Zivilcourage kann man lernen: In diesem Projekt der Polizei üben Schülerinnen und Schüler sich durchzusetzen.
Öffentlichkeit schaffen
Neben Mut ist auch Wissen gefragt: Kenntnisse, wie sich Notsituationen entschärfen lassen. "Dazu gehört, eine Situation einschätzen zu können: Was ist sinnvoll? Was ist realistisch?", so der Gewaltexperte Günther Gugel. Ein einzelner Mensch kann gegen einen Schlägertrupp nichts ausrichten, kann aber die Polizei verständigen und sich den Ablauf des Geschehens und das Aussehen der Täter genau einprägen, um als Zeuge aufzutreten.
Hilfreich ist es auch, andere Passanten direkt anzusprechen und zur Hilfe aufzufordern: "Sie mit der roten Jacke merken sich jetzt, wie der Täter aussieht, und Sie mit der Aktentasche rufen mal die Polizei." Die so gewonnene Öffentlichkeit und das Gefühl, alle gegen sich zu haben, haben schon manchen Rüpel entmutigt.
Kleine Geste, große Wirkung: Gandhi hebt Salz vom Strand auf und bricht damit das Salzmonopol der britischen Kolonialmacht. Mehr dazu im Infokasten rechts.
Mitunter hilft auch kreatives, fast paradoxes Reagieren auf bedrohliche und unangenehme Situationen: Ein junger Mann, dem eines Abends dunkle Gestalten Geld abknöpfen wollten, fragte gerade heraus: "Habt ihr Schwierigkeiten? Wie viel braucht ihr denn?" Die Störenfriede waren so perplex, dass sie "25 Cent" nuschelten und den Rückzug antraten. Und als eine junge Kellnerin sich nach einem anstrengenden Arbeitstag einem bewaffneten Räuber gegenüber sah, sagte sie nur matt "Ich bin müde, ich kann nicht mehr" - der Räuber verschwand unverrichteter Dinge.
Kleine Schritte
Mut, Selbstbewusstsein, das nötige Wissen und ein bisschen Kreativität - die Hürden, Zivilcourage zu zeigen, scheinen hoch. Doch die Experten sind sich einig: Zivilcourage kann man trainieren. Wer hat sich nicht schon geärgert über jemanden, der sich in der Supermarktschlange vordrängelt, über einen ausländerfeindlichen Witz oder über eine anzügliche Bemerkung im Kollegenkreis? Da den Mund aufzumachen und zu widersprechen, kostet nicht viel, ist aber ein erster wichtiger Schritt. "Man trainiert Zivilcourage im Alltag, wenn man sich gegen Diskriminierung und gegen Übergriffe wendet", rät Gewaltexperte Gugel, "...indem man dem Gruppendruck widersteht und seine eigene Meinung vertritt."
Folgenschweres Versagen
Zivilcourage im Kleinen, im Alltag, ist oft unspektakulär und fällt kaum auf. Aufmerksamkeit für Zivilcourage gibt es dann, wenn sie tragische Folgen hat - wie im Fall der S-Bahn-Schläger in München. Für seine eigene Zivilcourage wird Dominik Brunner postum mit dem Bayerischen Verdienstorden geehrt, Bundeskanzlerin Angela Merkel nennt ihn ein "Vorbild", für Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier ist er "ein wirklicher Held".
Doch Dominik Brunner ist kein Held, der strahlt. Er ist einer, der der Masse das eigene Stillhalten, das eigene Schweigen bewusst macht. Denn bei Zivilcourage geht es nicht um Heldentum, eher im Gegenteil. Um es mit den Worten der italienischen Journalistin Franca Magnani zu sagen: "Je mehr Bürger mit Zivilcourage ein Land hat, desto weniger Helden wird es einmal brauchen."
Urte Paul (21.09.2009)
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Infobox
Der lebenslange Widerständler Ernst Niekisch, die Geschwister Scholl, Mahatma Gandhi, Martin Luther King, die Demonstranten im Herbst 1989 in der DDR: Zivilcourage gibt es nicht nur in alltäglichen Situationen; sie kann sich auch gegen politische Verhältnisse wenden und helfen, die Welt zu verändern.
Eine spezielle Form der Zivilcourage ist der zivile Ungehorsam, also das symbolische Übertreten von Normen und Gesetzen, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Es war der US-amerikanische Dichter Henry David Thoreau (1817 bis 1862), der den Ausdruck prägte und das Konzept in die Tat umsetzte: Er weigerte sich, Steuern zu zahlen - aus Protest gegen die Sklaverei und gegen den Mexikanisch-Amerikanischen Krieg (1846 bis 1848).
Vorreiter des zivilen Ungehorsams im Zwanzigsten Jahrhundert war Mohandas Karamchand (genannt Mahatma) Gandhi (1869 bis 1948). Gandhis Philosophie der Satyagraha stützte sich auf die Lehren des Hinduismus und Jainismus. Kern der Satyagraha ist ein Appell an Herz und Gewissen der Gegner durch eigene Gewaltlosigkeit und die Bereitschaft zu Leiden und Schmerz.
Legendär ist Gandhis "Salzmarsch" im Jahr 1930: In 24 Tagen legten Gandhi und 78 Mitstreiter 385 Kilometer zur Westküste Indiens zurück (Schmerz und Leiden). Dort angekommen, hob Gandhi Salz vom Strand auf (Gewaltlosigkeit) und verstieß damit gegen das britische Salzmonopol - ein Symbol für koloniale Ausbeutung. Es war nur eine kleine Geste, doch stieß sie Ereignisse an, die 1947 in Indiens Unabhängigkeit mündeten.
An Gandhi orientierten sich in den 1950er und 1960er Jahren auch Martin Luther King und andere Bürgerrechtler in den USA, um die institutionelle Rassentrennung zu überwinden. Eine beliebte Aktionsform waren Sit-ins: Afroamerikaner setzten sich in Restaurants, zu denen nur Weiße Zutritt hatten. Häufig wurden sie dafür beschimpft, nicht selten bedroht und geschlagen.
Auch auf die so genannten Freedom Rides reagierten weiße Mobs mit Gewalt: Afroamerikaner fuhren mit Bussen durch die USA, um auf die faktisch unverändert weiter bestehende Rassentrennung in Bahnhöfen und Verkehrsmitteln aufmerksam zu machen. Sowohl Gandhi als auch King, die beide zeitlebens für Gewaltlosigkeit eintraten, fanden einen gewaltsamen Tod durch die Hand von Attentätern.
Eine spezielle Form der Zivilcourage ist der zivile Ungehorsam, also das symbolische Übertreten von Normen und Gesetzen, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Es war der US-amerikanische Dichter Henry David Thoreau (1817 bis 1862), der den Ausdruck prägte und das Konzept in die Tat umsetzte: Er weigerte sich, Steuern zu zahlen - aus Protest gegen die Sklaverei und gegen den Mexikanisch-Amerikanischen Krieg (1846 bis 1848).
Vorreiter des zivilen Ungehorsams im Zwanzigsten Jahrhundert war Mohandas Karamchand (genannt Mahatma) Gandhi (1869 bis 1948). Gandhis Philosophie der Satyagraha stützte sich auf die Lehren des Hinduismus und Jainismus. Kern der Satyagraha ist ein Appell an Herz und Gewissen der Gegner durch eigene Gewaltlosigkeit und die Bereitschaft zu Leiden und Schmerz.
Legendär ist Gandhis "Salzmarsch" im Jahr 1930: In 24 Tagen legten Gandhi und 78 Mitstreiter 385 Kilometer zur Westküste Indiens zurück (Schmerz und Leiden). Dort angekommen, hob Gandhi Salz vom Strand auf (Gewaltlosigkeit) und verstieß damit gegen das britische Salzmonopol - ein Symbol für koloniale Ausbeutung. Es war nur eine kleine Geste, doch stieß sie Ereignisse an, die 1947 in Indiens Unabhängigkeit mündeten.
An Gandhi orientierten sich in den 1950er und 1960er Jahren auch Martin Luther King und andere Bürgerrechtler in den USA, um die institutionelle Rassentrennung zu überwinden. Eine beliebte Aktionsform waren Sit-ins: Afroamerikaner setzten sich in Restaurants, zu denen nur Weiße Zutritt hatten. Häufig wurden sie dafür beschimpft, nicht selten bedroht und geschlagen.
Auch auf die so genannten Freedom Rides reagierten weiße Mobs mit Gewalt: Afroamerikaner fuhren mit Bussen durch die USA, um auf die faktisch unverändert weiter bestehende Rassentrennung in Bahnhöfen und Verkehrsmitteln aufmerksam zu machen. Sowohl Gandhi als auch King, die beide zeitlebens für Gewaltlosigkeit eintraten, fanden einen gewaltsamen Tod durch die Hand von Attentätern.



