wie mit Süchtigen umzugehen sei, steht das Konzept der Sucht als Krankheit heute im Fokus. Das "moderne" Suchtverständnis brachte aber keine absolute Lösung. Noch immer wird die Wahrnehmung der Sucht als Krankheit begleitet vom Stigma der moralischen Verfehlung - welches wiederum verschleiert, dass sich das Problem der Sucht nicht auf soziale Randgruppen und persönliche Versager beschränkt.
Ulrike Wolf (30.01.2007)
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Süchtige in Deutschland
Nach Schätzungen des Instituts für Therapieforschung in München (IFT) lebten 2005 um die 1,7 Millionen Alkoholabhängige und etwa 4,3 Millionen Nikotinsüchtige in Deutschland. Fast zwei Millionen Menschen sollen medikamentenabhängig sein. Die Zahl der Cannabissüchtigen gibt das IFT mit 240.000 an, die der Opiatsüchtigen mit 175.000.
"Inzwischen zählen Süchte jeder Art zu den gefürchtesten Krankheiten der modernen Zivilisation", erklärt die Historikerin Claudia Wiesemann in ihrem Buch Die heimliche Krankheit - Eine Geschichte des Suchtbegriffs. Folgeschäden von Süchten - Leberschäden, Krebserkrankungen, Verletzungen durch Unfälle - belasten das Gesundheitssystem.
Den Einnahmen aus Tabak-, Bier- und Branntweinsteuer stehen beträchtliche Kosten entgegen: So schätzt die Deutsche Hauptstelle für Sucht (DHS), dass allein das Rauchen - durch Kuren, Krebstherapien und Arbeitsausfälle - jedes Jahr Kosten von über 17 Milliarden Euro verursacht.
Einer Studie der Freien Universität Berlin zufolge belastet die Alkoholsucht das Gesundheitswesen jährlich mit mehr als zwanzig Milliarden Euro. Vergleichsweise gering fallen dagegen die rund 3,4 Milliarden Einnahmen aus Alkoholsteuern aus.
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