"Keine Angst!"
Angst ist ein Bestandteil des Lebens. Leugnen müssen wir unsere Angst nicht, sogar nützlich kann sie sein. Nicht immer sinnvoll ist daher ein gut gemeinter Ratschlag.Kinderstreiche gehören als Mutproben zur Bewährung vor Anderen. Nur keine Angst zeigen! lautet die Devise.
Gefahr im Verzug
Dabei kennt sie jeder, und hätte ein Problem ohne sie: Als menschliche Grundemotion hat Angst einen Sinn und Zweck, den ihr die Evolution verlieh. Urängste - ob vor Gewitter, Dunkelheit, kriechendem Getier oder großer Höhe - halfen unseren frühzeitlichen Ahnen, in gefahrvoller Umwelt zu überleben. Denn wer Angst hatte vor dem Dunkel der Höhle (in der ein Bär hausen könnte), oder der zischenden Schlange im Gras (eventuell giftig), erkannte eine potenzielle Bedrohung und war auf der Hut. Angst signalisiert Gefahr und versetzt den Körper in Alarmbereitschaft: das Herz schlägt kräftiger und pumpt Blut in Muskeln und Gehirn, die Atmung beschleunigt sich - der Organismus bereitet sich auf Flucht oder Kampf vor.
Furcht im Alltag
Urängste sind uns geblieben, wenn sie auch inzwischen oft unbegründet sind. Gefahren, vor denen uns Angst warnt, birgt indes auch die Zivilisation zur Genüge. Gesellschaftlicher Wandel bringt zudem neue, kollektive Ängste hervor: So hielt etwa die atomare Bedrohung bei vielen schlimme Befürchtungen wach. Vor ansteckenden Krankheiten oder Kriminalität ängstigen sich heute viele Menschen. Furcht erfasst uns häufig in alltäglichen Situationen: vor dem Besuch beim Zahnarzt, der wichtigen Prüfung, dem Bewerbungsgespräch, dem seltsamen Typen, mit dem wir allein an der U-Bahn-Station stehen. In solchen Fällen können wir sagen, wovor wir uns fürchten.
Lust an der Angst
Oftmals beschleicht uns dagegen ein Gefühl unbestimmter Angst, ohne dass eine genaue Bedrohung erkennbar oder aktuell ist: Zukunftsängste, um Arbeitsplatz, Gesundheit, vor dem Verlust geliebter Menschen... - der Wegfall des Vertrauten, Ungewissheit und Veränderung können Angst einflößen; was sie ausmacht, ist Unschärfe und Vielfalt.
Sigmund Freud (um 1905): Der Wiener Arzt ging mittels Tiefenpsychologie den Ängsten seiner Patienten auf den Grund.
Aus den Untiefen der Seele
Wenn Menschen sich Bedrohungen einbilden, aus Mücken Elefanten machen, oder sich grundlos ängstigen, kann Angst zum Problem werden: Statt zu aktivieren, lähmt sie die Betroffenen und lässt sie an alltäglichen Aufgaben scheitern. Wie Angststörungen entstehen, beschäftigt Psychologen, Mediziner und Neurobiologen. Den Begriff der Angst populär machte die Psychoanalyse: Freud und seine Anhänger nahmen seelische Konflikte und ihre gescheiterte Verarbeitung als Quelle der Angst an, die sich in vielerlei Gestalt ihren Weg zur Oberfläche bahnt: als Hysterie, Nervosität, Zwangshandlung oder Phobie, als letztere auf ein Objekt bezogen, das nicht ihre eigentliche Ursache ist.
Erlernte Angst
Angst ist Resultat von Lernprozessen: oftmals genügt die Erinnerung an ein unangenehmes Erlebnis, um sie erneut zu aktualisieren. Der entsprechenden Situation müssen Betroffene jedoch gar nicht selbst ausgesetzt gewesen sein; von Bezugspersonen, etwa den Eltern, können sie deren Angst erwerben, vielleicht auch erben: Genetisch bedingte Faktoren, wie ein labiles Nervensystem oder Anomalien der Gehirnfunktion, machen vermutlich besonders anfällig für Angst.
Angst vorm Aufenthalt auf öffentlichen Plätzen und in Menschenmengen ist auf Platz eins der langen Liste der Phobien.
Keine Angst vor der Angst
Zumal sich die Wenigsten eingestehen, ein Problem zu haben, so lange, bis die Angst die Betroffenen hilflos macht. Statt Angst zu bekämpfen, sollten wir sie öfter zulassen, mit ihr umzugehen lernen: sie zeigt Unsicherheit, Bedenken, Zweifel an - menschliche und oft nützliche Reaktionen, die uns vor Fehlern warnen können. Keine Angst vor der Angst - ohne sie leben können wir ohnehin nicht.
Thomas Tschepke (26.05.2005)
Infobox
Verschiedene Gehirnbereiche wirken an der Entstehung von Angst mit, vor allem das limbische System, verantwortlich für alle grundlegenden Gefühle. Manche Sinnesreize verarbeitet der Mandelkern (Amygdala), das Angstzentrum des Gehirns, im Schnelldurchgang. Bewertet der Mandelkern den Reiz als bedrohlich, löst er eine Angstreaktion aus: Der Hypothalamus, der das Nervensystem steuert, sorgt für den Ausstoß von Stresshormonen und ruft so typische körperliche Angstmerkmale hervor.
Auch die Großhirnrinde analysiert eingehende Reize, allerdings langsamer und sorgfältiger als der Mandelkern. Löst letzterer falschen Alarm aus, indem er etwa eine Gummispinne als echtes Tier identifiziert, korrigiert die Großhirnrinde diese Reaktion und veranlasst den erregten Organismus zur Beruhigung. Unbemerkt vom Bewusstsein kann der Mandelkern besonders eindringliche Erlebnisse speichern und später erneute Angst auslösen, die dem Betroffenen grundlos erscheint.
Auch die Großhirnrinde analysiert eingehende Reize, allerdings langsamer und sorgfältiger als der Mandelkern. Löst letzterer falschen Alarm aus, indem er etwa eine Gummispinne als echtes Tier identifiziert, korrigiert die Großhirnrinde diese Reaktion und veranlasst den erregten Organismus zur Beruhigung. Unbemerkt vom Bewusstsein kann der Mandelkern besonders eindringliche Erlebnisse speichern und später erneute Angst auslösen, die dem Betroffenen grundlos erscheint.
Infobox
An Angststörungen leidet fast ein Zehntel aller Deutschen. Drei Grundformen gibt es: Unspezifisch und lang anhaltend ist die generalisierte Angststörung, sie macht sich bemerkbar mit Unruhe, Reizbarkeit und Anspannung.
Auf bestimmte Situationen oder Objekte beziehen sich Phobien; häufig sind: Angst vorm Aufenthalt in ungewohnter Umgebung, vor allem im öffentlichen Raum und in Menschenmengen (Agoraphobie), Angst im Umgang mit Menschen, davor, beobachtet zu werden und im Mittelpunkt zu stehen (Soziale Phobie), sowie spezielle Phobien wie Höhen-, Platz- und Flugangst oder die Angst vor Gegenständen oder Tieren.
Kurzzeitige, intensive Angstzustände, verbunden mit Zittern, Schweißausbrüchen, Herzrasen oder Atemnot, heißen Panik. Sie treten spontan oder im Zusammenhang mit bestimmten Situationen, Ereignissen oder Orten auf; schon die Furcht vor den Symptomen kann Panik auslösen (Erwartungsangst oder Angst vor der Angst).
Manche Opfer oder Zeugen von schweren Unfällen, Misshandlung oder Gewalt bilden eine posttraumatische Belastungsstörung (PTSD) aus, welche sie in wiederkehrenden Angstanfällen den Vorfall erneut durchleben lässt. Ein größerer Teil der heimgekehrten Soldaten des Irak-Kriegs soll an PTSD leiden. Die Häufigkeit des Syndroms ist umstritten, Kritiker sprechen von einer "Modediagnose". Jedoch vermuten Psychiater, dass viele ältere Menschen, die im Zweiten Weltkrieg aufgewachsen sind, von der Krankheit betroffen sein könnten. Angststörungen lassen sich mit Psychotherapie, Kognitions- und Verhaltenstherapien oder Medikamenten behandeln.
Auf bestimmte Situationen oder Objekte beziehen sich Phobien; häufig sind: Angst vorm Aufenthalt in ungewohnter Umgebung, vor allem im öffentlichen Raum und in Menschenmengen (Agoraphobie), Angst im Umgang mit Menschen, davor, beobachtet zu werden und im Mittelpunkt zu stehen (Soziale Phobie), sowie spezielle Phobien wie Höhen-, Platz- und Flugangst oder die Angst vor Gegenständen oder Tieren.
Kurzzeitige, intensive Angstzustände, verbunden mit Zittern, Schweißausbrüchen, Herzrasen oder Atemnot, heißen Panik. Sie treten spontan oder im Zusammenhang mit bestimmten Situationen, Ereignissen oder Orten auf; schon die Furcht vor den Symptomen kann Panik auslösen (Erwartungsangst oder Angst vor der Angst).
Manche Opfer oder Zeugen von schweren Unfällen, Misshandlung oder Gewalt bilden eine posttraumatische Belastungsstörung (PTSD) aus, welche sie in wiederkehrenden Angstanfällen den Vorfall erneut durchleben lässt. Ein größerer Teil der heimgekehrten Soldaten des Irak-Kriegs soll an PTSD leiden. Die Häufigkeit des Syndroms ist umstritten, Kritiker sprechen von einer "Modediagnose". Jedoch vermuten Psychiater, dass viele ältere Menschen, die im Zweiten Weltkrieg aufgewachsen sind, von der Krankheit betroffen sein könnten. Angststörungen lassen sich mit Psychotherapie, Kognitions- und Verhaltenstherapien oder Medikamenten behandeln.


