Neue Ansprüche
Immer mehr ältere Menschen entscheiden sich dafür, in Senioren-WGs zu leben. Das Zusammenleben hier richtet sich auf den Aufbau sozialer Netzwerke, die im Bedarfsfall gegenseitige Unterstützung garantieren.Wer denkt als Dreißig- oder Vierzigjähriger ernsthaft daran, wie und vor allem wo er den Ruhestand verbringen wird? Selbst Sechzigjährige antworten auf die Frage, wie sich ihr Leben in ein paar Jahren gestalten wird, oft mit: "Das sehen wir, wenn es soweit ist." Ist es dann aber soweit - und bringt das hohe Alter noch Krankheit und Hilfebedürftigkeit mit sich -, heißt die Antwort oft Alten- oder Pflegeheim. Solche institutionalisierten, fremdbestimmten Wohnformen verzeichnen allerdings eine sinkende Akzeptanz.
Steigende Lebenserwartung
Doch die Pflege alter Menschen innerhalb der Familie werde in Zukunft immer weniger zu leisten sein, prognostizieren Demografen; die Zunahme der Ein-Personen-Haushalte, der zahlenmäßige Rückgang der jüngeren Altersgruppen sowie die steigende Lebenserwartung seien hauptsächliche Gründe dafür. Laut einer Studie des Kuratoriums Deutsche Altershilfe (KDA) aus dem Jahr 2003 erhalten achtzig Prozent der Hilfe- und Pflegebedürftigen Hilfe durch Familienmitglieder. Derartige familiäre Netzwerke werden, heißt es in der Studie, in Zukunft so nicht mehr verfügbar sein.
Enormes Entwicklungspotenzial
Auf diesem Hintergrund bescheinigen Experten der Idee des gemeinschaftlichen Wohnens im Alter enormes Entwicklungspotenzial. Erste Initiativen zur Gründung so genannter Senioren-WGs gab es zwar bereits in den 1970er Jahren, als sich ansonsten vor allem Studenten für Wohngemeinschaften zu begeistern begannen. Doch trotz gewachsenen öffentlichen Interesses und einer stetig steigenden Anzahl von Anfragen - 2003 erkundigten sich rund 8.700 Menschen beim Forum für gemeinschaftliches Wohnen im Alter nach Wohnprojekten - schätzt das KDA die Zahl der bisher realisierten Projekte auf nur etwa 250.
Reisen, Sport treiben, kurz: das Leben aktiv gestalten - Ruhestand heißt nicht Stillstand. (Bild: AOK Mediendienst)
Doch spreche die demografische Entwicklung für ein weiteres Steigen der Nachfrage: So stehe mittelfristig ein besonders deutliches Wachstum der Gruppe der "jungen Alten" (65 bis 80 Jahre) bevor. Die in dieser kommenden Altengeneration stärker ausgeprägten Ansprüche an Selbstbestimmung und Mitgestaltung der Wohn- und Lebenswelt stellten eine Herausforderung an Wohnungsmarkt- und Infrastrukturentwicklung dar.
Konkrete Anschauung
Die Nachfrage sei gerade dort besonders groß, wo das Angebot schon relativ weit entwickelt ist, wie etwa in Hamburg, München und in Nordrhein-Westfalen. Hier existiere ein funktionierendes Informationsnetz, zudem liefere das bereits vorhandene Angebot eine konkrete Anschauung über diese Wohnform. Die geringe Zahl bisher realisierter Projekte erkläre sich vor allem durch lange Planungszeiten von etwa fünf Jahren, durch fehlende Kooperationspartner - Banken, Wohnungsunternehmen, Stadtplaner - sowie durch mangelnde professionelle Unterstützung.
Die Idee der Rentner-WG hat also in Deutschland noch immer Modellcharakter. Das mag auch mit dem falschen Bild zusammenhängen, welches der Begriff Wohngemeinschaft assoziiert. "Rentnerkommunen", wie sie vor allem in den Medien propagiert werden, entsprechen kaum der tatsächlichen Idee vom gemeinschaftlichen Wohnen im Alter. Unter diesem Begriff sind alle Wohnformen zusammengefasst, in denen das Zusammenleben von und mit älteren Menschen praktiziert wird: Wohn- und Haus- wie auch Nachbarschafts- und Siedlungsgemeinschaften.
Zusammenleben von Alt und Jung
Die meisten solcher Wohnprojekte haben ein Zusammenleben von Alt und Jung zum Ziel. Wie die Studie des KDA feststellt, sei die selbst geplante und verwaltete, mehrere Generationen umfassende Hausgemeinschaft der Idealtyp gemeinschaftlichen Wohnens. Hier nämlich ließen sich die Ansprüche an das Gemeinschaftsleben am besten verwirklichen: Hatten die frühen Wohngemeinschaften noch die der Studenten zum Vorbild - also größere Wohnungen mit zwar eigenen Individualbereichen (ein oder zwei Zimmern), aber gemeinsamer Küche und Bad -, bevorzugen neuere Projekte abgeschlossene Wohneinheiten mit zusätzlichen Gemeinschaftsräumen.
Erhalt des persönlichen Freiraums
Laut einer niederländischen Studie aus dem Jahr 2000 hat sich das Ideal einer sehr engen Gemeinschaft zu einem realistischeren Konzept gewandelt, welches dem gewachsenen Bedarf an Rückzugsmöglichkeiten gerecht wird: Nur aus gesicherter Privatheit heraus ließe sich ein stabiles Gemeinschaftsleben entwickeln. So werde heute auf den Erhalt des persönlichen Freiraums und Lebensstils großer Wert gelegt.
Sicherheit und Geborgenheit
Auch wenn die einst familienähnliche Wohnsituation zugunsten dieses Konzepts mehr und mehr aufgegeben wird, helfen gemeinschaftliche Wohnformen beim Aufbau unterstützender Netzwerke, vermitteln ein Gefühl erhöhter Sicherheit und Geborgenheit. Gegenseitige Hilfe gehört zum Selbstverständnis gemeinschaftlichen Wohnens. Als sozialer Rahmen kann sie nicht nur Angehörige und Nachbarn ersetzen, sondern auch Hilfeleistungen ambulanter Dienste ergänzen.
Kein Familienersatz
So könnten Wohngemeinschaften nicht nur dem Einzelnen finanzielle Vorteile bringen, auch die Gesellschaft würde von den hohen Kosten einer institutionellen Unterbringung alter Menschen entlastet. Allerdings gibt es Grenzen der Unterstützung: Kurzfristige Erkrankungen, so zeigen die bisherigen Erfahrungen, seien zwar zu bewältigen, doch bei höherem Pflegebedarf - etwa bei Bettlägerigkeit und intensiver Betreuung - fühlten sich die Mitbewohner überfordert. Keine Wohngemeinschaft könne die Familie völlig ersetzen, vor allem fehle die emotionale Basis.
Selbstbestimmtes Wohnen im Alter
Dennoch: in einer auf Mobilität und Flexibilität ausgerichteten Gesellschaft, in der die Fundamente des Gemeinschaftslebens - Familie, Nachbarschaft, Kirchgemeinde - langsam wegbrechen, trägt die Idee des gemeinschaftlichen Wohnens, speziell die des Mehrgenerationenwohnens, ein enormes Potenzial in sich. Wenn die Zahl älterer Menschen in Zukunft deutlich steigt, während sich familiäre Netzwerke auflösen und zugleich immer weniger Menschen Heimunterbringung akzeptieren, liegt hier vielleicht der Schlüssel zu selbstbestimmtem Wohnen und Leben im Alter.
Ulrike Wolf (10.01.2007)
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