Grauzone
Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen - das war der offizielle Umgang mit Umweltproblemen in der DDR. Wer dagegen anging, machte sich verdächtig.Fabrikschlote bei Espenhain, südlich von Leipzig (1989): Umweltprobleme, obwohl offensichtlich und allgegenwärtig, waren in der DDR ein Tabuthema.
Flüsse verkamen zu stinkenden Kloaken. Fische wurden ungenießbar. Wälder und Wiesen glichen Mondlandschaften. Saurer Regen und Ruß-Schwaden tauchten vormals grüne Landschaften in einen grauen Schleier. Wer im Schrebergarten neben dem Chemiewerk Erdbeeren anpflanzte, aß sie wohlweislich nicht. Daran, dass die Wäsche auf der Leine oft schwarz gesprenkelt war vom Rauch der nahen Schlote, hatte man sich mittlerweile gewöhnt.
Bäume pflanzen, Rad fahren
Die von der Staatsführung tot geschwiegenen, aber nicht mehr zu übersehenden Folgen des ökologischen Raubbaus in der DDR riefen Ende der 1970er Jahre engagierte Naturschützer auf den Plan. Kirchlich geprägte Gruppen begannen damit, besseren Umweltschutz zu fordern und praktischen Naturschutz zu leisten: Ihre wenigen Mitglieder pflanzten Bäume in den Städten, fuhren mit dem Rad in bedrohte Naturreservate und wanderten durch abgestorbene Wälder.
40.000 Ehrenamtliche
Um das Engagement der Naturschützer in die richtigen Bahnen zu lenken, veranlasste die Staatsführung 1980 die Gründung der Gesellschaft für Natur und Umwelt (GNU) im Kulturbund der DDR. Wer etwas für die Umwelt tun wollte, ohne damit anzuecken, hatte nun Gelegenheit dazu. Schon kurz nach der Gründung zählte die GNU 40.000 Mitglieder, die in rund 1.600 Arbeitsgruppen ehrenamtliche Naturschutzarbeit leisteten.
Zehntausende engagierten sich in der staatlichen Gesellschaft für Natur und Umwelt, zum Beispiel bei der Biotoppflege. Politisch bewegte sich dort aber nichts. (Bild von 1988, Bundesarchiv, Lizenz: Creative Commons)
Das Konzept der Staatsführung, die Umweltbewegung zu kontrollieren, ging dennoch nicht auf. Parallel zur betont unpolitischen Arbeit der GNU, gerne mal als "Krötenzählerei" bezeichnet, bildeten sich in der DDR mehr und mehr unabhängige und kritische Gruppen von Naturschützern. Ihnen war neben dem Protest gegen die Umweltverschmutzung vor allem eines wichtig: die öffentliche Diskussion von Umweltrisiken und das Aufbegehren gegen die Nicht-Informationspolitik der Regierung (siehe Infobox).
Sammeln und weitergeben
Einige Gruppen gaben Rundbriefe, Faltblätter und Broschüren im Eigenverlag heraus. Solche Publikationen zu drucken und zu verbreiten, war unter dem Dach der Kirche und "für den internen Gebrauch" möglich. Um Mitglieder mit Informationen zu versorgen, entstanden Umweltbibliotheken - gemeinschaftlich genutzte "Bücherschränke" mit schwer zugänglicher und von offizieller Seite verbotener Umweltliteratur.
"Feindlich-negative Kräfte"
Der Staatsführung war das Streben, Probleme beim Namen zu nennen, suspekt. Umweltaktivisten gerieten als "feindlich-negative Kräfte" ins Visier des Ministeriums für Staatssicherheit. Legale Handhaben hatte die Staatsmacht kaum: Die Umweltbewegung argumentierte systemkonform, indem sie zum Beispiel das Einhalten von Gesetzen forderte oder Eingaben an "Staatsorgane" machte. Auch in ihren Aktionsformen waren die Umweltschützer darauf bedacht, keine Angriffspunkte zu bieten: Demonstrationen an Chemiewerken oder verschmutzten Gewässern hießen eben "Wallfahrten" oder "Schau-Angeln"...
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Infobox
Katastrophenvertuschungsinstitut
Schon in der Verfassung der DDR von 1968 war der Schutz der Natur und der Umwelt zur Pflicht des Staates und der Gesellschaft erklärt worden, und als einer der ersten Staaten weltweit richtete die DDR 1972 ein Ministerium für Umweltschutz- und Wasserwirtschaft (MfUW) ein.
Die löblichen Ansätze jedoch erstickten bald unter den Erfordernissen der Wirtschafts- und Sozialpolitik: Der Ölpreisschock beförderte eine Renaissance der heimischen Braunkohle. Unter dem chronischen Druck des Devisenmangels blieben Investitionen zur Modernisierung von Fabriken aus, viele Anlagen fuhren auf Verschleiß, Produktivität und Effizienz nahmen - bei steigendem Energiebedarf - ab.
Das frühere Aushängeschild der Umweltpolitik, das Umweltschutzministerium, wandelte sich derweil zu einem Katastrophenvertuschungsinstitut; die DDR- Regierung verschwieg Umweltzerstörungen, vertuschte und log. Luftverschmutzung, Gewässerbelastung, saurer Regen und Waldsterben - all das gab es nach offiziellen Darstellungen in der DDR nicht.
Damit niemand das Gegenteil behauptete, setzte eine rigorose Desinformationspolitik ein: Ab 1973 wurden keine Umweltdaten mehr veröffentlicht, selbst politische Entscheidungsträger hatten eingeschränkten Zugang zu Informationen - bis hin zu einem Beschluss des Ministerrats vom 16. November 1982, der Geheimhaltung für sämtliche Umweltfragen verordnete.
Schon in der Verfassung der DDR von 1968 war der Schutz der Natur und der Umwelt zur Pflicht des Staates und der Gesellschaft erklärt worden, und als einer der ersten Staaten weltweit richtete die DDR 1972 ein Ministerium für Umweltschutz- und Wasserwirtschaft (MfUW) ein.
Die löblichen Ansätze jedoch erstickten bald unter den Erfordernissen der Wirtschafts- und Sozialpolitik: Der Ölpreisschock beförderte eine Renaissance der heimischen Braunkohle. Unter dem chronischen Druck des Devisenmangels blieben Investitionen zur Modernisierung von Fabriken aus, viele Anlagen fuhren auf Verschleiß, Produktivität und Effizienz nahmen - bei steigendem Energiebedarf - ab.
Das frühere Aushängeschild der Umweltpolitik, das Umweltschutzministerium, wandelte sich derweil zu einem Katastrophenvertuschungsinstitut; die DDR- Regierung verschwieg Umweltzerstörungen, vertuschte und log. Luftverschmutzung, Gewässerbelastung, saurer Regen und Waldsterben - all das gab es nach offiziellen Darstellungen in der DDR nicht.
Damit niemand das Gegenteil behauptete, setzte eine rigorose Desinformationspolitik ein: Ab 1973 wurden keine Umweltdaten mehr veröffentlicht, selbst politische Entscheidungsträger hatten eingeschränkten Zugang zu Informationen - bis hin zu einem Beschluss des Ministerrats vom 16. November 1982, der Geheimhaltung für sämtliche Umweltfragen verordnete.



