Viel Lärm um ...?
Ambrosia "genießt" seit einiger Zeit die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. In den USA, in Frankreich, in Ungarn wuchert das Kraut und ruft schwere Allergien hervor. Nun geht auch in Deutschland die Angst um."Körperverletzung! Ein Fall für den Staatsanwalt", schreibt im Juni 2008 der Nutzer eines Internetforums für Erwerbslose. Ein anderer pflichtet bei: "Ich würde gegen den Träger dieser Maßnahme sofort Strafanzeige wegen akuter Gesundheitsgefährdung erstatten." Grund für den Unmut der User ist ein Projekt in Berlin. Seit Sommer 2008 durchstreifen hier Ein-Euro-Jobber die Bezirke auf der Jagd nach einer Pflanze: Beifußblättriges Traubenkraut, besser bekannt unter dem Namen Ambrosia.
Klein und gemein
Ambrosia ist ein unscheinbares Kraut, doch dessen Pollen haben es in sich. "Diese Pflanze ist in ihrer Aggressivität viel potenter als andere Allergen-Pflanzen", erläutert Dr. Regina Treudler, Oberärztin an der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie am Universitätsklinikum Leipzig. Auf Baum- und Gräserpollen reagierten Betroffene ab etwa 25 Pollen; doch bereits fünf Ambrosiapollen reichten aus, um bei empfindlichen Personen allergische Reaktionen wie Augenjucken, Atembeschwerden und sogar Asthma hervorzurufen. Grund dürfte die geringe Größe der Pollen sein: sie sind lediglich 16 bis 22 Mikrometer groß und können darum weit in die Atemwege eindringen. "Klein und gemein", kommentiert die Ärztin.
Fundorte von Ambrosia im Jahr 2007: In der Lausitz, am Oberrhein und in Bayern gibt es die größten Vorkommen.
Im Osten der USA, wo Ambrosia - englisch: Ragweed, "Fetzenkraut" - ursprünglich beheimatet ist, sind die Pollen der Pflanze bereits Allergen Nummer eins: zehn bis zwanzig Prozent der Menschen dort haben eine Ambrosiaallergie. Nach Europa kam das Kraut im 19. Jahrhundert - es wurde unbeabsichtigt eingeschleppt. Seitdem hat sich der Eindringling in mehreren Ländern Süd- und Südosteuropas zur regelrechten Plage entwickelt. So sind in Teilen Norditaliens bis zu siebzig Prozent der Menschen auf Ambrosiapollen sensibilisiert. In der Ukraine und in Ungarn sind riesige Sonnenblumen- und Maisfelder von dem Unkraut befallen.
Das Kraut muss weg!
Damit es gar nicht erst so weit kommt, wird Ambrosiabekämpfung in der Schweiz bereits groß geschrieben: Felder, auf denen Ambrosia wächst, dürfen nicht abgeerntet werden, betroffene Bauern erhalten eine Entschädigung. Städte, Parks und sogar private Gärten werden auf Ambrosiabewuchs kontrolliert. In einigen Kantonen strebt man an, Schulklassen auf das Erkennen und Entfernen der Pflanzen zu trainieren, unter dem Motto "Früh übt sich, wer Ambrosia erkennen und ausreißen will."
Vor der Invasion
Und auch in Deutschland sind Behörden und Medien auf die "grüne Gefahr" (so titelte im Juli 2008 die Zeit) und die drohende "Invasion" des "Allergiker-Albtraums" aufmerksam geworden. Der Klimawandel, so der Tenor, begünstige die Ausbreitung der Pflanze, und die Bundesrepublik sei potenzielles Siedlungsgebiet. In Bayern gibt es inzwischen ein ressortübergreifendes Aktionsprogramm Ambrosiabekämpfung, das Informationen sammelt, über Ambrosia aufklärt und Bekämpfungsvorschläge macht. Und in Berlin ziehen Ein-Euro-Jobber los, dem Kraut den Garaus zu machen.
Ambrosiapflanzen bilden nur ein kleines und kaum verzweigtes Wurzelwerk aus. Einzelne Exemplare lassen sich daher leicht entfernen.
Droht Deutschland etwa, von einer Monsterpflanze überwuchert zu werden? "Die Allergologen haben sicher Recht, wenn sie vor Ambrosia warnen", sagt René Schatz, Hobby-Experte und Betreiber der Website www.ambrosia.de. Das Vorkommen der Pflanze schätzt er allerdings wenig problematisch ein: "Ambrosia gedeiht in Deutschland nicht flächendeckend, und die Bestände sind überschaubar". Das Kraut fühle sich in unserem Klima nicht sonderlich wohl - es bevorzuge lange warme Sommer und benötige viel Feuchtigkeit.
Karge Böden bevorzugt
Obwohl jede Ambrosiapflanze bis zu fünfzehntausend Samen produzieren kann, hält Schatz es für unwahrscheinlich, dass Ambrosia sich unkontrolliert ausbreitet und einheimische Arten verdrängt. Denn das Kraut wächst am liebsten auf kargen Böden, wo wenig andere Pflanzen gedeihen: an Straßenrändern, an Bahndämmen, auf Baustellen. Seltener kommt es in Parks, Gärten und Neubaugebieten vor.
Ambrosia erstickt
"Meine Theorie ist: Wo die einheimische Vegetation intakt ist, setzt sich Ambrosia nicht durch. Eher wird sie von Löwenzahn, Klee und Gräsern verdrängt, als anders herum", erläutert Schatz. Schließlich benötigen die Samen zum Keimen viel Licht - und das bekommen sie bei geschlossener Vegetationsdecke nicht. Während eines Experiments in den USA hat sich das Kraut an einem Standort, wo es zunächst ungehindert wucherte, nach wenigen Jahren sogar selbst erstickt: die Überreste abgestorbener Pflanzen verhinderten, dass neue Samen keimten.
Auch in Vogelfuttermischungen gelangen Ambrosiasamen nach Deutschland.
Zahlen zur Ambrosiaallergie bestätigen René Schatz' Eindruck, dass Ambrosia derzeit in Deutschland keine erheblichen Probleme macht. Bei einer Studie in Sachsen hätten weniger als fünf Prozent der Untersuchten auf die Pollen des Beifußblättrigen Traubenkrauts reagiert, berichtet die Allergologin Regina Treudler. "Wir denken, dass Ragweed derzeit eine geringe klinische Bedeutung hat", fügt die Ärztin hinzu. Das heißt: In wenigen Fällen seien konkrete Beschwerden auf Ambrosia zurückzuführen.
Kein Monsterkraut
Wachsamkeit sei dennoch geboten, findet Regina Treudler. Wenn sich Ambrosia ausbreite, könne auch die Zahl der Allergiker steigen. René Schatz hält das Überwachen und Bekämpfen der Pflanze ebenfalls für sinnvoll. "Insgesamt ist das Image der Ambrosia aber zu negativ", sagt er und verweist darauf, dass die Pflanze immerhin bereits seit etwa 1860 in Deutschland vorkomme. "Wenn sie wirklich so gefährlich wäre, wüsste man das doch längst."
Urte Paul (10.09.2008)
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Infobox
Das Beifußblättrige Traubenkraut (lateinisch: Ambrosia artemisiifolia) ist eine einjährige krautige Pflanze. Sie keimt im April und wächst zunächst nur langsam. Erst ab Juni schießt sie in die Höhe und streckt sich bis zu zwei Meter hoch. Ab Ende Juli bildet Ambrosia kleine, unscheinbare Blüten und produziert pro Pflanze bis zu einer Milliarde seiner aggressiven Pollen. Beim ersten Frost stirbt das Kraut, hinterlässt jedoch bis zu fünfzehntausend Samen. Für deren Verbreitung ist hauptsächlich der Mensch verantwortlich.
Nach Deutschland gelangen Ambrosiasamen vor allem von den Mais- und Sonnenblumenfeldern in Südosteuropa - per Vogelfutter: Tests ergaben, dass manche Körnermischungen mehrere hundert Ambrosiasamen pro Kilogramm enthalten. Wer im Winter Vögel füttert, sollte seinen Garten darum jedes Jahr nach Ambrosia absuchen und eventuell einschreiten. Kleine Bestände lassen sich mühelos manuell beseitigen, indem man die Pflanze vor der Blüte samt Wurzel herauszieht und - in einen Plastiksack verschnürt - in den Hausmüll gibt.
Nach Deutschland gelangen Ambrosiasamen vor allem von den Mais- und Sonnenblumenfeldern in Südosteuropa - per Vogelfutter: Tests ergaben, dass manche Körnermischungen mehrere hundert Ambrosiasamen pro Kilogramm enthalten. Wer im Winter Vögel füttert, sollte seinen Garten darum jedes Jahr nach Ambrosia absuchen und eventuell einschreiten. Kleine Bestände lassen sich mühelos manuell beseitigen, indem man die Pflanze vor der Blüte samt Wurzel herauszieht und - in einen Plastiksack verschnürt - in den Hausmüll gibt.
Infobox
Als Neophyten werden Pflanzen bezeichnet, die nach dem Jahr 1492 in Regionen eingeführt wurden, in denen sie vorher nicht heimisch waren. Das kann bewusst geschehen, etwa bei Nutzpflanzen wie Tomaten und Kartoffeln oder bei "schönen" Gewächsen wie dem Gemeinen Flieder.
Durch den wachsenden Warenverkehr über die Ozeane gelangten unbeabsichtigt allerdings auch Pflanzen nach Europa, die als weniger nützlich und freundlich angesehen werden. Manche dieser Arten haben in ihrer neuen Heimat keine natürlichen Feinde und breiten sich daher fast ungehindert aus. Drohen sie, einheimische Flora zu verdrängen, spricht man von invasiven Arten. In Europa zählen dazu der Amerikanische Stinktierkohl, der Japanische Staudenknöterich und die Schmalblättrige Wasserpest.
Von manchen Einwanderern gehen sogar Gesundheitsgefahren aus: Der Saft des Riesen-Bärenklaus, der aus dem Kaukasus nach Mitteleuropa kam, führt zu schmerzhaften Hautreaktionen. Auf rund siebenhundert schätzt der Ökologe Ingo Kowarik die Zahl der nichteinheimischen Pflanzen hierzulande. Problematisch seien davon jedoch nur etwa fünfzig.
Durch den wachsenden Warenverkehr über die Ozeane gelangten unbeabsichtigt allerdings auch Pflanzen nach Europa, die als weniger nützlich und freundlich angesehen werden. Manche dieser Arten haben in ihrer neuen Heimat keine natürlichen Feinde und breiten sich daher fast ungehindert aus. Drohen sie, einheimische Flora zu verdrängen, spricht man von invasiven Arten. In Europa zählen dazu der Amerikanische Stinktierkohl, der Japanische Staudenknöterich und die Schmalblättrige Wasserpest.
Von manchen Einwanderern gehen sogar Gesundheitsgefahren aus: Der Saft des Riesen-Bärenklaus, der aus dem Kaukasus nach Mitteleuropa kam, führt zu schmerzhaften Hautreaktionen. Auf rund siebenhundert schätzt der Ökologe Ingo Kowarik die Zahl der nichteinheimischen Pflanzen hierzulande. Problematisch seien davon jedoch nur etwa fünfzig.




