Getrunken wurde immer gern
Schon zu Zeiten der Germanen war Alkohol beliebt. Während der letzten Jahrhunderte hat sich daran wenig geändert. Nur Mengen und Formen unterlagen dem Wandel.Zum Wohl! Alkoholische Getränke sind ein Bestandteil deutscher Lebensart.
Trinken in göttlichen Sphären
Für die Germanen gehörten Rausch und Erkenntnis zusammen. Betörende Getränke erwärmten das Blut, reizten die Nerven und regten die Fantasie an. Ihr Genuss befreite die Trinkenden vom Alltag und versetzte sie in eine Sphäre, die nach ihren Vorstellungen nur eine göttliche sein konnte. Schon der römische Historiker Cornelius Tacitus sagte zu seiner Zeit: "Germanen beraten sich beim Weine, da man sich betrunken nicht verstellen kann."
Zeitalter der Trunksucht
Das 16. Jahrhundert wird gelegentlich als das klassische Zeitalter deutscher Trunksucht bezeichnet. Trunkenheit muss in jener Zeit ein Synonym für militärische Disziplinlosigkeit und mangelnde Einordnungsbereitschaft gewesen sein. Diese Sorge teilten Kaiser und Landesfürsten, wie unzählige regionale Verordnungen gegen die Trunkenheit belegen. Auch Luther versuchte zu Lebzeiten, vom Ende des 15. bis Mitte des 16. Jahrhunderts, gegen das unmäßige Trinken vorzugehen. Doch weder Ermahnungen noch Strafandrohungen hinterließen nachhaltigen Eindruck bei seinen Landsleuten. So lautete schließlich sein Fazit, dass das "Saufen in unserem Land eine Art Pest ist, welche Gottes Zorn über uns schickte".
Renaissance - Wandel der Trinkgewohnheiten
Die zu der Zeit der Renaissance entstehende neue Benimmkultur konnte die Neigung der deutschen Nation zum Trunke nicht erschüttern. Umfangreiche Verordnungen und Strafen der Obrigkeit gegen Geselligkeit und fröhliche Zecherei umgingen die Leute immer wieder mit viel Geschick und Fantasie. Gemeinsames Trinken wurde hoch geschätzt. Es vollzog sich eine Wandlung der Gewohnheiten: mäßiger Genuss im Alltag, akzeptiertes Übermaß bei festlichen Anlässen. Dabei hätte es Alternativen gegeben.
18. Jahrhundert - Kaffee versus Bier
Doch die Obrigkeit hatte Bedenken, dass sich der Import von Kaffee negativ auf den Absatz von Inlandsprodukten auswirken würde. Mit einer Flut von Erlassen und Verboten ging man deshalb seit Mitte des 18. Jahrhunderts gegen den Kaffeekonsum vor. Kaffee und andere neuartige Getränke konnten sich nicht dauerhaft in den unteren Schichten etablieren. Ab dem späten Mittelalter haben fast ausschließlich Bier und Wein das Trinken im Alltag und bei geselligen Anlässen bestimmt. Neue Konkurrenz gab es erst nach dem Dreißigjährigen Krieg: den Branntwein. Mit diesem Tropfen entstand ein neuartiger Rausch, der bei den Feierlichkeiten der Unterschichten zum festen Bestandteil wurde.
Illustration von Gustav Imlauer aus dem Jahr 1883: Alkoholexzesse sind vor allem hochprozentigen Getränken geschuldet.
Mit der beginnenden Industrialisierung im 19. Jahrhundert und der damit verbundenen Verschärfung von Klassenkonflikten nahm die Alkoholproblematik bis dahin ungekannte Dimensionen an. In vielen Fabriken wurde kostenlos Branntwein an die Arbeiter ausgeschenkt, damit sie täglich zwölf bis fünfzehn Stunden härtester körperlicher Arbeit bei minimaler Entlohnung durchhalten konnten. Allmählich wurden Stimmen laut, die diese Entwicklung wegen des Suchtpotentials des Alkohols äußerst kritisch beurteilten. In Preußen stieg der Bierkonsum im 19. Jahrhundert von durchschnittlich 20 auf 120 Liter pro Kopf und Jahr. Es entstand eine "proletarische Trinkkultur". Statt auf der Arbeit wurde immer mehr während der Freizeit getrunken. Alkoholische Getränke waren keine Nahrungsmittel mehr, sondern heiß begehrte Genussmittel.
Alkoholische Moderne
Am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts stieg der Branntweinkonsum stark an. Während die Oberschicht hochwertigen Branntwein trank, häufig auch in Mixgetränken, musste das Proletariat oft schlechten Fusel aus eigener Herstellung konsumieren. Menge und Häufigkeit des Trinkens wurden nahezu unverändert auf die hochprozentigen Getränke übertragen. Das führte zu einer sozialen und gesundheitlichen Verwahrlosung ganzer Schichten. Erst jetzt begann man schweren Alkoholmissbrauch als Krankheit wahrzunehmen und gab ihr den Namen Alkoholismus.
Anne Grimm (11.01.2010)
Dieser Artikel gehört zum Thema
| Alkohol | ![]() |
Infobox
Alkohol - der Begriff
Alkohol, im Arabischen al-kuhl, stand ursprünglich für sehr feines Antinompulver, das als Augenschminke benutzt wurde. Im übertragenen Sinn war Alkohol die geistige Essenz, die für die irdene Essenz als Lösungsmittel diente. Nach Europa gelangte dieser Begriff während der langen arabischen Herrschaft in Spanien. Auch in der spanischen Sprache bedeutete alcohol ursprünglich feines, trockenes Pulver, was, als Bezeichnung für verschiedene Produkte, in die Alchemie Eingang fand.
Erst Paracelsus benutzte alcohol vini im heutigen, engeren Sinn für Weingeist und Essenz des Weines. Der Begriff Alkohol in moderner Bedeutung existiert erst seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als es der Wissenschaft das erste Mal gelang, den Alkoholgehalt von Flüssigkeiten zu bestimmen. Zwar war seit dem 17. Jahrhundert bekannt, dass eine bestimmte Substanz in Getränken berauschend wirkt, doch bezeichnete man diese als "Oel" oder "Spiritus".
Alkohol, im Arabischen al-kuhl, stand ursprünglich für sehr feines Antinompulver, das als Augenschminke benutzt wurde. Im übertragenen Sinn war Alkohol die geistige Essenz, die für die irdene Essenz als Lösungsmittel diente. Nach Europa gelangte dieser Begriff während der langen arabischen Herrschaft in Spanien. Auch in der spanischen Sprache bedeutete alcohol ursprünglich feines, trockenes Pulver, was, als Bezeichnung für verschiedene Produkte, in die Alchemie Eingang fand.
Erst Paracelsus benutzte alcohol vini im heutigen, engeren Sinn für Weingeist und Essenz des Weines. Der Begriff Alkohol in moderner Bedeutung existiert erst seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als es der Wissenschaft das erste Mal gelang, den Alkoholgehalt von Flüssigkeiten zu bestimmen. Zwar war seit dem 17. Jahrhundert bekannt, dass eine bestimmte Substanz in Getränken berauschend wirkt, doch bezeichnete man diese als "Oel" oder "Spiritus".
Infobox
Die Kunst des Weinbrennens
Branntwein ist eine vergleichsweise junge menschliche Erfindung. Die Kunst des Weinbrennens und ihre Anwendung setzte sich erst im 12. Jahrhundert durch. Damit entstand eine neue Qualität von alkoholischen Genussmitteln - Branntwein berauschte stärker. Im Unterschied zu Wein und Bier waren Spirituosen auch länger haltbar. Am Anfang war es jedoch schwer, dieses Getränk herzustellen, da das Geheimnis um den begehrten Schnaps gehütet und die Anfertigung kompliziert war. Außerdem wurden über mehrere Jahrhunderte ausschließlich aus Wein Spirituosen gewonnen. Das Alkoholangebot vermehrte sich also nicht, sondern variierte nur.
Das Weinbrennen stand vor allem im Dienst der Medizin, die glaubte, damit ein Heilmittel gefunden zu haben. Ausgangspunkt für die Herstellung von Branntwein war die berühmte medizinische Hochschule von Salerno am Thyrrenischen Meer. Von dort aus verbreitete sich die Kenntnis über die Produktion im 13. Jahrhundert bis nach Europa. Erst im 15. und 16. Jahrhundert löste sich der Branntwein aus dem Medizinmonopol und begann als Genussmittel Einfluss auf die Trinkgewohnheiten auszuüben.
Branntwein ist eine vergleichsweise junge menschliche Erfindung. Die Kunst des Weinbrennens und ihre Anwendung setzte sich erst im 12. Jahrhundert durch. Damit entstand eine neue Qualität von alkoholischen Genussmitteln - Branntwein berauschte stärker. Im Unterschied zu Wein und Bier waren Spirituosen auch länger haltbar. Am Anfang war es jedoch schwer, dieses Getränk herzustellen, da das Geheimnis um den begehrten Schnaps gehütet und die Anfertigung kompliziert war. Außerdem wurden über mehrere Jahrhunderte ausschließlich aus Wein Spirituosen gewonnen. Das Alkoholangebot vermehrte sich also nicht, sondern variierte nur.
Das Weinbrennen stand vor allem im Dienst der Medizin, die glaubte, damit ein Heilmittel gefunden zu haben. Ausgangspunkt für die Herstellung von Branntwein war die berühmte medizinische Hochschule von Salerno am Thyrrenischen Meer. Von dort aus verbreitete sich die Kenntnis über die Produktion im 13. Jahrhundert bis nach Europa. Erst im 15. und 16. Jahrhundert löste sich der Branntwein aus dem Medizinmonopol und begann als Genussmittel Einfluss auf die Trinkgewohnheiten auszuüben.



